Für Impfung, aber: »Eine Impfpflicht ist der falsche Weg«

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60 Bewohner des Waginger Seniorenheims wurden am vergangenen Wochenende gegen Corona geimpft. Wir haben uns in Altenheimen umgehört, wie die Tendenz beim Personal aussieht und wie man eine mögliche Impfpflicht sehen würde, die Ministerpräsident Markus Söder ins Gespräch gebracht hat. (Foto: Seniorenheim)

Mitarbeiter von Pflege- und Altenheimen, die sich nicht gegen Corona impfen lassen wollen: Der Bayerische Ministerpräsident Markus Söder hält in solchen Fällen eine Impfpflicht für denkbar. »Sich impfen zu lassen, sollte als Bürgerpflicht angesehen werden«, sagte Söder. Eine staatliche Kampagne zur Förderung der Impfbereitschaft, »an der sich Vorbilder aus Kunst, Sport und Politik beteiligen«, könne helfen.


Mit seinem Vorschlag stößt er aber bei heimischen Seniorenheimen auf wenig Gegenliebe. Zu groß ist die Sorge, dass Pflegepersonal, das sich wirklich nicht impfen lassen will, in andere Berufe wechselt – was die ohnehin angespannte Personalsituation weiter verschärfen würde.

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»Eine Impfpflicht für Pflegepersonal sehe ich sehr kritisch und halte ich auch derzeit nicht für sinnvoll«, sagt dazu Alexander Schmid vom Caritas-Altenheim Traunstein. »Die Bereitschaft zur Impfung war von Beginn an da und steigt jetzt auch mit zunehmender Informationslage.« In der letzten Woche sei das Impfteam zur ersten Impfung im Haus gewesen, »alles lief reibungslos, auch wenn mit hohem Aufwand unsererseits verbunden«. In den Heimen seien primär nur Bewohner für eine Impfung vorgesehen, nur ein möglicher Rest des Impfstoffs werde an Mitarbeiter weitergegeben.

Die beklagte Impfskepsis des Pflegepersonals in Seniorenheimen erlebe er nicht. »Vermutlich sollte aber gerade im Pflegebereich eine ausreichende Information und Beratung stattfinden. Und dies auch in mehreren Sprachen.«

Impfbereitschaft im Pflegezentrum Bergen

»Von unseren 69 Mitarbeitern im Pflegezentrum Bergen wären aktuell knapp 80 Prozent bereit, sich impfen zu lassen, wobei einige Mitarbeiter derzeit aufgrund einer vorangegangenen Covid-Erkrankung nicht geimpft werden dürfen«, erklärt dazu Katharina Zimmerer von der Pur Vital Altenhilfe, zu der das Seniorenheim in Bergen gehört.

»Wir hatten bereits ein Impfteam im Haus, das lediglich unsere Bewohner geimpft hat. Die Impfquote bei den Bewohnern liegt bei 90 Prozent«, sagt sie. Die Impfteams im Landkreis Traunstein kämen in jede Einrichtung zweimal für die erste und zweite Impfung. Danach seien keine weiteren Besuche geplant. »Uns wurde mitgeteilt, dass die Impfung der Mitarbeiter über das Impfzentrum erfolgt. Leider gibt es dort derzeit keine Impfdosen – so die Auskunft«, bedauert sie.

Einer Impfpflicht stehe man aber sehr kritisch gegenüber. »Wer sich nicht impfen lassen möchte, hat sich dies sicherlich reiflich überlegt und seine Gründe. Bei der Verpflichtung könnten Pflegekräfte allgemein abspringen und der gesamten Branche nicht mehr zur Verfügung stehen, was bei einem derzeit schon bestehenden Fachkräftemangel in Deutschland fatal wäre«, gibt Zimmerer zu bedenken.

Ebenso befürchte man aufgrund des derzeit fehlenden Impfstoffs im Landkreis, dass die Bereitschaft zum Impfen mit zunehmend verstrichener Zeit abnehmen könnte und sich einige Pflegekräfte (nicht nur auf das Pur Vital bezogen) nicht mehr impfen lassen wollen.

