weather-image

»Es war erwartbar, dass auch bei uns Fälle mit Mutationen auftreten«

5.0
5.0
Bildtext einblenden
Das Coronavirus ist ein RNA-Virus, das sich umgangssprachlich gesagt, »sehr schlampig« vermehrt und damit ständig mutiert, sagt Prof. Thomas Glück im Interview. Foto: dpa

Verschärfte Einreisekontrollen von und nach Österreich und nun sogar die Erklärung Tirols zum Mutationsgebiet. Die Politik ist alarmiert, dass möglicherweise Mutationen auch zu uns eingeschleppt werden könnten. Bei einer jüngsten Auswertung von 185 positiven Proben, die das Labor Eurofins im Landkreis Traunstein zwischen dem 27. Januar und 3. Februar in einem Pilotprojekt genommen hat, wiesen 18 eine bekannte Mutation auf. Wie sich die Lage im Landkreis Traunstein darstellt, darüber hat das Traunsteiner Tagblatt mit Dr. Wolfgang Krämer, Leiter des Gesundheitsamts Traunstein, und Prof. Thomas Glück, Infektiologe am Krankenhaus Trostberg, gesprochen.


Ganz plakativ gefragt – müssen wir, wie es Ministerpräsident Söder fürchtet, Angst vor Tirol haben?

Anzeige

Krämer: Angst vor Tirol zu haben, das ist etwas zu plastisch. Die Pandemie interessiert sich nicht für lokale Begebenheiten. Aber ich betrachte die Folgen sehr kritisch. Allerdings ist zu erwarten, dass sich die britische Variante – auch wenn sie wohl nicht schlimmer krank macht, aber ansteckender ist – gegenüber dem Wildtyp bei uns durchsetzen wird. Diese Entwicklung müssen wir genau beobachten.

Glück: Tirol ist überall. Es ist reiner Zufall, wo sich gerade ein Schwerpunkt bildet. Die Erfolge das aktuellen Lockdowns dürfen wir nicht wieder verspielen. Wichtig ist, dass sich jeder weiterhin – auch wenn das öffentliche Leben mit Augenmaß hochgefahren wird – an die Regeln hält, Abstand halten, Maske tragen, Hände waschen.

Was wissen wir über die britische und die südafrikanische Mutationen, die bei uns aktuell auch nachgewiesen wurden?

Glück: Das Virus hat an Stelle 501 eine Veränderung gegenüber dem Wildtyp. Daraus resultiert, dass es wohl infektiöser ist. Ob die britische Variante der Mutation auch einen schwereren Verlauf nehmen kann, wie britische Forscher andeuten, diese Daten sind mit Vorsicht zu genießen. Es zeigt sich aber, dass sich die britische Variante gut mit Seren von Rekonvaleszenten und Geimpften neutralisieren lässt. Bei der südafrikanischen Variante stellt sich aktuell die Effektivitätsfrage. Möglicherweise wirken die durch die Impfung gebildeten Antikörper hier weniger gut. Aber es spricht dennoch nichts dagegen, bei uns den Impfstoff von AstraZeneca zu verimpfen. Jede Diskussion der Wissenschaft, die normalerweise nicht an die breite Öffentlichkeit dringt, wird aktuell genau begutachtet. Wissenschaftler äußern aber auch oft erstmal nur Hypothesen. Dadurch entsteht dieses Wechselbad der Gefühle.

Der Landkreis Traunstein hat am Pilotprojekt des Labors Eurofins teilgenommen, das die beiden Teststationen in Traunstein und Trostberg betreibt. Was ist der Hintergrund?

Krämer: Es gibt eine Abstimmung zwischen dem Landesamt für Gesundheit und verschiedenen Laboren, darunter auch Eurofins, positive Proben genauer auf Mutationen zu untersuchen. Für Eurofins waren wir als Grenzlandkreis interessant. Daher wurden wir als einer von sechs Landkreisen für das Pilotprojekt ausgewählt.

Die Variantenuntersuchung ist nicht trivial. Dabei muss man zwischen der Massenuntersuchung – dem Screening – auf bekannte Mutationen bei positiven Proben und der viel aufwändigeren Genomsequenzierung unterscheiden. Eurofins und alle anderen Labore screenen künftig alle positiven Proben – auch im Landkreis Traunstein – auf die bekannten Mutationen. Das Ergebnis liegt in der Regel nach vier bis sechs Stunden vor, kann aber auch 24 Stunden dauern. Bildlich gesprochen untersucht man dabei die Seiten eines Buchs nach bekannten Kommafehlern, ohne das ganze Buch zu lesen. Bei der Genom-Vollsequenzierung wird – wieder bildlich gesprochen – das ganze Buch genau gelesen, das kann bis zu 14 Tage dauern.

Glück: Das Coronavirus ist ein RNA-Virus, das sich, umgangssprachlich formuliert, »sehr schlampig« vermehrt. Es treten häufig neue Mutationen auf. Auch die Kliniken Südostbayern, die mit einem anderen Labor zusammenarbeiten, tragen solche Daten zusammen. Wir stehen mit dem Gesundheitsamt dazu in regelmäßigem Austausch, um so einen Überblick zu erhalten. Jüngst ist dem Labor beim Screening der positiven Proben aus der Klinik Bad Reichenhall etwas aufgefallen. Bei der Vollsequenzierung ist dann aber herausgekommen, dass es sich um eine wenig relevante Mutation handelt – also um keine Variant of Concern (VOC), wie es die britische oder südafrikanische Variante sind.

