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Für ein Heldengrab wird gesorgt

Schwere biblische Kost leicht verdaulich und doch mit dem nötigen Tiefgang darzustellen: Das ist dem Ensemble Reformstau bei seiner Aufführung des alttestamentarischen Stoffes von König David und seiner verhängnisvollen Affäre mit Batseba hervorragend gelungen. Mit tollen Texten, mitreißender Musik vielerlei Stilrichtungen, einer guten schauspielerischen Leistung und immer wieder überraschenden Gags schaffte es das Ensemble im k1-Studiotheater in Traunreut, das Publikum zu unterhalten – die zweieinhalb Stunden vergingen wie im Flug – und dabei doch Abgründe der menschlichen Seele auszuloten. Erstaunlich dabei, wie es jedem beziehungsweise jeder aus dem achtköpfigen Team gelungen ist, Text, Musik und Schauspiel in seiner beziehungsweise ihrer Person zu vereinen. Und faszinierend ebenfalls, wie das dramatische Geschehen durch lustige Einlagen immer wieder aufgelockert wurde.

Bei aller Dramatik ließen die Schauspieler das Publikum auch mal verschnaufen und brachten es zum Lachen: Ein Höhepunkt war der temperamentvolle Auftritt des Panorama-Sextetts mit einem schön schmalzigen Stück im Dreivierteltakt. (Foto: Karin Eder)

Bei dieser Fülle an Ideen und Szenen, bei dem musikalischen Reichtum des Stücks (für all das zeichnet mit viel Kreativität und enormer Schaffenskraft Martin Ströber verantwortlich) und bei dem eindrucksvollen Farbenspiel der Beleuchtung konnte auf ein gewaltiges Bühnenbild verzichtet werden. Etliche schwarz verhangene Würfel, der Königsthron, der mitunter rasch zu einem weiteren Würfel wurde, ein paar Tischchen und Stühle sowie eine Leinwand genügten. Eigentlich klar, dass das Stück mit Harfenmusik – gespielt von Ursula Riedl – beginnen musste, mit einem Loblied auf König David, der doch als psalmendichtender Harfenspieler ins Gedächtnis der Menschheit eingegangen ist.

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Markus Riedl spielte den König unterkühlt, nüchtern, pragmatisch. Der Krieg, den er derzeit gegen die Ammoniter führt, sei unvermeidlich. Davon ist er überzeugt, und so argumentiert er auch gegenüber dem Propheten Nathan, den Helmut Ertl eindrucksvoll und authentisch darzustellen imstande war. Insofern ist er sich einig mit seinem späteren »Kontrahenten«, dem Hauptmann Urija, der ebenfalls kein Problem hat, in den Krieg zu ziehen. Erwarten ihn dabei doch Ruhm und Geld. Die Wünsche seiner Frau Batseba (von der hervorragenden Sängerin Conny Mörtl sehr zurückhaltend gespielt) nach Frieden und vielleicht sogar Kindern dringen bei ihm nicht durch.

Urija zieht also in die Schlacht, während seine Frau mit ihrer schrillen Freundin Rebekka (witzig und mit sichtlichem Vergnügen von Ursula Riedl dargestellt) shoppen geht und den Haushalt schmeißt. Als sie sich danach in der Badewanne entspannt, nimmt das Verderben seinen Lauf. Der König beobachtet sie nämlich dabei und beschließt, sie zu sich holen zu lassen. Es beginnt eine Affäre, die Batseba gar nicht so unrecht zu sein scheint. Aber als sie schwanger wird, wird König David klar, dass er was unternehmen muss.

Er lässt Urija vom Kriegsschauplatz nach Jerusalem kommen und gibt ihm ein paar Tage frei, die er mit seiner Frau verbringen soll. Dies aber lässt der Soldatenstolz des Urija nicht zu – und damit fällt er sein eigenes Todesurteil. Denn auch einen weiteren Versuch des Königs, ihn mit seiner Frau zusammenzubringen, damit er ihm das Baby unterschieben kann, wie die Palastbedienstete Deborah (Claudia Ströber) despektierlich, aber zutreffend feststellt, boykottiert er. So sieht der König nur noch den Ausweg, dafür zu sorgen, dass Urija in der Schlacht umkommt.