»Meine persönliche Meinung zur Impfpflicht ist eindeutig«, sagt dazu Ugur Cetinkaya, Chef des SenVital Senioren- und Pflegezentrums Ruhpolding. »Ich bin pro Impfung, halte es für sehr sinnvoll, jedoch ist eine Pflicht in der Pflege der falsche Weg. Die Gefahr ist zu groß, dass Pflegekräfte in dieser angespannten Situation den Job verlassen könnten.«

Pflichten seien immer mit Gegenwehr verbunden – gerade, wenn sie neu eingeführt werden. »Ich halte den Weg der Freiwilligkeit für den einzig richtigen in diesem Kontext«. Der gesellschaftliche Druck auf die Pflegekräfte sei ohnehin schon ungemein groß.

Die Mehrheit seiner Mitarbeiter seien durchaus bereit, sich impfen zu lassen. »Leider wurden in unserem Landkreis die Mitarbeiter nicht zeitgleich mit den Bewohnern in den Einrichtungen geimpft. Sicherlich existieren auch bei unseren Mitarbeitern bedenken, wie beim Rest der Bevölkerung.«

Beim ersten Impftermin hatten die Impfteams genug Impfstoff für alle angemeldeten 85 Prozent der Bewohner dabei. Die zweite Impfung stehe noch bevor. Bezüglich der von Ministerpräsident Markus Söder beklagten geringen Impfbereitschaft sei seine Hypothese, dass in Krankenhäusern die schwereren Verläufe ihr Ende fänden. Krankenhaus-Mitarbeiter seien daher mit dem Tod durch Corona stärker konfrontiert. Dies wiederum erhöht die Sensibilität ungemein. Gerade auch der negative Krankheitsverlauf junger Patienten ist in den Krankenhäusern viel häufiger der Fall.

60 Bewohner in Waging geimpft

60 der 90 Bewohner des Waginger Seniorenheims St. Martin sind bereits freiwillig gegen das Corona-Virus geimpft worden. Bei den anderen sprachen medizinische Gründe (Medikamente, auch positive Coronabefunde und dergleichen) gegen eine Impfung. Im Vorfeld war das für jeden Bewohner in Hinweis- und Aufklärungsgesprächen geklärt worden. Die 60 Impfwilligen hatten die Impfung auch nach Rücksprache mit Angehörigen, Betreuern, Hausarzt und dann auch mit dem Impfarzt als alternativlos erkannt. Aus ihrer Sicht gibt es keinen anderen Weg als die Impfung, um wieder zu mehr Normalität in ihrem Heimalltag zu gelangen.

Zum Vorstoß des Bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder, der eine Impfpflicht für Mitarbeiter in der Altenpflege gefordert hatte, sagt Heimleiter Hubert Sailer: »Wenn, dann nur in den Bereichen mit direktem Bewohnerkontakt.« Betroffen wären also hauptsächlich Pflege und Hauswirtschaft. Wegen der Grundrechtsverletzung sei er selbst gegen eine derartige Impfpflicht. »Das sollte eine Vernunftentscheidung jedes Einzelnen sein.«

Dabei sei er keineswegs gegen die Impfung an sich. »Die meisten Schutzimpfungen (Masern, Diphtherie, Meningokokken) hatten ja durchaus positive Auswirkungen.«

Aktuell rund die Hälfte bereit zur Impfung

Aktuell sei rund die Hälfte der Belegschaft bereit, sich impfen zu lassen – »Tendenz steigend«. Sorgen bereiteten den anderen hauptsächlich die im Internet kursierenden möglichen Komplikationen. Das Gros der Mitarbeiter könne sich aber ab Mitte der Woche telefonisch oder online einen Termin im Impfzentrum geben lassen. Einige hätten sich auch bereits im Haus (nach der Bewohnerimpfung – einige Bewohner waren erkrankt oder haben die Impfung nachträglich doch verweigert) mit den restlichen Dosen impfen lassen.

Viele wollten aber einfach abwarten, welche Impfreaktionen noch auftauchen. Sie riskierten aber bis dahin ihre eigene und natürlich unter Umständen auch die Gesundheit der Mitbürger, so Sailer. »Vielleicht ist die Impfbereitschaft im Krankenhaus wirklich besser, weil das Personal hier direkt mit den schweren Verläufen konfrontiert ist?«, mutmaßt auch dieser Heimleiter.

KR/coho/he