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Flucht aus dem Alltag – um Kraft zu schöpfen

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David Gazarov, Mulo Rrancel, Sven Faller und Robert Kainar (v. l.) auf der Flucht im NUTS. (Foto: Ortner)

Ja, da kleine NUTS kann auch »groß«. In schöner Regelmäßigkeit finden bekannte Künstler, die andernorts große Konzertsäle füllen, den Weg in Traunsteins überaus gemütliche Kleinkunstbühne. Aktuell vor ausverkauftem Haus der große Jazz- und Konzertpianist David Gazarov an der Seite Mulo Francels, um ihr erstes gemeinsames Werk »Escape« vorzustellen.


»Escape« sei keine Flucht im herkömmlichen Sinne, sondern vielmehr »eine Flucht aus dem Alltag, um Kraft zu schöpfen« erklärt ein sichtlich entspannter und bestens gelaunter Mulo Francel und plaudert auch wieder gerne aus dem Nähkästchen des weitgereisten Musikers, für den das NUTS auch eine Heimat ist. Francel kommt mit Quadro Nuevo und anderen Ensembles ins Haus, seit das NUTS vor 14 Jahren seine Pforten geöffnet hat, und erlebte hier schon viele gelungene Abende vor großem Publikum. Mit der Zusammenarbeit mit David Gazarov hat sich Mulo einen großen Wunsch erfüllt. Herausgekommen ist eine großartige und vielseitige Produktion aus der bunten Welt des Jazz und Piano-Blues, Garant für einen unterhaltsamen und vielseitigen, entspannenden und zugleich anspruchsvollen Abend.

Schon die Einleitung mit dem Titelstück überdeckt mit seiner bezaubernden Leichtigkeit die störenden Alltagsgedanken, die »alteuropäische« klassische Kaffeehausmusik von »Café Europa« trägt ihren Teil dazu bei, und Mulo Francels launige Geschichten und Anekdoten tun ihr übriges. Sehr schön und mit leichtfüßigem Saxofonspiel und lebendiger Pianoakrobatik kommt »La Vida del Senor Lorenzo« daher, wie Mulo erklärt, die Erzählung über das Leben eines kleinen Papageis. Zwar ein Paradies mit netten Menschen, duftenden Blumen und guten Cocktails – aber eben nur mit gestutzten Flügeln.

Ein sehr schönes neues Kleid bekommen an diesem Abend auch bereits bekannte Stücke wie die Widmung Quadro Nuevos an Johann Wolfgang von Goethes Reise nach Italien im Stile eines Bossa Nova, der Goethe als starken, positiven Menschen zeichnet, der jedoch durchaus auch gelegentlich von Verzweiflung befallen wurde, etwa wenn ihn die jungen Damen recht verfolgt hätten, wie Francel mit einem süffisanten Lächeln erläutert.

In der Besetzung mit Mulo Francel an Bassklarinette und Saxofon, Robert Kainar am Schlagwerk und Sven Faller am Kontrabass bekommt auch die »Reise nach Batumi« weitere entrückende Facetten verpasst. Mulo Francel: »Es ist die Geschichte von Jason und dem Goldenen Vlies vor Baku und David Gazarov ist hinter Baku aufgewachsen, darum diesmal also eine Reise nach Bakumi« – »in 3-D« wie Gazarov gutgelaunt ergänzt und mit seinem virtuosen Tastenspiel lebhafte Fantasiebilder der fernen märchenhaften Stadt zeichnet.

Zahlreiche »Widmungslieder« haben Mulo & Co. in ihrem großen Repertoire weitreichender Improvisationen. So gibt es etwa einen kleinen kubanischen Walzer für Pianistin Susi, Mulos Tochter Pauline zu ihrem Geburtstag sowie eine wunderschöne Klavierträumerei für Mulos überaus tierliebe und tierrettende Schwester Angela.

Völlig in vertieftem Spiel aufgehend, sein Publikum atemlos in Bann ziehend, zieht David Gazarov alle Register seines Könnens und spielt in seiner Solopräsentation von Oscar Petersons »Hmyn to Freedom« die komplette Klaviatur der Gefühle hinauf und hinunter. Das »Grande Finale« gibt es dann mit einer »südamerikanischen Gewürzvertonung« der Schokoladenbohne Kakao, deren Steigerung sich in der anschließenden Zugabe wiederfindet – nämlich der üppig-temperamentvollen »Erwachsenenversion« mit dem Titel »Mokkafreak«. Maria Ortner