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»Er konnte nie seine Bilder öffentlich zeigen«

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Till R. Lohmeyer stellte in einer Lesung im voll besetzten Pfarrhof in Tengling das Buch »Reinhard Schmidhagen – Das erste Jahrzehnt« vor. (Foto: Aßmann)

Als Mykologe, Übersetzer der Bücher von Ken Follet sowie als Autor von Romanen, Satiren und Fachbüchern ist Till R. Lohmeyer weit über die Grenzen des Landkreises hinaus bekannt. Im Rahmen einer Lesung im Tenglinger Pfarrhof stellte er nun sein neuestes Werk vor: ein Buch über den Künstler Reinhard Schmidhagen. Veranstaltet wurde die Lesung vom Heimat- und Kulturverein Tengling.


Schon bei der flüchtigen Betrachtung der Lebensdaten von Schmidhagen fallen zwei Jahreszahlen besonders auf: Geboren 1914, gestorben 1945. Vier Wochen nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs kommt Reinhard Schmidhagen zur Welt. Als er seiner unheilbaren Lungenkrankheit erliegt, ist der Zweite Weltkrieg gerade einmal neun Wochen vorüber. Zwischen diesen beiden Katastrophen spielt sich das kurze, aber von großer Intensität geprägte Leben des Künstlers ab.

Das Buch »Das erste Jahrzehnt« ist eigentlich eine Autobiographie, die Reinhard Schmidhagen 1939 mit viel Leidenschaft, Humor und beeindruckender sprachlicher Eleganz formuliert hat. Doch ohne Till R. Lohmeyer wäre der Lebensbericht wohl völlig in Vergessenheit geraten. Er fand ihn nach dem Tod seines Vaters – dem Schauspieler, Schriftsteller und Drehbuchautor Wolfgang Lohmeyer – 2012 in dessen Nachlass. »Das Manuskript lag in einem weißen, eingedellten Karton mit roten Punkten. Zahlreiche Fotos von Schmidhagen, einige Holzschnitte von ihm, ein 1948 von meinem Vater verfasster und wohl nie veröffentlichter Aufsatz über den Künstler sowie ein umfangreicher Briefwechsel fanden sich ebenfalls darin«, berichtete Lohmeyer den interessierten Zuhörern im voll besetzten Pfarrhof.

Lohmeyers Bindung zu Schmidhagen ist tief, obwohl der Tachinger den Künstler niemals persönlich kennengelernt hat. Till R. Lohmeyer wurde fünf Jahre nach Schmidhagens Tod geboren. »Aber dennoch war er durch die vielen Erzählungen meines Vaters stets präsent. Und ich verdankte Reinhard Schmidhagen meinen zweiten Vornamen«, erzählte der Autor. Als Lohmeyer der Text, der vollständig in Kleinschreibung verfasst ist, in die Hände fällt, ist er von der Lektüre sofort fasziniert. »Dieses Manuskript, das 72 Jahre im väterlichen Archiv lag, war besser als vieles, was ich in meiner Tätigkeit als Lektor je gelesen, geprüft und für gut oder schlecht befunden hatte. Da wusste ich, dass ich eine Aufgabe habe«, schilderte Lohmeyer lebhaft seine ersten Eindrücke.

»Das erste Jahrzehnt« ist ein brilliant geschriebenes Zeitzeugnis, das Kunst- und Literaturfreunde gleichermaßen in seinen Bann zieht. Witzig, ehrlich, ergreifend und manchmal ein bisschen selbstverliebt zeigt es Freud und Leid eines Hochbegabten auf, der spürt, dass ihm die immer wiederkehrende Krankheit kaum Zeit lassen wird, ein unvergessliches künstlerisches Lebenswerk zu schaffen. Darüber hinaus lebt Reinhard Schmidhagen in der dunkelsten Epoche Deutschlands, in der seine ausdrucksstarken Bilder und düster-beklemmenden Holzschnitte als »entartet« gelten.

Bei einem Genesungsaufenthalt in der Schweiz kommt Reinhard Schmidhagen mit der freien Presse in Berührung. Er wird politisch und stellt von nun an seine Kunst in den Dienst der Humanität. Im Gedenken an die Opfer des verheerenden Bombardements durch Kampfflugzeuge der deutschen »Legion Condor« auf die kleine baskische Stadt Guernica im spanischen Bürgerkrieg schafft der Künstler eine achtteilige Holzschnittfolge. Die erschütternden Darstellungen sind expressiv und sozialkritisch im Stil seines Vorbildes Käthe Kollwitz gehalten.

Und die sieht in Schmidhagen bereits den Künstler, der ihr Werk fortsetzen wird. Ludwig Renn, Verfasser einer der bedeutendsten Bücher über den Weltkrieg, den Schmidhagen in der Schweiz kennenlernt, nimmt die acht Blätter mit auf eine Reise in die USA. Unter einem Pseudonym – aus Angst vor Repressalien in Nazi-Deutschland – wird der Holzschnittzyklus »Guernica« ausgestellt und sorgt für großes Aufsehen.

Wolfgang Lohmeyer und Schmidhagen lernen sich 1940 in Marburg kennen. Von Anfang an verbindet die intellektuellen, aber völlig unterschiedlichen, jungen Männer eine innige Freundschaft. Ein Ölporträt des 20-jährigen Wolfgang im Stil des Spätimpressionismus ist der Ausdruck dieser tiefen emotionalen Verbundenheit. In einem sehr intensiven und eindringlichen Briefwechsel tauschen sich die beiden über den Tod aus, dem Schmidhagen krankheitsbedingt mehrfach bereits sehr nahe war, und dem Lohmeyer nach seiner Einberufung Tag für Tag fürchten muss. Doch der Kontakt reißt ab und wird erst 1944 – »nach Jahren der Entfremdung« wie Wolfgang Lohmeyer selbst schrieb – wieder aufgenommen.

Nach der Eroberung Marburgs durch die US-Armee wird nach unbelasteten Künstlern gesucht, mit denen ein neues Kulturgeschehen in Deutschland aufgebaut werden kann. Es gibt zu dieser Zeit sogar bereits Kontakte zwischen einem amerikanischen Sergeanten und Schmidhagen. »Er konnte nie seine Bilder öffentlich zeigen. Dabei wollte er so gerne wenigstens einmal das Echo seiner Werke vor einem weiteren Kreis erleben«, zitierte Lohmeyer aus seinem Buch und ergänzte: »Reinhard Schmidhagen stand eine bedeutende künstlerische Zukunft bevor.« Doch diese erlebt der Künstler nicht mehr. Am 8. Juli 1945 stirbt Schmidhagen an einer neuerlichen Krankheitsattacke.

Seit seinem Tod wurde Schmidhagens Werk – zahlreiche Grafiken, impressionistische Ölporträts sowie neben »Guernica« die Holzschnittfolgen »Die andere Front« und »Genius«, zu dem Wolfgang Lohmeyer Verse verfasste – in mehr als 40 vielbeachteten Ausstellungen der Öffentlichkeit präsentiert. Der künstlerische Nachlass Reinhard Schmidhagens ist im Kunstmuseum Bochum zu sehen. Dort ist heuer auch eine Sonderausstellung zum 70. Todestag des Künstlers geplant. Das Buch »Reinhard Schmidhagen – Das erste Jahrzehnt« ist in der Tachinger Medien-Edition Welsch als Printausgabe sowie als E-Book erschienen. Mia