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Jockel Tschiersch provoziert mit seinem Programm »Dschihad happens«

Erschlagende Systemkritik

»Gut, ich sehe, es ist Fachpublikum anwesend«, begrüßt Jockel Tschiersch sein Publikum im Traunreuter k1-Studio. Kurzes Schweigen, verhaltenes Kichern. Braucht Kabarett Fachpublikum? Nein, das gehört zum Programm. Glück gehabt, denn seinen »jüngsten Roman« »Dschihad happens« über einen Filmdreh in Albanien, der ins Visier eines IS-Kämpfers gerät, werden die wenigsten gelesen haben. Er ist Grundlage für das Programm des in Berlin lebenden Schauspielers und Kabarettisten. Daraus liest er vor.

Jockel Tschiersch provozierte mit brisanten Themen im k1-Studio. (Foto: Benekam)

Mächtig ins Schwitzen gerät nicht nur der im Rampenlicht stehende »Klassenclown mit 60«, sondern auch die anwesenden Gäste: Tschierschs Kabarett fordert heraus, spiegelt und reizt. Das Schauspiel habe er an den Nagel gehängt, erklärt Tschierschs Figur Jogi den Zuhörern. Nachdem der letzte Vorhang gefallen war, habe er einen »Trinkshop« eröffnet. Hier könne er nun, neben seinem Getränkeverkauf, in Ruhe an seinem neuen Buch weiterschreiben: »Dschihad happens«. Zuhörer finde er massenhaft in Flüchtlingen, die ja eh Deutsch lernen müssen: »One hour listen, one bottle each«, besticht er seine Deutschschüler – so entstehen Freundschaften.

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Da kann man auch schnell mal zur Post, während ein Flüchtling zum Helfer wird und sich um den Laden kümmert. Mehr als abstrus wird es, wenn dort neben einem kontrollsüchtigen Bauamtsleiter irrtümlich das SEK anrückt und die Eisteekisten anschießt. »Die verbluten jetzt«, zetert der gescheiterte Getränkeshop-Chef und entschließt sich zur Flucht.

Die Einladung zum Abiturtreffen nach 40 Jahren kommt da gerade recht. Auch in dieser Gesellschaft hat er noch eine Rechnung offen, und zwar mit einer ehemaligen erfolglos »angebaggerten« Mitschülerin. Das damals Versäumte holt er nun prompt nach und stürzt sich mit ihr in einem Bio-Gewächshaus in ein Sadomaso-Abenteuer, bei dem er letztlich mit halbreifen, harten Tomaten bombardiert wird.

An Ideen mangelt es Jockel Tschiersch jedenfalls nicht, wenn auch der rote Faden um die wirre Geschichte seines Romans, aus dem er zwischendurch immer wieder vorliest, schwer zu verfolgen ist. Trotzdem kommen die Zuschauer bei so viel Text, Tschierschs rasanter Spielweise und seinen blitzschnell – auch den Dialekt – wechselnden Figuren, die er mimt, ins Schwitzen. Langeweile kommt sicher keine auf – schauspielerisch grandios, aber wenig Denkpausen für massenweise erschlagende Systemkritik und fragwürdige Provokationen zu brisanten Themen.

Gelacht wird wenig im k1-Studio. Vielleicht bleibt dem Publikum das Lachen im Halse stecken, weil so mancher von der zum Teil vulgären Art des Kabaretts überfordert ist. Kurz: Ein polarisierender und aufrüttelnder Bühnenmonolog mit Textlesung in guter darstellerischer Verpackung. Kirsten Benekam