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Fritz Harnest und seine Chiemseer Künstlerfreunde

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In der Künstlerlandschaft Chiemsee bildet neben dem Markt Prien und der Gemeinde Gstadt-Gollenshausen der Ort Übersee das dritte Künstlerzentrum im Chiemgau. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts siedelte sich mit Julius Exter ein renommierter Maler aus München in Übersee an.


Es folgten bald weitere Künstler wie Arnold Balwé, Elisabeth Balwé-Staimmer, Franz S. Gebhardt-Westerbuchberg, Willi und Rupprecht Geiger, Fritz und Mutz Harnest, Walter Brendel sowie Walter Lederer, die in Übersee lebten und dort ihre künstlerischen Werke schufen. Während dieser Zeit entstanden intensive Künstlerfreundschaften, wobei auch zwangsläufig künstlerische Auseinandersetzung stattfanden.

Einem dieser Kreise, rund um Fritz Harnest, wird nun in der derzeitigen Ausstellung in der Galerie im Alten Rathaus in Prien mit dem Titel »Fritz Harnest und seine Künstlerfreunde« gedacht. Zu den Künstlerkollegen aus Übersee kamen der Caspar-Schüler Otto Baumann aus Regensburg und der Chieminger Grafiker Wilhelm Neufeld sowie der noch junge Nikolaus Steindlmüller hinzu.

107 Werke zu sehen

Die Priener Präsentation zeigt insgesamt 107 Exponate von Fritz Harnest, Mutz Harnest, Otto Baumann, Walter Lothar Brendel, Rupprecht Geiger, Willi Geiger, Walter Lederer, Wilhelm Neufeld sowie Nikolaus Steindlmüller. Wie so oft in den Priener Ausstellungen werden gleichsam zur Orientierung alle Künstler mit einem oder zwei Werken im Erdgeschoßraum vorgestellt. Der große hintere Raum im zweiten Stock ist Fritz Harnest gewidmet, zu sehen sind seine großformatigen Arbeiten und die in Zusammenarbeit mit Nikolaus Steindlmüller entstandene Serie von Tellern. Vier Monate nach seinen letzten Ausstellungen in Traunstein (ARTS-Akzente-Ausstellung September/Oktober 1998) bei der er noch persönlich anwesend war und in Prien ist der Maler und Grafiker Fritz Harnest Ende Januar 1999 verstorben.

Geboren wurde Fritz Harnest 1905 in München. Er studierte von 1921 bis 1929 Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in München bei den Professoren Carl Johann Becker-Gundahl, Ludwig von Herterich und Carl Caspar. 1934 fand seine erste Einzelausstellung mit Kreidezeichnungen in Berlin statt und er lernte in diesem Jahr Emil Nolde kennen. 1937 übersiedelte er nach Übersee. Bereits im Jahr 1945 nahm Harnest an der ersten freien Kunstausstellung nach dem Zweiten Weltkrieg in Prien teil. Einen Höhepunkt in seinem Kunstschaffen bildete auch die Teilnahme an der »documenta II« 1959. Fritz Harnest ist in seiner Konsequenz und Ausdauer eine der großen Einzelfiguren in der Chiemgauregion. Seine Bedeutung besteht vor allem in der frühen Entwicklung eines sich auf Farbqualitäten stützenden abstrakten Stiles.

Wenn man beim ersten Anblick der 22 ausgestellten Arbeiten den Eindruck hat, es mit sehr einfachen Bildern zu tun zu haben, so irrt man. Ihr Fertigungsprozess ist doch wesentlich komplexer als es den Anschein hat. Trotz oder gerade wegen der Sparsamkeit der bildnerischen Mittel gelingt es dem Künstler, oftmals eine nicht vollkommen zu entschlüsselnde, rätselhafte innere Spannung in seinen Farbholzschnitten und Ölgemälden zu erzeugen. Harnest zeigt in seinen Arbeiten die Auseinandersetzung mit Konstruktionen und Kombinationen, indem er überwiegend völlig gegenstandslos, ausschließlich mit Flächen und Farben und ohne perspektivische Konstruktion die Bilder gestaltet.

So etwas wie Räumlichkeit entsteht allein durch die Staffelung und Anordnung der einzelnen unterschiedlichen Farbflächen, sowie durch schmale, leuchtend farbige Streifen. Die Flächen sind malerisch weich und in sich koloristisch äußerst differenziert wiedergegeben. Die Strenge der »Geometrie« wird dadurch aufgelöst.