Als die Botschaft von dessen Tod Jerusalem erreicht, ist David der erste, der Batseba zu trösten versucht und den Gefallenen mit großen Ehren bestatten lässt – gleichzeitig aber in einem großen Lied alle Schuld von sich weist. So scheint alles wieder seinen gewohnten Trott zu gehen, David versucht Batseba aufzuheitern, die untröstlich und von Gewissensbissen geplagt ein Schatten ihrer selbst, aber dennoch an seiner Seite ist. Das dafür anberaumte Konzert des Panorama-Sextetts ist ein fetziges Stück Musik, die Spielfreude des Ensembles ist überwältigend, der Titel »Nimm's nicht so schwer« hat echte Ohrwurm-Qualität. Das Publikum hat den größten Spaß dabei – und auch Batseba kann wieder lächeln, David will sie nun sogar heiraten. Da aber kommt der Prophet Nathan wieder zu ihm und zeigt ihm aufgrund der Parabel von dem Mann mit nur einem Lamm, das ihm vom Reichen, der viele Schafe hat, auch noch weggenommen wird, was er angerichtet hat. Da erkennt David seine Schuld und gesteht ein: »Bei mir lief einiges verkehrt.«

Dass schon längere Zeit etwas verkehrt gelaufen war, hatten die Palastbediensteten Joschafat (Richard Löw) und seine Frau Deborah längst erkannt. Die beiden gaben ihre Rolle als beflissenes Dienstpersonal mit Anzug, Krawatte und Organizer überzeugend, verkörperten dabei sozusagen das »normale« Volk, das sich so seine Gedanken macht über den Unsinn des Krieges, über die Verrücktheiten der Oberen generell. Und in den Szenen, da Stimmung und Gaudi gefragt war – vor allem eben beim Auftritt des Panorama-Sextetts – wuchs Richard Löw als Stimmungskanone, als toller Sänger und unwiderstehlicher Vamp über sich hinaus.

Ein ebenso genialer wie gelungener Kunstgriff in dem Stück waren die Szenen, die der Beamer auf die Leinwand warf. War man bei Batseba in der Wohnung, schien eine hochmoderne Küche auf, war sie im Bad, sah man die Badewanne, die zudem von – echten – Seifenblasen umschwirrt war. Wenn es bei David und Batseba zur Sache ging, wurde der Zuschauer durch einen Hinweis auf den Jugendschutzparagrafen »gewarnt«. Und wer es bis dahin immer noch nicht »gecheckt« hatte, der merkte, was passiert war, spätestens dann, als David wieder auf die Bühne zurück kam: zerzaust, wohlig grinsend, sich eine Zigarette anzündend.

Was hier als reines Vergnügen begonnen hatte, wurde dann aber zur tödlichen Tragödie. Man muss David zugute halten, dass er alles versucht hatte, die Affäre anderweitig zu regeln, was aber Urijas Soldaten-Sturheit nicht zuließ. Und so kam es zu dem tragischen Ende – und zu dem finalen Auftritt von Prophet Nathan, der mit seiner sonoren Stimme, sich selber am Bass begleitend und von Martin Riedl am Schlagzeug kräftig unterstützt, dem König die Ballade vom »Lamm des Armen« so eindrucksvoll vortrug, dass jedem, nicht nur dem König, der Abgrund bewusst wurde, in den er sich manövriert hatte.

Aber die Zuschauer wurden nicht in diesem Stimmungstief belassen. David gestand seine Schuld ein und sprach von quälenden Gewissensbissen, bat aber gleichzeitig – unterstützt von allen Mitspielern – um Vergebung und die Chance auf einen neuen Anfang: »Nimm meine Hand, halt mich fest. Hilf mir, wieder aufzustehen, und lass sie nicht mehr los.« he