Krämer: Wenn uns klinisch etwas auffällt, das nicht einem bekannten Muster entspricht, lohnt es sich also immer, genauer hinzuschauen. Bis dato ist uns aber nichts aufgefallen.

Von 5085 Proben abgestrichen waren 185 positiv und 18 wiesen eine VOC auf – acht die britische, zehn die südafrikanische Variante – wie bewerten Sie dieses Ergebnis?

Krämer: Es ist ganz sicher keine repräsentative Studie. Der Zeitraum war dazu nicht lang genug. Daher können wir aktuell noch keine Tendenz aus dem Ergebnis ableiten, sind aber auch ob des Ergebnisses nicht besorgt. In zwei bis drei Wochen können wir mehr sagen, da ab sofort alle positiven Proben auf bekannte Mutationen gescreent werden. Es war erwartbar, dass auch bei uns Fälle mit den bekannten Mutationen auftreten.

Weiß man, ob diese VOC eingeschleppt wurden – etwa aus Österreich?

Krämer: Es ist für uns immer spannend, den Fall Null zu rekonstruieren. Also, wer hat sich wann und wo bei wem angesteckt. Das lässt das Infektionsgeschehen aktuell nicht zu. Gerade wenn es sich um eine Infektion mit dem Wildtyp handelt, ist das unmöglich. Wir können aber auch bei den Patienten mit VOC nicht nachvollziehen, wo der Ursprung der Infektion liegt. Nur zwei waren vorher im Ausland. Es gab auch kein Cluster, das sich als Ursprung der Infektionskette ausmachen ließ.

Glück: Das liegt zum einen an der Inkubationszeit – manche entwickeln erst nach 14 Tagen Symptome. Zum anderen gibt es viele asymptomatische Fälle, wo die Betroffenen nicht wissen, dass sie infiziert sind. Das verzerrt das Bild und damit die Nachvollziehbarkeit erheblich.

Krämer: Den Ursprung nicht zu finden, hat bei einer Grunddurchseuchung, wie wir sie derzeit haben, vor allem mit diesen verzerrenden Faktoren zu tun, und nicht mit einer möglichen Überforderung der Gesundheitsämter.

Was bedeutet dies mit Hinblick auf das politisch vorgegebene Ziel einer Inzidenz von bisher 50 und nun 35 für die Arbeit der Gesundheitsämter?

Krämer: Je weniger Fälle, desto wahrscheinlicher ist es, den Ursprung einer Infektion auszumachen. Ich bezweifle aber, ob uns das schon bei einem Wert von 50 gelingt.

Was ist denn allgemein über die Ansteckungswege bekannt?

Krämer: Das Risiko, sich anzustecken ist im innerfamiliären oder engen Bekanntenkreis viel höher, als etwa am Arbeitsplatz, wenn es dort gute Hygienekonzepte gibt. Aber, etwa Fahrgemeinschaften oder gemeinsame Pausen ohne den nötigen Abstand werden oft unterschätzt. Es sind also in der Regel die engen Sozialkontakte – auch zwischen Kollegen – die sich dann auf ein Infektionsgeschehen in Betrieben auswirken.

Müssen wir also noch viel mehr testen und mehr Antigentests einsetzen, wie etwa in Österreich?

Krämer: Antigentests haben ihre Berechtigung, aber auch ihre Schwächen, etwa die Rate falsch negativer oder falsch positiver Ergebnisse. Auch können nur PCR-Tests auf Mutationen untersucht werden. Die Labore sind inzwischen gut gerüstet und wir bieten mit den beiden Testzentren ein sehr niederschwelliges Angebot an. Jeder kann und darf sich dort testen lassen – auch wenn es keinen konkreten Anlass gibt. Aber: Weder die Antigen- noch die PCR-Tests geben einen Blick in die Zukunft, sie sind also nur eine Momentaufnahme. Es schließt nicht komplett aus, dass man infiziert ist und sich etwa in einem noch sehr frühen und damit nicht nachweisbaren Stadium befindet.

Glück: In den Kliniken wird das Personal einmal wöchentlich abgestrichen, die Patienten zweimal pro Woche. Mehr geht nicht. Man kann nicht täglich testen.

Schulen sollen teilweise ab 22. Februar wieder öffnen, ab 1. März Friseure – befürchten Sie wieder einen Anstieg der Fallzahlen?

Krämer: Die WHO definiert Gesundheit als körperliche und psychische Gesundheit. Da spielen Schulbildung, wirtschaftliche Interessen und körperliche Gesundheit zusammen. Auch wenn niemand ein Patentrezept hat, auf Sicht zu segeln und die Effekte einzelner Lockerungsmaßnahmen abzuwarten, ist sinnvoll. Wenn die Lockerung im Schulbereich funktioniert, wäre das gut. Klar ist aber, trotz all unserer Maßnahmen, das Virus wird bleiben.

Glück: Der Spitzendruck bei der Versorgung von Coronapatienten in den Kliniken ist weg. Wir müssen nun den Spagat machen, zwischen der Betreuung von Coronapatienten und normaler medizinischer Versorgung. Viele Operationen, etwa bei Tumoren oder Hüft- und Kniegelenken, wurden verschoben und werden nachgeholt. Wir bauen nun teilweise die extrem aufwändigen Isolationsbereiche zurück, während wir gleichzeitig die Normalversorgung wieder hochfahren, auch das ist ein Balanceakt.

Verena Wannisch

Einstellungen