In Harnests Gemälden aus den 60er und 70er Jahren spielen Grundformen wie z. B. Rechteck, Kreis, Oval, Trieb, Stamm und Säule eine wichtige Rolle. Farbe ergießt sich über die großformatigen Leinwände. Fritz Harnest gewinnt seine farbgestische Kraft aus der Kombinatorik von abstrakten Formelementen. Es strömen vertikale Farbbahnen und »Farblinien« nebeneinander oder ineinander und bewirken oftmals schwingende transparente Farbräume.

Farbe als selbstständiges Element der Malerei

Der Künstlerfreund von Fritz Harnest, der Autodidakt Rupprecht Geiger (1908 bis 2009) ist mit neun Serigrafien vertreten. Rupprecht Geiger begriff die Farbe als ein selbstständiges Element. Sie war für ihn das Wesentliche der Malerei. Um diese in ihrer selbstständigen Ausdruckskraft auch richtig zur Wirkung zu bringen, bediente er sich archetypischer Bildformen und isolierte die reine Farbe vom Gegenstand und setzte sie in ihrer Wirkung völlig frei.

Ein weiterer Künstlerfreund, der 1944 an den Chiemsee nach Übersee übersiedelte, war Walter Lothar Brendel (1923- bis 2013). Auch von ihm sind neun Arbeiten ausgestellt. Die kalligraphisch verwobenen, an Zahlen und Schriftzeichen erinnernden Bildelemente schweben wie Chiffren eines höheren Systems vor einer Farbfläche. Sie werden von lichten Farbfeldern und -streifen, wie eine geheimnisvolle Sprache aus einer anderen Welt, hinterfangen.

Ebenfalls zum engeren Künstlerkreis zählte der in Übersee lebende und dort arbeitende Walter Lederer (1923-2003). Die Natur, der Mensch und die Vergeistigung der Materie, die Walter Lederer in abstrakten Formen zu erfassen suchte, sind grundlegende Themen, die ihn sein Leben lang beschäftigten. Aus diesem philosophischen Ansatz schöpfte er seine eigenständige künstlerische Formulierung. Zwölf Arbeiten, Ölgemälde, Gouachen, Collagen und Zeichnungen, sind von ihm in Prien zu sehen.

Weitere zwölf Arbeiten sind von Wilhelm Neufeld (1908-1995) ausgestellt. Neufeld, der in Chieming arbeitete und lebte, war mit den nicht sehr weit entfernten Künstlern in Übersee in regem Kontakt und künstlerischem Austausch. Bekannt sind seine Holzschnitte, in Prien werden Ölgemälde sowie Bleistift- und Kohlezeichnungen gezeigt. Neufeld baute die Bilder in zahlreichen Farbschichten auf, die an unterschiedlichen Stellen wahrnehmbar sind. Trotz der figurativen Darstellungen werden große Partien in nahezu reiner und freier Malerei sichtbar.

Der Vater von Rupprecht Geiger, Willi Geiger (1878 bis 1971) lebte nach dem Krieg zurückgezogen in der Feldwies am Chiemsee in der Bax, einem alten Fischerhaus und rang um die Vervollkommnung seiner Malkunst. Von ihm sind acht Ölgemälde zu sehen aus den Jahren 1958 bis 1970, den Bildinhalt bilden Blumen, jedoch nicht im herkömmlichen Sinne, sondern Willi Geiger ging es darum, durch die Malerei die der Welt zugrunde liegende Grundstruktur erkenn- und erfahrbar zu machen.

Terracotta von Steindlmüller

Eine außergewöhnliche Note erhält die Ausstellung mit dem Terrakotta-Arbeiten von Nikolaus Steindlmüller. Der Künstler wurde 1946 in Prien geboren, wo er lebt und arbeitet. Banale Gegenstände wie z. B. ein Becher oder eine Platte werden durch ihr Größenverhältnis und durch Farbigkeit zu reinen Schauobjekten. Schwarz, organisch, glattpoliert und hermetisch verschlossen ist sein »Korpus« im Erdgeschoß.

Die äußerst interessante und bis dahin nie in dieser Art präsentierte Ausstellung ist noch bis 26.Oktober zu sehen und Dienstag bis Sonntag von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Gabriele Morgenroth