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Entspannen, genießen und das Herz stärken

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Eddy Balduin misst Dr. Langhof den Blutdruck. Ohne den vorherigen Schichtdienst in der Klinik und das Interview mit dem Bayerischen Rundfunk wäre dieser sicher noch weiter abgesunken. Jede Anspannung, beispielsweise auch ein mitgeführter Hund, beeinflusst den Blutdruck der Testpersonen.
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Auch Ingeborg Strasshofer aus Berchtesgaden (ganz vorne), schätzt die Herz-Kreislauf-Wanderungen, weil sie hier mit anderen in Kontakt kommt und sich in frischer Luft und gezielter Bewegung gesund erhalten kann. Hier sieht man die Gruppe beim Anstieg auf die Kneifelspitze, im Hintergrund der Hochkalter, (Fotos: Mergenthal)

Berchtesgaden – Bei schönstem Bergwetter bricht eine bunt gemischte Gruppe auf die Kneifelspitze auf: Einheimische und Urlaubsgäste, Jüngere und Ältere, erfahrene Wanderer und Neulinge, Herzpatienten und Gesunde. Sie nehmen aus unterschiedlichen Gründen an der Herz-Kreislauf-Wanderung der Tourismusregion Berchtesgaden-Königssee (TRBK) teil. Diese in Deutschland einmalige Form der geführten Wanderung feiert ihr 25. Jubiläum.


Zuerst werden ein Brustgurt und eine Pulsuhr angelegt. Vor der Infotafel am Beginn der Teststrecke zur Kneifelspitze misst Wanderführer Eddy Balduin den Blutdruck der Teilnehmer und stellt die Pulsuhr am Handgelenk ein. Nun werden die Herzschläge pro Minute beim Gehen kontinuierlich angezeigt. »In den 25 Jahren hatten wir bei den Herz-Kreislauf-Wanderungen 25 000 Teilnehmer, also etwa 1 000 pro Jahr«, erzählt Michael Wendl, Geschäftsleiter der Tourismusregion, stolz. Ein Team des Bayerischen Rundfunks filmt die Jubiläumstour. Der genaue Sendetermin Ende August in der Abendschau steht noch nicht genau fest.

Bereits seit 20 Jahren führt der Heeresbergführer und staatlich geprüfte Skilehrer Eddy Balduin diese Wanderung und auch andere Touren für die TRBK. Er wechselt sich mit Herbert Wendlinger ab. »Mich reizt es, die Leute da abzuholen, wo sie selten abgeholt werden: ganz am Anfang«, verrät der gebürtige Allgäuer. »Das ist meine stressigste Wanderung«, ergänzt er schmunzelnd. »Da muss man so viel aufschreiben.« Auf einem Datenblatt wird alles erfasst: zum Beispiel die Temperatur im Tal und am Berg, die Beschaffenheit des Untergrundes, das Gewicht des Rucksacks, der Blutdruck im Tal und gleich nach der Ankunft am Berg sowie der Puls an insgesamt sechs Messpunkten.

400 Höhenmeter in der Stunde

Auf dem ersten Abschnitt über ein kurzes Stück Asphalt zu einem Wiesenpfad mahnt Balduin die Teilnehmer zu einem gemütlichen Tempo. »Wenn wir in diesem Pulsbereich gehen, sind wir oben nach fünf Minuten wieder erholt.« Trotzdem schaffe man 400 Höhenmeter in der Stunde. Die Teilnehmer erfahren auch, wie die sogenannte »Puls-Obergrenze« berechnet wird: 180 minus Lebensalter plus 10 Prozent. Für einen optimalen Flüssigkeitshaushalt rät Balduin, vor der Tour ordentlich zu trinken. Unterwegs sei häufiges kurzes Stehenbleiben kontraproduktiv, besser sei es, so langsam zu gehen, dass man mit etwa einer Trinkpause pro Stunde auskommt. Pausen von fünf bis zehn Minuten seien für die Regeneration ideal.

