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Er war ein Bürgermeister mit Weitblick

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Der langjährige Bürgermeister von Grassau, Hans Steiner (hier eine Aufnahme aus dem Jahr 2003, als er und seine Frau Anna Steiner ihre Diamantene Hochzeit feierten, würde am Montag heutigen 100 Jahre alt. (Foto: Eder)
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Die Markterhebung Grassaus im Jahr 1965 wurde groß gefeiert.Unser Bild von der Festkutsche zeigt Hans Steiner mit der zur Markterhebung geschaffenen Bürgermeisterkette in der Festkutsche. Neben ihm der damalige Landrat Sepp Kiene, ihm gegenüber Pfarrer Johannes Michael Hausladen, daneben der 1. Bürgermeister von Tscherms, Karl Innerhofer. (Foto: Ostermayer)

Grassau – Von Weggefährten wird Altbürgermeister Hans Steiner, der am heutigen Montag 100 Jahre alt werden würde, als charismatisch und fortschrittlich beschrieben. Steiner war 16 Jahre (1958 bis 1974) ehrenamtlicher Bürgermeister von Grassau. Viele heute wertvolle Errungenschaften sind sein bleibender Verdienst.


Hans Steiner wurde 1920 in Großholzhausen als Sohn des Torfarbeiters Johann Steiner und dessen Ehefrau Regina geboren. Er kam schon als Jugendlicher immer wieder nach Rottau, besuchte seine Tante Fanny Seider. Im Alter von 24 Jahren lernte Hans Steiner in Kucheln seine spätere Frau Anna kennen.

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Hans Steiner baute seinen Fuhrbetrieb auf, kaufte sich nach dem Krieg einen Holzvergaser und fuhr Geflüchtete wieder in ihre Heimatstädte zurück. Für die Körting-Werke übernahm er den Transport von Radio- und Fernsehgeräten.

Zwei Töchtern und einem Sohn ermöglichte das Ehepaar Steiner eine unbeschwerte Kindheit. Doch das Schicksal meinte es nicht immer gut mit den Steiners. So konnte das Paar den Verlust seines damals erst 30-jährigen Sohnes, der bei einer Bergtour in Südtirol 1974 tödlich verunglückte, nie verwinden.

Mit einer eigenen Firma und Familie hatte Hans Steiner genug Arbeit. Dennoch kandidierte er im Alter von 38 Jahren für das Amt des ehrenamtlichen Bürgermeisters von Grassau. Den Grund für seine Kandidatur sah er in einer zentralen Wasserversorgung für Grassau. Steiner wurde zum Wortführer dieser Gruppe. Am 22. Juni 1958 wurde er zum 1. Bürgermeister gewählt. 1960 gab es erneut eine Bürgermeisterwahl. Diese entschied Hans Steiner mit 60 Prozent der gültigen Stimmen für sich. Mit großem Elan konnte nun an die bevorstehenden Aufgaben herangegangen werden.

Bei seiner Rathausarbeit, die ja nur stundenweise möglich war, war Steiner auf die zuverlässige Mitarbeit des Personals angewiesen. Das waren die Angestellten Hans Berger als Kämmerer, Sepp Fürnsteiner für die Kasse, Hias Egart für die öffentliche Ordnung und Toni Plenk für den Außendienst.

Müllabfuhrzweckverband wurde gegründet

Hans Steiner erkannte, dass man im Verbund mit mehreren Gemeinden günstiger das leidige Müllproblem lösen könnte. Zwar gab es genügend Kiesgruben, die als »Müllschlucker« fungierten, dennoch wurde Material wild an Waldrändern und Bächen abgelagert. Ein eigenes Müllfahrzeug wollte und konnte sich die Gemeinde, die weniger als 3600 Einwohner umfasste, nicht leisten. Im Verbund mit den Nachbargemeinden jedoch war dies zu finanzieren. Im August 1961 wurde der Müllabfuhr-Zweckverband Chiemgau-Süd gegründet. Nachdem 1973 die Zuständigkeit für die Müllabfuhr an den Landkreis ging, wurde der Zweckverband aufgelöst.

Ungewöhnliche Mitarbeitersuche

Die Bevölkerungszahl in der Gemeinde stieg stetig und damit nahmen auch die Aufgaben der Verwaltung zu. Bürgermeister Steiner suchte einen geeigneten Mitarbeiter für den Posten des geschäftsleitenden Beamten. Unter zehn Bewerbern entschied er sich schließlich für Claus-Dieter Hotz aus Weiden in der Oberpfalz. Dass die Wahl auf Hotz fiel, könnte auch an dem graphologischen Gutachten gelegen haben, das der Bürgermeister erstellen ließ.

