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Experten: «Männer wählen oft härtere Methoden»

Berlin (dpa) - Mit den jüngsten Fällen in Berlin und Neuss starben allein im August bundesweit 19 Menschen bei Familiendramen. Auch wenn sich die Zahl der Familiendramen zurzeit häuft - die Zahl der Kinder, die in ihren Familien getötet werden, ist laut Kriminologen seit den 1990er Jahren stark rückläufig.

Doch warum kommt es überhaupt immer wieder zu solchen tragischen Fällen? Warum tun Eltern sowas?

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«Man muss von vorneherein unterscheiden, ob sich der Täter selbst tötet oder nicht», sagte Isabella Heuser, Direktorin der Charité-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Berlin, der Nachrichtenagentur dpa. Der Familienvater, der seine Frau und seine beiden Kinder in Neuss erschossen hatte, ist auf der Flucht. Die übliche Motivationslage für solche Taten seien meist Rache am Ehepartner oder Eifersucht.

Doch bei dem jüngsten Fall in Berlin scheine die Lage anders zu sein, sagt Heuser. «Hier hat ein Vater vermutlich wegen großer wirtschaftlicher Schwierigkeiten die Familie und sich selbst umgebracht - das klingt nach einer klassischen Verzweiflungstat.»

Nach Angaben von Heuser töten Frauen und Männer unterschiedlich. Frauen töten seltener ihre Kinder und wenn, dann am häufigsten ihr Neugeborenes - zum Beispiel, weil sie sich nicht in der Lage sehen, das Baby zu versorgen oder weil sie glauben, der Partner verlasse sie. «Frauen vergiften oder ersticken ihre Opfer eher. Männer wählen oft härtere Methoden und besorgen sich Waffen.»

Die vielen Taten im August seien kein Trend, sondern wohl zufällig, sagt Heuser. Doch könne es Nachahmungseffekte geben. «Wir befürchten sie zum Beispiel immer, wenn sehr ausführlich über Amokläufer berichtet wird.» Medien seien deshalb in einem ethischen Dilemma. Sie müssen berichten, regen damit aber womöglich Taten an.

Trotz der Vielzahl von Familiendramen in jüngster Zeit geht die Zahl der Kinder, die von ihren Eltern getötet werden, seit Jahren zurück, wie der Kriminologe Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen betont. «Wir haben einen drastischen Rückgang der Kindestötungen mit oder ohne Depression der Eltern - egal, alles geht nach unten», sagte er der Nachrichtenagentur dpa. Wurden 1995 noch 172 Kinder unter 14 Jahren zu Opfern von Mord oder Totschlag, ging deren Zahl 2011 bundesweit auf insgesamt 73 zurück.

Experten wie Pfeiffer führen dies zum Beispiel auf die gewachsene wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen zurück. «Dadurch gibt es konstruktivere Auseinandersetzungen in den Familien, wenn man sich trennen möchte. Wir sind eigentlich auf einem guten Kurs.»

Dass es gerade im August zu einer Häufung von Familiendramen kam, ist aus Pfeiffers Sicht kein Zufall: «Im Sommer hocken die Familien wegen der Schulferien dichter aufeinander als im Rest des Jahres. Die Kinder quengeln, es ist heiß. Und wenn man dann kein Geld hat, kann man ihnen auch nichts zur Zerstreuung bieten, und die Konflikte kulminieren.» Zu Weihnachten gebe es oft ähnliche Probleme.

Kriminologisches Institut