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Erzrivalen: Warum Saudi-Arabien und der Iran verfeindet sind

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Ajatollah Chomeini
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Ajatollah Ruhollah Chomeini (M.) winkt am 1. Februar 1979 in Teheran den Menschenmassen zu die ihn nach seiner Rückkehr begrüßen. Foto: Campion/AP Foto: dpa

Die mysteriösen Angriffe auf zwei Tanker lassen die Spannungen zwischen den beiden größten Regionalmächten weiter wachsen. Es geht um Macht und Dominanz - und die Angst, die Herrschaft zu verlieren.


Riad/Teheran (dpa) - Als vor 40 Jahren die Massen im Iran auf die Straße gingen, erreichten die Erschütterungen auch das rund 1300 Kilometer entfernte saudische Königshaus. In der iranischen Hauptstadt Teheran stürzte ein Aufstand unter Führung schiitischer Geistlicher im Januar 1979 die Herrschaft des Schahs.

Anführer Ajatollah Ruhollah Chomeini erhob danach den Anspruch, die islamische Revolution in andere Länder zu tragen - was die Mächtigen in Saudi-Arabien als Bedrohung ihrer eigenen Herrschaft verstanden.

Ihre Angst wuchs noch weiter, als im November desselben Jahres eine Gruppe von Extremisten die Große Moschee von Mekka über Tage besetzen konnte - den Ort also, der für gläubige Muslime als der heiligste gilt. Und dessen Schutz zu den Grundfesten der Macht des saudischen Königshauses gehört. Wer den Konflikt zwischen Saudi-Arabien und dem Iran verstehen will, kommt am Jahr 1979 nicht vorbei.

Die Angst um die eigene Herrschaft gehört bis heute zu den Leitmotiven der Monarchen in Riad. Niemand sonst hat sie seit 1979 so herausgefordert wie die schiitische Führung in Teheran. Mit den mysteriösen Angriffen auf zwei Tanker im Golf von Oman haben die Spannungen einen neuen Höhepunkt erreicht. Sogar ein militärischer Konflikt wird befürchtet. Die USA, ein enger Verbündeter Riads, wollen 1000 weitere Soldaten in den Nahen Osten schicken.

Mit Saudi-Arabien und dem Iran stehen sich die einflussreichste sunnitische und die wichtigste schiitische Macht gegenüber. Die Spaltung der beiden größten Strömungen des Islams geht auf dessen Frühzeit zurück, als nach dem Tod des Propheten Mohammed im Jahr 632 ein Streit über seinen rechtmäßigen Nachfolger ausbrach. Die Schiiten sahen Ali, Mohammeds Schwiegersohn, als den einzig Auserwählten.

Und dennoch: Trotz dieser religiösen Komponente in der Rivalität zwischen den beiden wichtigsten Regionalmächten handelt es sich nicht um einen Religionskonflikt, schließlich spielen Glaubensinhalte höchstens eine Nebenrolle. Stattdessen buhlen Saudi-Arabien und der Iran darum, wer die Region dominiert. Es geht um politische Macht, aber auch um die Kontrolle von Ressourcen und Handelswegen.

Saudi-Arabien wähnt sich dabei zunehmend von Kräften umzingelt, die mit Teheran verbunden sind. Über lokale schiitische Milizen wie etwa die Hisbollah sichert sich der Iran als nicht-arabisches Land großen Einfluss in arabischen Ländern wie dem Libanon, Syrien oder dem Irak. Irans Führung nutzte insbesondere die arabischen Aufstände und das Chaos, das diese oft erzeugten, um seine Hand weiter auszustrecken.

In Riad schrillten die Alarmglocken vor allem, als sich im Nachbarland Bahrain 2011 die schiitische Mehrheit gegen die dortige sunnitische Führung erhob. Saudi-Arabien sah den Iran am Werk und schickte Truppen, um die Proteste niederzuschlagen. Im Wüstenstaat ging die Sorge um, die Unruhen könnte auf die eigene schiitische Minderheit im Osten des Landes übergreifen - dort also, wo große saudische Ölvorräte liegen. Ein Alptraumszenario für das Königshaus.

