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»Es ist unbeschreiblich, was man alles zurückbekommt«

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Surberg
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Ein »Selfi« aus glücklichen Tagen. Karin Burghartswieser mit ihrem Mann Stefan und den beiden Söhnen in der Allianz-Arena in München.

Surberg – Das Leben schreibt Geschichten, die man manchmal kaum in Worte fassen kann. Sie sind so traurig, so tragisch, so ungerecht. Auf ihre Art aber auch bewegend, aufgrund der großen Anteilnahme und Hilfsbereitschaft.


Eine solche Geschichte schreiben Familie Burghartswieser aus Lauter und die ganze Surberger Dorfgemeinschaft. Im April diesen Jahres brach für die sozial engagierte Familie von heute auf morgen die Welt zusammen: Karin Burghartswieser fiel über Nacht ins Koma, ihre Organe versagten, mehrfach stand sie kurz vor dem Tod. Auch heute, acht Monate später, ist sie immer noch schwer gezeichnet. Zwar ist sie aus dem Koma erwacht und macht mühsam kleine Fortschritte. Sie kann eingeschränkt sprechen, sich ein bisschen bewegen, erkennt die Menschen, die sie besuchen, vor allem ihre Kinder (10 und 14 Jahre), bleibt aufgrund schwerer Gehirnschäden aber wohl für immer ein Pflegefall. Und das mit 39 Jahren.

Ihrem Mann Stefan (38) sind die schweren Wochen und Monate ins Gesicht geschrieben. Bei einem Treffen mit Tagblatt-Redakteurin Kathrin Bauer erzählte er die bewegende Geschichte vor allem aus einem Grund: Um Danke zu sagen. »Es ist unbeschreiblich, was man alles zurückbekommt.« Ob Gespräche, kleine Gesten, Briefe, Selbstgebasteltes vor der Haustür oder Spenden – »es tut so gut, wenn man merkt, wie viele Menschen gedanklich bei uns sind«. Auch dem Personal des Klinikums Traunstein ist er zutiefst dankbar. »Sie haben durch unermüdlichen Einsatz dafür gesorgt, dass meine Frau überhaupt noch lebt.«

Familie Burghartswieser bekommt ein bisschen davon zurück, was sie über viele Jahre selbst gegeben hat: Sowohl Stefan als auch seine Frau Karin Burghartswieser sind in vielen Vereinen im Ort engagiert. Vor allem die Freiwillige Feuerwehr war Beiden immer eine Herzensangelegenheit. Seit 2005 ist Stefan dort Kommandant, arbeitet hauptberuflich zudem bei der Feuerwehr Traunstein. »Neben meiner Familie ist das ein großer Teil meines Lebens. Ich wollte schon immer Menschen helfen.« Umso schwerer fiel es ihm zunächst, selbst Hilfe anzunehmen. »Aber es kommt der Punkt, wo man erkennt, dass man das alleine nicht mehr schafft.«

Bei der Bürgerhilfsstelle im Landratsamt Traunstein wurde ein Spendenkonto für Karin Burghartswieser eingerichtet. Dazu posteten die Feuerwehrkameraden einen bewegenden Beitrag auf Facebook. Sie organisierten zusammen mit anderen Ortsvereinen ein Benefizkonzert mit der Band »Zwoa moi Zwoa« in der Surtalhalle. »Der Rückhalt meiner Leute und Familie ist toll.« In der Gemeinde und vielen anderen Kommunen gibt es zudem kleinere Initiativen, auch privat, die auf das Schicksal aufmerksam machen und für die Familie sammeln.

»Wir werden von dem Geld ein behindertengerechtes Fahrzeug anschaffen, mit dem wir meine Frau zumindest ab und zu nach Hause holen können. Unsere große Hoffnung wäre, dass sie zu Hause gepflegt werden kann.« Bis dahin sei es aber noch ein weiter Weg. Und Karins Gesundheitszustand müsste sich deutlich verbessern. Zudem wäre ein Umbau des 2004 errichteten Einfamilienhauses nötig.

