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Freund: Co-Trainer bei Villas-Boas wie Lotto-Sechser

London (dpa) - Steffen Freund ist seit einer Woche Co-Trainer bei Tottenham Hotspur in der Premier League. Bei seinem Ex-Club, bei dem er in der «Hall of Fame» verewigt ist, coacht der 42-Jährige erstmals auf Vereinsebene.

Auslandserfahrung
Steffen Freund ist nun Co-Trainer bei seinem früheren Arbeitgeber Tottenham Hotspur. Foto: Rolf Vennenbernd Foto: dpa

Im Interview it der Nachrichtenagentur dpa spricht der Europameister von 1996 über den Trend zu Deutschen in England, Tottenham als Kult-Club und seinen neuen Chef André Villas-Boas.

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Weshalb sind die Deutschen derzeit so gefragt in der Premier League?

Steffen Freund: «Das würde ich jetzt nicht vermischen, ich komme ja nicht als Spieler, sondern als Trainer. Und als Coach bin ja nur ich hier. Die Spieler-Situation ist eine andere. Da kann ich auf jeden Fall sagen: Deutsche Spieler sind wieder interessant für die Premier League - und das ist schön zu wissen!»

Trauen Sie Marko Marin und Lukas Podolski den Durchbruch bei ihren neuen Vereinen FC Chelsea und FC Arsenal zu?

Freund: «Natürlich traue ich ihnen das zu, auch Sascha Riether, weil die Bundesliga sehr stark ist. Es gibt aber einen entscheidenden Punkt, den die drei in der Premier League aufnehmen müssen: das Tempo im Verbund mit dieser körperlichen Präsenz, in jedem Spiel über 90 Minuten - das ist ein großer Unterschied zur Bundesliga.»

Die Atmosphäre an der White Hart Lane gilt als legendär.. Was macht den Kult um Tottenham aus?

Freund: «Die Spurs und ihre Fans mögen es, Fußball zu zelebrieren. Man will guten Fußball sehen und feiert die Mannschaft Woche für Woche. Wir haben unglaublich viele Fans im ganzen Land. Bei jedem Auswärtsspiel sind unsere Karten vergriffen. Dazu kommt die fast historische Rivalität zwischen Arsenal und Tottenham, weil beides Nord-Londoner Clubs sind. Und beide zählen mit Manchester United, Liverpool und Everton zu den großen fünf Traditionsclubs in England.»

Was genau sind da Ihre Aufgaben bei Tottenham?

Freund: «Das komplette Rundum-Paket eines Assistenz-Coaches, der die Trainingseinheiten begleitet, sich mit dem medizinischen Team und den anderen Coaches abstimmt, der Bindeglied zwischen Cheftrainer und Team ist - plus Spielauswertung und Ausarbeitung der Trainingsthemen. Von der ersten Minute an war ich extrem gefordert - nicht zuletzt, weil ich alle Arbeitsmaterialien ins Englische übersetzen musste.»

Und als früherer Trainer im U-Bereich des DFB gilt ihr Augenmerk sicher auch den Nachwuchsspielern..

Freund: «Natürlich! Ich freue mich schon, wenn wir nach der Rückkehr aus unserem Trainingslager in Amerika in die brandneue Trainingsakademie der Spurs umziehen. Das muss ein Traum sein - vorbildlich in Europa. Und ein wichtiger Punkt unserer Zukunft: Dort trainiert die jüngste U-Mannschaft bis zu den Profis.»

Und Sie wurden einfach so plötzlich vom Vereinspräsidenten Daniel Levy oder gar André Villas-Boas angerufen und bekamen das Jobangebot?

Freund: «Ja, Daniel Levy rief mich an, ob ich mir vorstellen kann, für Villas-Boas und Tottenham zu arbeiten - wer da "nein" sagt, ist selber Schuld. Und dann ging alles ganz schnell. Am 2. Juli war ich in London, um André kennenzulernen, am 12. war mein erstes Training.»

Ihr junger Chef Villas-Boas galt ja als Trainer-Shootingstar, seine Entlassung bei Chelsea war der erste Karriere-Rückschlag für den Portugiesen. Wie haben Sie ihn bisher erlebt und was macht ihn aus?

Freund: «Co-Trainer bei Villas-Boas ist für mich wie ein Sechser im Lotto. Es ist sehr viel Freude beim Training und trotzdem ist alles sehr, sehr gut organisiert - das ist Trainingsarbeit auf höchstem Niveau. André war selbst kein Profi, aber er hat schon als Jugendlicher alles über Fußball aufgesaugt und danach bei José Mourinho als Co-Trainer gelernt. Schon in seiner ersten vollen Saison als Chefcoach beim FC Porto hat er alle vier Titel gewonnen! Bei Chelsea die Konstellation kann ich nicht beurteilen, aber sie waren noch in der Champions League und im FA Cup mit ihm. Und wer sagt denn, dass er nicht auch beide Titel gewonnen hätte - oder wenigstens einen?»

Sie sind ja jetzt ganz dicht dran: Bleibt Rafael van der Vaart?

Freund: «Da er einen laufenden Vertrag bei uns hat, gehe ich davon aus, dass er bleibt.»

Was ist Ihr Ziel mit den Spurs in der kommenden Saison?

Freund: «Als Co-Trainer steht es mir doch gar nicht zu, nach wenigen Tagen im Amt bereits Saison-Ziele öffentlich zu formulieren. Die werden ganz klar vom Präsidenten oder André definiert.»

Was halten Sie von London?

Freund: «London ist einfach eine Weltstadt - und mehr muss man dazu wohl nicht sagen. Und auch wenn sich das tägliche Verkehrschaos in den kommenden Wochen wohl ins Unbeschreibliche steigern wird, freue ich mich, dass ich jetzt alle meine E-Mails aus gegebenem Anlass auch noch mit "olympischen Grüßen" verschicken kann.»

Homepage Steffen Freund