Den Iran sieht Riad auch hinter den Huthi-Rebellen, die einen zentralen Teil des benachbarten Bürgerkriegslandes Jemen beherrschen. Immer wieder greifen sie Saudi-Arabien mit Raketen und Drohnen an und zielen dabei auch auf die wichtige Infrastruktur, die das Königreich für den Export von Öl braucht. Sogar bis Riad reichten die Angriffe schon. Auch Zwischenfälle wie im Golf von Oman gefährden die Ausfuhr von Rohöl, von der Saudi-Arabien und sein Wohlstand so abhängig sind.

Wobei sich gerade im Jemen die Frage nach Ursache und Wirkung stellt. Angeführt vom jungen Kronprinzen Mohammed bin Salman, dem ehrgeizigen eigentlichen Herrscher Saudi-Arabiens, ist die Außenpolitik des Landes in den vergangenen Jahren deutlich aggressiver geworden. Als Verteidigungsminister ordnete der Thronfolger 2015 eine Militärintervention im Jemen an. Kritiker werfen dem Königshaus vor, erst diese habe die Bande zwischen Huthis und Teheran gefestigt.

Der Jemen liegt nicht nur an der Grenze Saudi-Arabiens, sondern an einem strategischen wichtigen Ort im Süden der Arabischen Halbinsel. Wie der Golf von Oman zählen die Seewege vor der jemenitischen Küste zu den wichtigsten Routen der internationalen Schifffahrt - über die Riad sein Öl exportiert. Mit den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) hat das Königshaus hier noch einen Kontrahenten, mit dem es eigentlich verbündet ist. Die VAE kontrollieren in der Region mehrere Häfen, vor allem auch an der gegenüberliegenden Ostküste Afrikas. Zudem buhlen mit der Türkei und Katar weitere Länder um Einfluss.

Und der Iran? Für Teheran ist die politische Krise mit Riad derzeit nach Meinung von Beobachtern das größte Problem. Ohne eine Zusammenarbeit mit den Saudis ist der Iran innerhalb der islamischen Welt politisch isoliert, wirtschaftlich auch, nicht zuletzt wegen des starken saudischen Einflusses auf das Ölkartell Opec. Der iranische Präsident Hassan Ruhani bemühte sich zwar um eine Versöhnung mit den Herrschern in Riad, die zeigten ihm jedoch die kalte Schulter.

Zentral sind in dem Konflikt auch ideologische Differenzen. Arabische Länder wie Saudi-Arabien pflegen seit langem gute Beziehungen zum Westen, insbesondere zu den USA - in denen viele Iraner den »bösen Satan« sehen. Die Besetzung der US-Botschaft in Teheran nach dem Sturz des Schahs vor 40 Jahren ist vielen auf beiden Seiten noch in Erinnerung geblieben. Eine anti-amerikanische Haltung gehört seit damals zu den Grundpfeilern der iranischen Außenpolitik.

Auch Teherans Anti-Israel-Politik fällt wesentlich radikaler aus als die arabischer Staaten. »Da führt sich der Iran manchmal katholischer auf als der Papst«, sagt ein iranischer Politologe. Saudi-Arabien und seine regionalen Partner pflegen zwar offiziell keine diplomatischen Kontakte zu Israel, haben aber längst heimlich Kontakte geknüpft.

Manchmal trennen auch nur bloße Ressentiments die persischen Iraner von den arabischen Saudis. Wenn etwa die Fußballnationalmannschaften der beiden Ländern gegeneinander antreten. Wegen vulgärer Schlachtrufe iranischer Fans gegen die Saudis musste Irans Staatssender bei Live-Spielen bereits mehrmals den Ton abstellen.