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FIFA: Confed Cup geht trotz Demos weiter

Rio de Janeiro (dpa) - Die Massenproteste und Ausschreitungen in Brasilien lassen den Confederations Cup mehr und mehr zum Fiasko für den Gastgeber werden und wecken immer größere Sorgen vor der WM am Zuckerhut im kommenden Sommer.

Massenproteste
In Brasilien protestieren die Menschen gegen die Misswirtschaft und Korruption in ihrem Land. Foto: Felipe Trueba Foto: dpa

Gerüchte, dass angesichts der Sicherheitslage bereits über eine mögliche Verlegung des Turniers 2014 nachgedacht werde, wurden von der FIFA zurückgewiesen. «Es wurde weder darüber diskutiert noch in Erwägung gezogen, den Confederations Cup oder die WM abzusagen», betonte deren Sprecher Pekka Odrizola am Freitag in Rio de Janeiro.

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Die Spiele des Confederations Cups wie der 10:0-Rekordsieg von Weltmeister Spanien gegen das tapfere Team aus Tahiti sind weiterhin von den Demonstrationen nicht direkt betroffen, doch auf den Straßen des Riesenlandes herrscht teilweise Ausnahmezustand, und auch das erste Todesopfer ist zu beklagen.

Rund eine Million Menschen waren in der Nacht zum Freitag in etwa 100 Städten an den Protesten gegen soziale Ungerechtigkeit und Korruption beteiligt. In vielen Städten gerieten diese außer Kontrolle, es kam zu bürgerkriegsähnlichen Szenen. In Ribeirão Preto starb ein 18-Jähriger, der von einem Auto erfasst wurde, dessen Fahrer nicht an einer Barrikade der Demonstranten stoppen wollte.

Der Schaden für die WM-Organisatoren und die FIFA ist schon jetzt beträchtlich. Und die Sorgen der Teams nehmen zu. Italiens Trainer Cesare Prandelli berichtete von einer Ausgangssperre für seine Spieler. «Man hat uns in Recife und hier verboten, das Hotel zu verlassen», sagte er vor dem Spiel gegen den Gastgeber in Salvador. Von wem diese Anweisung kam, sagte er aber nicht. Dementiert wurde, dass die Squadra Azzurra eine Abreise aus Brasilien erwogen habe. «Wir denken nicht darüber nach, nach Hause zu fahren. Absolut nicht», sagte Prandelli. FIFA und OK versicherten, dass sie keine Anfrage eines Teams über eine vorzeitige Heimreise vorliegen hätten.

Der Fußball-Weltverband FIFA gerät angesichts der Ereignisse langsam in Erklärungsnot, denn der WM-Testlauf ist schon jetzt von den Ereignissen massiv überschattet. «Die Proteste in Brasilien werden auch von der FIFA sehr ernst genommen, obwohl anzumerken ist, dass diese Ausdruck allgemeiner Unzufriedenheit sind und nicht spezifisch gegen die FIFA und die FIFA Fußball-Weltmeisterschaft gerichtet sind», hieß es in einem Statement.

Bestätigt wurde ein Angriff auf ein FIFA-Fahrzeug im Spielort Salvador in der Nacht zu Freitag. Der parkende Bus, in dem keine Menschen saßen, sei mit Steinen beworfen worden. Die Attacke habe sich aber gegen mehrere Fahrzeuge und nicht speziell gegen den FIFA-Bus gerichtet. Auch das OK widersprach brasilianischen Medienberichten, dass die Mannschaft Italiens sogar mit einer Abreise vom Confederations Cup gedroht habe. «Das ist absurd. Die Italiener selbst haben diese Spekulationen zurückgewiesen», sagte OK-Sprecher Saint-Clair Milesi.

Die sportlichen Ereignisse und auch die fröhlichen Fanfeste in den sechs Stadien stehen im krassen Kontrast zu den politischen Ereignissen, die Präsidentin Dilma Rousseff zu einer Krisensitzung in Brasilia und der Absage einer geplanten Japan-Reise veranlassten.

