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»Farben, die eine Geschichte haben«

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Von beeindruckender Intensität ist nicht nur das Bildpaar »In dieser Zeit«, das Christine Linder in der Burg Tittmoning zeigt. (Foto: Poschmann-Reichenau)

Wer Reproduktionen der Werke von Christine Linder kennt und dann vor den Arbeiten auf Leinwand, Japanpapier und Köper steht, die jetzt im Fürstenstock der Burg Tittmoning zu sehen sind, dem stockt der Atem. Tittmonings Bürgermeister Konrad Schupfner stellte Christine Linder als eine Künstlerin mit besonders enger Verbindung zur Stadt Tittmoning vor. Geboren in Bad Reichenhall, hatte sie ihr Weg nach Besuch der Mal- und Zeichenklasse an der Fachschule für Holzschnitzerei in Berchtesgaden nach Tittmoning geführt, wo sie Meisterschülerin für Holzschnitt bei Prof. Hansen-Bahia auf der Burg war.


In der Burg Tittmoning lernte Linder auch bei der Keramikerin Ilse Ludwig-Korbel, ehe sie für einige Jahre als freischaffende Malerin nach Hamburg ging. 1970 kehrte sie zurück und behielt auch, als sie sich vier Jahre später in München niederließ, lange Zeit ein Standbein in der Salzachstadt, wo sie sich 1988 am ersten »Kunstplatz« beteiligte.

Streng rationale Ordnung als Grundlage der Bilder

Was Linders Bilder bewegen können, wurde deutlich, als Kulturreferent Josef Wittmann, der die Ausstellung initiiert, vorbereitet und die Hängung gemeinsam mit der Künstlerin vorgenommen hatte, seine ganz persönlichen Eindrücke aus Gesprächen mit der Künstlerin und aus der Beschäftigung mit ihren Werken schilderte. Ihre Grundlage bilde meist eine streng rational konstruierte, klare Ordnung in hellen, transparenten Farben. Bei genauem Hinsehen seien diese Flächen nicht monochrom, sondern »Farben, die eine Geschichte haben, weil sie aus Übermalungen entstanden sind – die wie Lebenserfahrung entstehen: mit einem Ziel vor Augen und mit dem plötzlichen Wissen: Das ist es jetzt. Mehr geht nicht.« Das äußerst genaue Ordnungsgerüst schaffe die Künstlerin auf der Basis ihres »absoluten Blicks für Proportion«, den Wittmann mit dem absoluten Gehör in der Musik verglich. »Dazu gehören untrennbar auch die Einflüsse von Licht und Schatten, von Farbe und Struktur, von Material und Oberfläche.«

Auf dieser klar geordneten Basis komme dann das emotionale Element hinzu, das Linders Werke einzigartig mache. Dies könnten »anrührend sanfte Linien« sein oder »kräftige, zornig hingeworfene Flächen und klotzige Striche«, Farbakzente in explosivem Rot oder ein unerbittliches Schwarz »aus vielen Striemen unterschiedlicher Dunkelheit«.

Tatsächlich hat die außergewöhnliche Architektur des Fürstenstocks, in dem auf drei Etagen noch bis Ende des Monats die Werke zu sehen sind, einen großen Anteil an der Wirkung dieser Ausstellung: Der Ausstellungsrundgang ist hier immer auch Auf- und Abstieg, und die Künstlerin hat es verstanden, jeden der Räume – inklusive Gang und Treppenhaus – mit ihren Bildern zum Schwingen zu bringen.

Den großformatigen Ölgemälden verleiht Linder oft mit kleinen Collage-Elementen, einzelnen aufgeklebten Papierschnipseln, -streifen und -bahnen zusätzlich Tiefe. Entstanden aus dem Spiel mit dem Voyeurismus des Betrachters, dessen Neugierde auf das teils durchscheinende oder erahnbare »Dahinter« sie wecken wollte, setzen diese Fremdkörper oft zusätzliche Kontraste in Farbe, Struktur und Form.

Aus Kontrasten entsteht die Spannung in den Werken

Aus Kontrasten beziehen Linders Werke ihre spezifische Spannung: eine glatte Oberfläche, appliziert auf rau gekörntem Grund; streng geometrische Linien, wie gemeißelt oder betoniert, die ein leicht fließender Kreidestrich um- und überspielt; starkfarbige, ja gellend wirkende Rotakzente auf zarten Weißgrauschattierungen.

Titel wie »Ein Dialog«, »Hell-Dunkel« oder »Verbindungen« verweisen auf die (mindestens) zwei Seiten, die in ihren Werken miteinander in Bezug gesetzt werden und Dynamik erzeugen. Das gilt auch für die kleineren, japanisch anmutenden Rohrfederzeichnungen mit Tusche, die diese Spannung auf das elementare Spiel von Schwarz und Weiß in meisterhaft gesetzten Linien und Flecken reduzieren, die beim Betrachten geradezu lebendig zu werden scheinen. Gerda Poschmann-Reichenau