Bei einem Empfang zu Ehren Steiners anlässlich dessen 80. Geburtstags erinnerte er daran, dass Hotz so manche Nacht mit ihm gearbeitet habe, wobei es nicht immer angenehm gewesen sei. Aber: »Wenn man sich am Freitag zerstritt, dann waren wir am Montag wieder beisammen.« Neben der gemeinsamen Arbeit für Grassau verband die beiden viele Jahre eine tiefe Freundschaft.

Meilensteine des Hans Steiner

Steiner blickte stets über den Tellerrand hinaus, so auch bei der Begründung der Partnerschaft mit der Südtiroler Gemeinde Tscherms, die, angeregt von Dr. Franz Zech, 1963 aus der Taufe gehoben wurde. Für das gesamte Achental wirkt bis zum heutigen Tage die Gründung des Abwasserzweckverbands. Wenn auch die Trinkwasserversorgung bereits reibungslos funktionierte, so bereitete die Abwasserentsorgung Probleme.

Im Juni 1964 wurde mit dem Bau der Ortskanalisation begonnen und Zug um Zug wurden die Kanäle, Sammelkanäle und Anschlussleitungen verlegt. Ein Kanalnetz von 15,6 Kilometern wurde in weniger als drei Jahren fertiggestellt. Ebenso wichtig war eine Kläranlage, die für saubere Einleitung des Wassers in die Tiroler Achen sorgte. Gemeinsam mit den Gemeinden Marquartstein und Unterwössen wurden der Abwasserzweckverband Achental gegründet und eine Kläranlage gebaut.

Ein Jahrhundertereignis ergab sich 1965, als wiederum unter Hans Steiner Grassau zum Markt erhoben wurde. Die Bedeutung der Gemeinde auch als Industriestandort im Achental wurde damit unterstrichen. Nur wenige Monate nach der Verleihung der Auszeichnung wurde die Markterhebung mit einem außergewöhnlichen Fest gefeiert.

1966 wurde Hans Steiner erneut zum 1. Bürgermeister gewählt. In seinem Wahlprogramm versprach er unter anderem den Abschluss der Ortskanalisation, aber auch den Bau einer Turnhalle. Zum Bau der Turnhalle leistete Dr. Gerhard Böhme, Chef der Körting-Radio-Werke, einen ganz erheblichen finanziellen Beitrag. Daraufhin wurde ihm das Ehrenbürgerrecht verliehen. Steiner hielt sein Versprechen und die erste Grassauer Schulturnhalle wurde 1968 in Betrieb genommen.

Zudem wurde der Tourismus im Markt Grassau immer bedeutender. Die Zahl der Gäste stieg und Bürgermeister Hans Steiner erkannte, dass dieser Sektor ein weiterer erfolgreicher Wirtschaftszweig sein kann. 1968 wurde Grassau das Prädikat Luftkurort zuerkannt. Um den Gästen den Aufenthalt zu verschönern, wurde bereits im Wahlprogramm die Anlage eines Kurparks im Zentrum der Gemeinde angekündigt und auch der Neubau eines Kabinengebäudes am Bergbad. Beides wurde auch umgesetzt.

Mit der Gründung des Müllverbands und später des Abwasserzweckverbands bewies Steiner Weitblick. Zusammenarbeit war auch im Bereich des Schulwesens notwendig und so wurde 1969 der Schulverband gegründet. Vorsitzender war wieder Hans Steiner. Um die größere Anzahl von Schülern bewältigen zu können, wurde ein großzügiges Hauptschulgebäude gebaut, das 1972 eingeweiht wurde.

Mit der Eingemeindung von Rottau 1972 hatte Hans Steiner erkannt, dass die umfangreichen Rathausarbeiten von einem ehrenamtlich tätigen Bürgermeister nicht mehr zu bewältigen sind. Deshalb setzte er sich dafür ein, ab 1974 einen berufsmäßigen ersten Bürgermeister an die Rathausspitze wählen zu lassen. Somit war Steiner der letzte ehrenamtliche Rathauschef von Grassau.

Unvergessen bleibt Hans Steiner, der im April 2005 im Alter von 85 Jahren verstarb, auch dem ehemaligen Gemeindebeamten und langjährigen Gemeindegeschäftsleiter Claus-Dieter Hotz. Dessen Privatarchiv und 1995 entstandener Chronikband waren Grundlage, um an das verdienstvolle, vielseitige Wirken des Altbürgermeisters Steiner erinnern zu können. tb