So weit zu denken traut sich der 38-Jährige derzeit kaum. Er lebt von einem Moment auf den anderen, versucht, für die Kinder und die Familie stark zu sein. Schließlich gibt es in all dem Schmerz noch die zwei Buben, die von einem Tag auf den anderen auf ihre Mutter verzichten müssen.

Die Ursache ist unklar. Karin Burghartswieser war stets fit und gesund. Ihr Mann Stefan beschreibt sie sehr liebevoll als fröhlichen, zu 100 Prozent geradlinigen Menschen. Sie sei nie wehleidig gewesen oder habe schnell zu Tabletten gegriffen, wenn ihr mal etwas weh tat. Im Oktober 2017 sei sie dann »schlecht beinand« gewesen. Es stellte sich heraus: Blinddarmdurchbruch. Es folgten eine Operation und ein zweiwöchiger Krankenhausaufenthalt. Alles sei gut gegangen und seine Frau habe sich gut erholt und nach einigen Wochen auch wieder gearbeitet. Die Schnittwunde am Bauch habe sie gewissenhaft versorgt.

Mitte Februar diesen Jahres wurde jedoch festgestellt, dass die Narbe im oberen Bereich gebrochen war. Es folgte ein weiterer kleinerer Eingriff, der auch ohne Komplikationen verlief. Am Wochenende, bevor die 39-Jährige wieder zur Arbeit gehen wollte, wurde sie krank. »Es waren die Anzeichen wie von einer Grippe«, erinnert sich Stefan an diesen Tag. Sie hatte Fieber und fühlte sich schlapp. Nach telefonischer Rücksprache mit dem Hausarzt nahm sie ein fiebersenkendes, schmerzlinderndes Medikament zu sich. »Danach ging es ihr deutlich besser.« Das Paar ging ins Bett. Am nächsten Tag wachte Karin nicht mehr auf.

Das Mittel hatte wohl, so erklärten es die Ärzte, einen allergischen Schock ausgelöst. Die 39-Jährige wurde in einem »schweren komatösen Zustand« ins Krankenhaus Traunstein eingeliefert, kurz darauf versagten die wichtigsten Körperorgane. »Überlebt hat sie nur, weil sie dann an den ECMO angeschlossen wurde«. ECMO ist eine aufwendige Herz-Lungen-Maschine, die nur sehr wenige Kliniken besitzen.

Wie die Ärzte feststellten, hatte Karin Burghartswieser kaum mehr Leukozyten (weiße Blutkörperchen) in ihrem Blut. Bis heute ist die Ursache rätselhaft. Karin Burghartswieser kämpfte in den folgenden Wochen und Monaten ums Überleben; mehrfach stand die Familie vor der Entscheidung, die Therapie abzubrechen. »Aber immer, wenn wir alles besprochen hatten und uns verabschieden wollten, gab es wieder ein Fünkchen Hoffnung.«

Es war am Vatertag, Stefan erinnert sich genau. Das Klinikum rief an und meinte, sie wollten seine Frau mal aus der Intensivstation rausbringen und würden sie in den Garten schieben. Der 38-Jährige kam dazu und erlebte selbst mit, wie seine Frau plötzlich die Augen öffnete. »Das war unglaublich und fast nicht möglich. Ich hatte ja selbst schon gedacht, das wird nix mehr.« Seither geht es aufwärts, in ganz kleinen Schritten. Karin wurde im Sommer in die Schönklinik nach Bad Aibling verlegt. »Was die aus meiner Frau bisher rausgeholt haben, ist unglaublich.« Die Zukunft ist dennoch ungewiss. Karin Burghartswieser wird ein Pflegefall bleiben, sagen die Ärzte. Ihr Mann hofft, sie irgendwann nach Hause holen zu können.

Weihnachten wird für die Familie in diesem Jahr ein trauriges Fest werden. So ganz anders als noch vor einem Jahr. Stefan wird mit den Buben zur Mama in die Klinik fahren, um ein paar Stunden gemeinsam zu verbringen. Für das Jahr 2019 wünscht sich der engagierte Familienvater nur eines: Dass es besser wird als das Jahr 2018. ka