Ohne Zwischenfälle verlief die Partie zwischen Spanien und Tahiti und das 2:1 Uruguays gegen Nigeria, das auch Joachim Löw in Salvador verfolgte. Dem Bundestrainer erging es wie vielen Besuchern der sportlichen Events. Dort zeigt Brasilien sein Herz als große Fußball-Nation mit ausgelassener Begeisterung. «Mein erster Eindruck war wahnsinnig positiv», sagte der Bundestrainer dem ZDF während seines ersten Aufenthaltes im WM-Land vor der jüngsten Eskalation in der Nacht zu Freitag: «Die Leute sind wahnsinnig freundlich und unglaublich fußballbegeistert. Ich glaube, dass es nächstes Jahr eine unvergessliche WM geben wird.»

Die DFB-Delegation um Teammanager Oliver Bierhoff habe während ihrer Inspektionsreise, bei der die Suche eines WM-Quartiers im Mittelpunkt steht, natürlich auch die landesweiten Proteste mitbekommen, berichtete Löw. Der 53-Jährige zeigte Verständnis dafür, dass die Brasilianer für «mehr Bildung» und «mehr Gesundheit» auf die Straßen zögen und demonstrierten. Sorgen im Hinblick auf die WM mache er sich aber nicht. «Ich glaube, dass die Sicherheit gewährleistet sein wird. Ich habe keine Angst um unsere Sicherheit.»

Im Schatten der politischen Ereignisse gehen die Spiele weiter. Brasilien freut sich dabei auf das Duell seinen Superstars Neymar mit Italiens exzentrischem Kraftprotz Mario Balotelli am Samstag (21.00 Uhr) in Salvador. Auf den ersten Blick haben das Enfant Terrible der Squadra Azzurra und der 57 Millionen Euro teure neue Stürmer des FC Barcelona wenig gemein. Aber die beiden Torjäger wollen nach dem Turnier sogar gemeinsam Urlaub im Land des Rekordweltmeisters machen. Das verriet zumindest Balotellis Lebensgefährtin Fanny Neguesha der spanischen Zeitung «Sport».

«Er ist einer der besten Spieler der Welt, und ich wünsche ihm alles Gute beim Turnier hier - außer gegen Brasilien», sagte Neymar über Balotelli. Beide haben beim Confed-Cup bisher jeweils zwei Tore erzielt. Der Seleção genügt ein Unentschieden gegen Italien, um als Gruppenerster einem wahrscheinlichen Halbfinale gegen Weltmeister Spanien aus dem Weg zu gehen. Gegen Italien kann Neymar nun zeigen, ob er mit der Härte europäischer Abwehrspieler zurechtkommt.

Keine Bedeutung mehr hat das zweite Spiel der Gruppe A zwischen den sieglosen Japanern und Mexikanern. Die gute Nachricht für mehrere Bundesliga-Clubs: Die insgesamt acht Profis in Japans Aufgebot werden nach dem Vorrunden-K.o. eine Woche früher zurückkehren.

Etwas mehr Spannung besteht noch in der Gruppe B. Spanien ist nach dem 10:0 gegen Tahiti praktisch qualifiziert und könnte sich gegen Nigeria am Sonntag (21.00 Uhr) sogar eine Niederlage mit drei Toren Differenz erlauben. Uruguay hat nach dem Sieg durch das Tor von Jubilar Diego Forlan in dessen 100. Länderspiel einen kleinen Vorteil gegenüber Nigeria. Gegen Außenseiter Tahiti kann der Südamerika-Meister das Resultat wohl nach Belieben hochschrauben, sollte der punktgleiche Afrika-Champion tatsächlich gegen Spanien gewinnen.

Folha de São Paulo zum Tod des 18-Jährigen

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