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Fantastische Bandbreite eines Künstlers

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Der Künstler Walter Angerer der Jüngere (links) hier neben Bezirksrätin Annemarie Funke, Bezirkstagspräsident Josef Mederer und Laudator Willi Schwenkmeier vor Angerers erst kürzlich entstandenem Gemälde »Raub einer Nymphe«. (Foto: Giesen)

In großem Rahmen und im Beisein vieler prominenter Ehrengäste aus Politik, Wirtschaft und Kulturleben wurde der 80. Geburtstag des Siegsdorfer Künstlers Walter Angerer in Kloster Seeon gefeiert.


Das Fest für den in Bad Reichenhall geborenen Künstler war verbunden mit der offiziellen Einweihung seiner vor einigen Monaten aufgestellten Schattenskulptur »Wolfgang Amadeus Mozart – Die Zauberflöte«. Der Platz ist für das Kunstwerk hervorragend geeignet, da durch die filigrane Skulptur auf ihrem erhöhten Standort einerseits Tageslicht, Sonne und Wolken zu sehen sind. Andererseits steht sie in Sichtweite des Seeoner Sees und ist umringt von drei Kirchtürmen in unmittelbarer Nähe. So wird sich das Kunstwerk dem Betrachter niemals exakt gleich zeigen, sondern stets unterschiedlich wirken, je nach Wetterlage und den ständig wechselnden Wolkenformationen. Auch Besucher, die nur die Landschaft genießen möchten, werden durch die Skulptur sicher nicht gestört.

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Retrospektive über 40 Jahre Kunstschaffen

Die neu eröffnete Ausstellung in den Räumen des Klosters ist eine Retrospektive über die Arbeiten von Walter Angerer innerhalb der vergangenen 40 Jahre, darunter Zeichnungen, Aquarelle, Acrylbilder und kleinere Schattenskulpturen. In der ganz eigenen Schau des Künstlers auf die Landschaft verbindet er wie in vielen seiner Werke Modernes mit Traditionellem. Da sind Angerers farbige, ausdrucksstarke Landschaftsbilder vom Chiemsee, von Bergen, zum Beispiel der »Ankogelgruppe« in den Hohen Tauern und einige kolorierte Zeichnungen anderer Bergmassive, die immer wieder mit unerwarteten Farbakzenten des Künstlers überraschen, zum Beispiel dem roten Vogel, schwirrend über dem blaugrünen Taubensee. Aber auch die meisterhaften Porträts, für die Angerer nicht zuletzt von berühmten zeitgenössischen Kollegen hoch geschätzt wird, sind zu sehen, so das Porträt von Neo Rauch oder Georg Baselitz.

Ein frühes, vor mehr als 40 Jahren entstandenes Bild, »Schlacht der Maiskolben», ist nur auf den ersten Blick eine einfache Naturdarstellung. Wie in fast allen seinen Werken sind hier bereits seine Borkenkäferspuren zu entdecken und damit die über sich selbst hinausweisende Symbolik. »Die kompositorische Klarheit von Zeichen und Symbolen in meinen Fraßbildern erzeugt verborgene Vorstellungen und neue Gedankenwelten. Ihre Betrachtung lässt uns die Freiheit eines Sternenhimmels, durch kein Oben und Unten, kein Links und Rechts beengt, offenbart sie uns unter jedem Blickwinkel andere Inhalte aus einem unbekannten Kosmos«, sagte der Künstler selbst vor rund 30 Jahren zu seinen Fraßspur-Bildern. Vom Betrachter verlangt das, dass er sich Zeit nehmen muss, um hinter das Dargestellte zu schauen. Dabei muss er natürlich keineswegs das Gleiche sehen, was der Künstler dabei gesehen hat, wie der bekannte Publizist, frühere Lehrer, vielseitig Kulturschaffende und Bergsteiger Willi Schwenkmeier in seiner Laudatio auf Walter Angerer feststellte.

»Es geht darum, seine herkömmlichen Sehmöglichkeiten und die dadurch bedingten Interpretationen ständig neu zu befragen, denn nichts ist auf Dauer eintöniger als immer nur von einem Standpunkt aus zu schauen«, so Schwenkmeier in seiner mit viel Einfühlungsvermögen und großem Fachwissen vorgetragenen Festrede. Wenn wir als Betrachter dazu bereit seien, uns den Kunstwerken auszuliefern und die in ihnen steckenden Geschichten zu finden und zu verstehen, dann könnten wir zum Beispiel Mozart sehen und das Gefühl haben, plötzlich die Arie »Dies Bildnis ist bezaubernd schön« zu hören. »Wir staunen darüber, welch fantastische Bandbreite einem Künstler wie Angerer dem Jüngeren innewohnt und die ihn zu solchen Wer-ken führt, möglicherweise sogar geradezu dazu zwingt«, so der Laudator.

Walter Angerer fester Bestandteil von Seeon

Bezirkstagspräsident Josef Mederer freute sich bei der Eröffnung der Ausstellung, dass Angerer der Jüngere, der bereits im Jahr 2000 den Oberbayerischen Kulturpreis erhalten hat, fester Bestandteil des Bildungszentrums Kloster Seeon ist. Immer wieder thematisiere er durch seine Werke die Jahrhunderte alte Geschichte von Kloster Seeon. Schon 1997 war hier Angerers Ausstellung »Mozart im 20. Jahrhundert« und im Jahr 2000 die viel beachtete Präsentation »Der Zeit ins Gesicht« zu sehen. Mit dem neuen Rundweg in Kloster Seeon und dem neu angelegten Blütenwiesenweg sei eine einzigartige Symbiose von Natur, Kunst und Architektur gelungen, so Josef Mederer.

Der Künstler selbst dankte allen Verantwortlichen die seine Ausstellung so perfekt organisiert hatten. Hohen Dank zollte er auch Familie Ziegler von der Schlossbrauerei Stein, die die Herstellung der aufwändigen Skulptur finanziell ermöglicht hatte.

Während des Festakts spielte die Harfenistin Silke Aichhorn beseelt passende Stücke auf ihrem Instrument, wobei natürlich Mozart nicht fehlen durfte, was das Publikum vollends begeisterte.

Die Ausstellung ist nach den bisherigen Plänen bis Sonntag, 10. Mai bei freiem Eintritt täglich von 10 bis 17 Uhr zu besichtigen. Ergänzend gibt es am Samstag, 4. April um 14 Uhr eine Führung mit Kunsthistorikerin Hedwig Amann durch die Schau, am Samstag, 18. April, um 14 Uhr ein Künstlergespräch mit Walter Angerer in den Ausstellungsräumen und am Samstag, 25. April, um 14 Uhr eine Familienführung unter dem Motto »Dem Käfer auf der Spur«, wobei die Abrieb-Technik im Beisein des Künstlers vorgeführt wird.

Christiane Giesen