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»Fühlen uns wie eine kleine Volkspartei«

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Symbol für einen »unfallfreien« Wahlkampf: Bernhard Zimmer (links) überreichte an Robert Habeck ein »Fuikl«, den Kopfschmuck der Kühe beim Almabtrieb. (Foto: H. Eder)

Waging am See – Es war ein bisschen wie ein großes Klassentreffen: Am »Grünen Sonntag« trafen sich im Zirkuszelt am Kurpark so ziemlich alle, die sich in den vergangenen knapp 40 Jahren in den Landkreisen Traunstein und Berchtesgadener Land in Kreis- und Ortsverbänden von Bündnis 90/Die Grünen engagiert haben. Rund 450 Besucher erlebten in Waging die Rede des Bundesvorsitzenden Robert Habeck.


Die Idee, vor der Wahlveranstaltung zwei Stunden lang Raum zu geben für persönliche Unterhaltungen, wurde bestens genutzt. So war endlich einmal Zeit für Gespräche. Die Kandidaten mischten sich unters Volk und standen Rede und Antwort vielen Themen.

Von der guten Stimmung in Bayern, nicht zuletzt angeschoben von den hervorragenden Umfragewerten, ließ sich sogar die Vorsitzende des Grünen-Landesverbands Sachsen-Anhalt nach Waging locken: Britta Garben traf hier ihre bayerischen Kollegen, die Landesvorsitzenden Eike Hallitzky und Sigi Hagl. Warum gerade in Waging – weil hier Sepp Daxenberger zu Hause war. Sein Name wurde in Gesprächen und Reden vielfach beschworen. Auch Sohn Felix, dritter Bürgermeister in Waging, und Schwester Resi Leitenbacher waren bei dem Treffen.

Die Musikanten der Gruppe Kellerblech aus dem Rupertiwinkel untermalten den ersten Teil des Abends mit böhmisch-mährischer Blasmusik, und zwischen den Reden unterhielt Tobias Regner die Besucher. Für einen Gag sorgte Bernhard Zimmer, Direktkandidat im Stimmbezirk Berchtesgadener Land, zu dem Waging ja gehört: Er überreichte Habeck ein »Fuikl«, wie die Berchtesgadener Bauern den Schmuck ihrer Kühe beim Almabtrieb nennen – und hoffte auf »Unfallfreiheit« auch für den restlichen Wahlkampf.

Zimmer und die Traunsteiner Direktkandidatin Gisela Sengl würdigten alle »von der Basis«, die an der Organisation dieser Veranstaltung mitgearbeitet haben. Die bayerischen Spitzenkandidaten Ludwig Hartmann und Katharina Schulze zeigten sich beeindruckt von der Menge der Besucher und der Stimmung im Zelt. »Es liegt was in der Luft«, meinte Schulze mit Blick auf die Wahl: »Die Menschen haben keine Lust mehr auf Hass und Hetze, sondern auf eine Politik, die Mut gibt, statt Angst zu machen.« Die Parteien dürften nicht nur noch um sich selbst kreisen. Weiter hob sie die Bedeutung von Zivilcourage hervor; es dürfe nicht sein, dass Menschen Angst haben müssen, durch die Straßen gejagt zu werden. Sie hoffe, dass vom Wahlergebnis die Botschaft ausgehe, »das man Wahlen gewinnen kann, auch wenn man nicht auf der rechten Welle surft«.

Robert Habeck sagte, Politik müsse »die Dinge für die Menschen regeln: Eine Politik, die glaubt, dass sie am stärksten ist, wenn sie nichts macht, ist keine Politik«. Er nannte Beispiele wie die Diesel-Affäre, die Steuerverschonung vieler Großkonzerne und die Landwirtschaft. Die Grünen müssten raus aus ihrem Nischendasein als »Protest- oder Projekt-Partei« und mehr »staatstragend« agieren – in einer Zeit, »in der die CSU Teil des Problems geworden ist«. Denn der derzeit große Zuspruch sei auch »eine Verpflichtung für uns«.

Etwas gegen den Klimawandel zu tun, müsse jetzt endlich ernst genommen werden. Denn es würden mehr und mehr Landstriche unfruchtbar. Den Menschen bleibe dann nichts übrig, als woanders hinzugehen. So werde sich eine Flüchtlingswelle ungeahnten Ausmaßes ergeben, wenn nicht schnellstens nachhaltig geholfen werde. Denn, so Habeck, Ziel müsse es sein, »möglichst vielen Menschen ein Leben in einer einigermaßen intakten Natur zu ermöglichen – an Orten, von denen sie nicht mehr vertrieben werden«. Irgendwie habe er das Gefühl, dass die Grünen genau für dieses Ziel gegründet worden seien.

Zu Beginn hatte auch Habeck sich beeindruckt von der Atmosphäre im Zelt gezeigt: »Ich danke von Herzen, dass ich erleben darf, was in diesen Tagen und Wochen in Bayern geschieht.« Bei der tollen Stimmung mit den vielen Menschen »fühlen wir uns wie eine kleine Volkspartei«. Und Waging sei für die Grünen ein besonderer Ort, nahm auch er Bezug zu Sepp Daxenberger: »Was damals hier entstanden ist, ist das, was wir heute hier erleben.« he