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Ergebnis nach 25 Jahren – Einblick in die Steinadlerforschung im Nationalpark

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Ein eingespieltes Team unter den Schwingen des Steinadlers: Ulrich Brendel (r.) und Jochen Grab (l.) leiten seit vielen Jahren das Steinadlerprojekt im Nationalpark Berchtesgaden. (Foto: Nationalpark)

Berchtesgaden – Der Steinadler fasziniert die Menschen, damals wie heute. Dicht an dicht drängten sich die Besucher bei der letzten Veranstaltung der traditionellen Winter-Vortragsreihe des Nationalparks. Ulrich Brendel und Jochen Grab blickten in einem zweistündigen, interaktiven Vortrag zurück auf 25 Jahre Steinadlerforschung im Nationalpark.


»Dem Steinadler geht es heute so gut wie schon lange nicht mehr«, das ist ein zentrales Ergebnis der langjährigen Monitoring-Arbeiten des Nationalparks. Und ein sehr erfreuliches dazu. Ulrich Brendel und Jochen Grab, beide langjährige Leiter des Adlerprojektes in den Berchtesgadener Alpen, informierten über 100 Gäste im Nationalparkzentrum »Haus der Berge« in einem Vortrag über den König der Lüfte. »Um 1900 gab es am bayerischen Alpenrand nur noch sehr wenige, frei lebende Steinadler«, so Brendel. »Sie wurden als Nahrungskonkurrenten und Kindsräuber verfolgt und abgeschossen.«

Umdenken bewirkt Wandel

Nur aufgrund eines Umdenkens der Gesellschaft und dank intensiver Schutzmaßnahmen zu Beginn des 20. Jahrhunderts erholten sich die Bestände langsam. Heute finden in den Berchtesgadener und Chiemgauer Alpen, zu denen auch vier Reviere im benachbarten Österreich zählen, insgesamt 16 Steinadlerpaare ein Zuhause. Hinzu kommt eine stark schwankende Anzahl an Jungadlern. »Mit Beginn der Brutzeit im Februar müssen die Jungvögel des Vorjahres das elterliche Revier verlassen. Die Altvögel vertreiben ihren Nachwuchs dann teilweise sehr aggressiv aus dem Gebiet«, erklärt Grab. »Dann beginnt eine harte Zeit für die Jungadler. Weil der Steinadlerbestand bei uns wie auch im gesamten Alpenraum derzeit stabil ist, sind nahezu alle geeigneten Reviere schon besetzt. Nur wenige Jungadler schaffen es daher, sich ein eigenes Territorium zu erobern. Sie springen immer dort ein, wo ein Altvogel zu krank oder zu schwach ist, sein Revier gegen den Jungspund zu verteidigen. Alle anderen Jungvögel sterben meist innerhalb der ersten drei oder vier Jahre«, so Grab weiter.

Zahlen sind stabil

Doch kein Grund zur Sorge: Auch wenn der jährliche Bruterfolg aufgrund der Witterung natürlicherweise stark schwankt, zeigt der durchschnittliche Wert der vergangenen 25 Jahre eine stabile bis leicht steigende Tendenz. Wie wichtig die Möglichkeit der Nationalparkverwaltung ist, über viele Jahre kontinuierliche Forschungsarbeit mit Personal und Fachwissen bereit zu stellen, zeigt sich besonders bei so langlebigen Arten wie dem Steinadler.

Nach 25 Jahren haben wir erst eine Adlergeneration dokumentiert«, so Grab. Heuer werden die Wissenschaftler versuchen, eine der letzten, offenen Fragen im Bereich der Steinadlerforschung zu lüften: Wohin und wie weit ziehen die Jungadler, wie hoch ist ihre Überlebenschance und wo finden sie ein eigenes Revier? Diese Frage soll ein internationales Forschungsprojekt in Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut klären. Im Nationalpark ist vorgesehen, insgesamt zwei Jungadler kurz vor dem Ausflug aus dem Horst mit einem GPS-Sender auszustatten. Die Sender liefern dann mehrere Jahre lang Daten über das Abwanderungsverhalten des Jungadlers, die in eine zentrale Datenbank eingespielt werden.

»Ein weiterer wichtiger Baustein für effektiven Steinadlerschutz sind die Kooperationen mit verschiedenen Nutzergruppen. »Unsere Ergebnisse aus dem Monitoring wurden auf den gesamten Alpenraum und bis nach Japan übertragen, um das Raum-Zeit-Verhalten der Adler besser zu verstehen. Insbesondere unsere Methode der partnerschaftlichen Kooperation mit Natursportlern, die Mitte der 1990er Jahre aufgebaut wurde und durch Kommunikation, Transparenz und damit Vertrauensaufbau geprägt ist, wurde weit über die Grenzen Berchtesgadens hinaus übernommen. Wir arbeiten dabei sehr eng mit Hubschrauberverbänden sowie Drachen- und Gleitschirmfliegervereinen zusammen«, sagt Grab. »Um Störungen durch den Flugbetrieb zu verhindern, werden Karten mit den aktuell zu meidenden Zonen rund um besetzte Steinadlerhorste ständig aktualisiert.«

Diese dialogorientierte Zusammenarbeit leistet einen wesentlichen Beitrag zum Schutz des Steinadlers in den Alpen, denn Berufspiloten und Luftsportler nehmen Rücksicht auf das Brutgeschäft der Steinadler, liefern zugleich wichtige Beobachtungsdaten für das Monitoring und übernehmen damit selbst Verantwortung für den König der Lüfte.

»Interessante Bilder und Ergebnisse liefern unsere Fotofallen«, verrät Brendel. »Gleich mehrere stehen im Winter an unserem Adler-Fressplatz im Klausbachtal«. Und der Projektleiter klärt auf: »Allerdings werden die Adler hier nicht gefüttert, um eine Nahrungsknappheit auszugleichen. Denn die gibt es bei uns nicht. Vielmehr machen wir mit diesem kleinen Hilfsmittel die Steinadler im Klausbachtal sichtbar für unsere Gäste. Die Live-Bilder werden direkt in unsere Informationsstelle übertragen«. Die Themen Öffentlichkeitsarbeit und Bildung nehmen einen wichtigen Bereich im Projekt ein. Seit dem Jahr 1995 fanden insgesamt 759 Steinadler-Führungen für insgesamt rund 18 500 Teilnehmer statt. Die Wahrscheinlichkeit, bei diesen Führungen ins Klausbachtal im Nationalpark Berchtesgaden tatsächlich einen Steinadler zu sehen, liegt bei 90 Prozent.

Besonderen Wert legten die beiden Referenten auf die aktive Einbindung des Publikums in ihren Vortrag. So hatten die Zuhörenden Gelegenheit, echte Adlerfedern zu bestimmen, den Veranstaltungssaal mit einem leistungsstarken Fernglas wie mit »Adleraugen« nach Beutetieren abzusuchen und den praktischen Ablauf einer Horstbesteigung durch Nationalpark-Ranger kennen zu lernen.

Abschließend gaben die Projektleiter den Besuchern Praxistipps für eigene Steinadlerbeobachtungen im Nationalpark. fb