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Extravagante Musik aus dem späten 17. Jahrhundert

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Die Musiker Jochen Grüner (von links), Kathrin Tröger, Veronika Brass, Günter Holzhausen, Lothar Haass und Clarissa Miller bei der Suite »Eusebia« von Georg Muffat. (Foto: Kaiser)

Traumhaft schöne Musik erfüllte den Festsaal des Kultur-und Bildungszentrums Kloster Seeon bei der Matinee »Salzburger Allerley« mit »Salzburg Barock«. In der intimen Besetzung mit zwei Violinen, zwei Violen, einem Violone und einem Cembalo musizierte das Ensemble in der originalen Besetzung des Spätbarocks in einer Spielweise, die die Zuhörer mitriss: Wenn diese Musiker in gemeinsamer Konzentration ein Stück begannen, atmete man unwillkürlich mit ihnen ein.


Sie begannen mit »Eusebia« (»Gottseligkeit«) von Georg Muffat (1653 bis 1704) aus dessen siebenteiliger Suitensammlung »Florilegium primum« (»erstes Blumenbüschlein«) aus dem Jahr 1692 in sattem, angenehm volltönendem und dichten Klang. Kunstvoll wechselten sie die Tempi und Charaktere der damaligen Modetänze ab. Auch nach der Pause begannen sie mit einer Suite aus dem Blumenbüschlein, mit »Impatientia« (»Ungeduld«). Trefflich empfanden sie diesen Affekt nach in der eröffnenden Symphonie, auch im tänzerischen Balet und sogar in »Canaries«, sowieso in der Gigue. Die Sarabande bot einen Ruhepunkt, die Boureé drängte wieder; doch die abschließende Chaconne gab sich versöhnt und zufrieden. Und noch eine dritte Muffat-Suite kam in Seeon zu Gehör, »Gratitudo« (»Dankbarkeit«), mit einer ähnlichen Abfolge von Tänzen, jedoch in einer ganz anderen Ausdruckshaltung. Da war kein Moment langweilig, da wiederholte sich nichts, da war alles faszinierend und überlegt dargeboten.

Weniger bekannt als Georg Muffat ist der im österreichischen Scheibbs geborene Johann Heinrich Schmelzer (1623 bis 1680). Er war lange Zeit Violinist und Kapellmeister an der Wiener Hofmusikkapelle; mit einem Teil des Hofes floh er vor der Pest nach Prag, wo ihn diese Krankheit einholte und tötete. Seine »Harmonia à 5« entfaltete raffinierte ungerade »Balkanrhythmen« im 5/4tel-Takt und bot der 1. Violine (Kathrin Tröger) virtuose Soli. Die »Fechtschule« von Schmelzer, ein ganz frühes Beispiel von Programmmusik, führte in einer kleinen Suite in die Kunst der Degenführung ein – man hörte richtig, wie sich die Klingen kreuzten. »Lamento« schließlich, die Feiermusik für den verstorbenen Dienstherrn, beschrieb nach Trauerklängen dessen Charakterzüge in würdevollen, gravitätischen Harmonien und endete entspannt und fast heiter.

Nahezu unbekannt, doch eine willkommene Neuentdeckung für das Publikum war Jacob Scheiffelhut (1647 bis 1709), der Zeit seines Lebens nie aus den Mauern Augsburgs herauskam. Doch er war ein Meister des »französischen Stils«. Das bewies seine Suite II »Lieblicher Frühlingsanfang« aus der Sammlung »Musikalischer Seyten-Klang«, ebenfalls aus einem Praeludium und sechs gängigen Tänzen zusammengesetzt – höchst abwechslungsreiche, tief empfundene und meisterliche Musik mit Schwung und Tiefgang.

In den besten Kreisen bekannt war dagegen der geborene Böhme Heinrich Ignaz Franz Biber (1644 bis 1704), ein Schüler von Schmelzer, einer der ganz großen Geiger seiner Zeit, berühmt vor allem durch seine »Rosenkranz-Sonaten«. Er war in Salzburg parallel zu Muffat angestellt, doch die beiden kamen nicht lange gut miteinander aus. So ging Muffat schließlich nach Passau.

Bibers Sonate I aus »Fidicinium Sacro-Profanum« – das heißt, dass diese Musik sowohl in der Kirche beim Gottesdienst wie auch für Anlässe des Hofes verwendbar ist – war ein wahrer Präsentierteller für »Salzburg Barock«, für Kathrin Tröger und Jochen Grüner (Violinen), Clarissa Miller und Lothar Haass (Violen), Günter Holzhausen (Violone) und Veronika Brass (Cembalo). In kontrastreichem Wechsel zwischen langsamen, getragenen und lebhaften, rhythmisch zerklüfteten Passagen legten sie hochinteressante Musik vor, die aufmerksame, dankbare Zuhörer fand. Mit Biber endete auch die Matinee. Seine »Serenada à 5« war auch »ein bisschen Programmmusik«: ihrem Beinamen »Nachtwächter« wurde sie dadurch gerecht, dass Günter Holzhausen zur Pizzikato-Aria den Nachtwächterruf »Kommt, ihr Herrn ...« anstimmte. Er war es auch, der gekonnt-lässig auf gewinnende Art souverän durch das Programm führte.

Eine feinfühlige Zugabe, das Rondeau aus Muffats »Sperantis gaudia«, entließ hochgestimmte Zuhörer in einen sonnigen Frühlingsnachmittag. Engelbert Kaiser