Brigitte und Hans Wies aus Mainz, erstmals in Berchtesgaden, genießen das Panorama. Von der Wiese aus ist der Watzmann zu erspähen, bevor es in den angenehm kühlen Wald geht. Früher sind sie immer »auf eigene Faust« losgegangen, erzählen sie. Nun entschieden sie sich bewusst für eine geführte Wanderung. »Da braucht man sich um nichts kümmern und bekommt einen Eindruck von der Gegend. Und ein Gefühl dafür, wie lang man pro Höhenmeter braucht«, sagt Hans Wies. »Und man kann die eigene Kondition besser einschätzen. Wir sind Flachlandtiroler und mehr im Rheingau, Taunus oder Hunsrück unterwegs. Da gibt es keine so schmalen, steilen, steinigen Wege.«

Marita Seifert, die vor ihrer Pensionierung bei einer Rentenversicherung in Berlin arbeitete, verbringt seit Jahren ihren Urlaub im Berchtesgadener Land. Bewegung in freier Natur ist für sie »Entspannung pur« und Ausgleich. Von Beginn an war sie bei den Herz-Kreislauf-Wanderungen dabei. »Sie waren wichtig für mich, um die eigene Fitness einzuschätzen. Ich hatte mich eher unterschätzt«, erklärt sie. Im Moment ist sie im Wiederaufbau nach einer Herzoperation vor vier Monaten und ist froh über die Sicherheit durch die Überwachung von Blutdruck und Puls. »Man hat so viele Möglichkeiten hier«, schwärmt sie von den Berchtesgadener Bergen. Ihre schwierigste geführte Tour war eine Untersberg-Wanderung vom Stöhrhaus über das Mittagsloch ins Tal. »Das war heftig. Aber wir sind alle heil angenommen. Im Nachhinein war ich unglaublich stolz.« Von Balduin lernte sie, so zu wandern, dass sie keine Knie- und Gelenkprobleme bekommt, die Wanderstöcke richtig einzusetzen und sicher über Felsen zu gehen.

»Ich mag die Geselligkeit«

Doch auch Einheimische schätzen dieses Angebot: »Ich mag nicht allein in die Berge gehen, ich mag die Geselligkeit«, verrät Ingeborg Strasshofer aus Berchtesgaden, seit Kurzem in der Rente. »Einheimische und Fremde – das ist so ein schönes Miteinander. Das findet man fast nur am Berg.« Sie schätzt es, sich mit frischer Luft und Bewegung gesund zu erhalten, Kontakte zu knüpfen, das Erlebte zu teilen und sich in Begleitung eines Bergführers gut aufgehoben zu fühlen. Ein »Highlight« ist für sie, dass diesmal ein Arzt mit dabei ist, der Kinderarzt und Sportmediziner Dr. med. Helmut Langhof. Er ist Vorsitzender des »Mittendorff Instituts«, ein gemeinnütziger Verein für medizinische Forschung im Bergsport, und ärztlicher Leiter der Klinik Schönsicht. Das Institut initiierte diese Wanderungen und begleitet sie wissenschaftlich.

Auf die Frage, wie man ohne Pulsuhr merkt, ob man im richtigen Tempo unterwegs ist, sagt Dr. Langhof: »So lange ich durch die Nase genug Luft bekomme, bin ich nicht zu schnell.« Mit und ohne Pulsuhr-Kontrolle sei bei Männern die Differenz beim Gehtempo extrem groß, ergänzt Balduin. Frauen hören seiner Erfahrung nach von vornherein besser auf den eigenen Körper.

Blutdruck oben niedriger als unten

Die Wanderer achten darauf, die Trinkpause an einem flachen Wegstück zu machen, wo nicht sofort danach ein steiler Anstieg stresst. Auf dem Gipfel der Kneifelspitze belohnt sie ein grandioser Ausblick und die Feststellung, dass der Blutdruck oben niedriger als unten ist. Ist das möglich? Nur eine Stunde Bergaufgehen wirkt sich positiv auf den Kreislauf aus. Mit regelmäßigem, gemütlichem Bergwandern kann man also unglaublich viel für seine Gesundheit tun, sich eine Top-Kondition aufbauen und nebenbei die vielen Wunder am Wegrand noch wahrnehmen – diese Erkenntnis nehmen die Herz-Kreislauf-Testwanderer mit auf den Weg ins Tal. Veronika Mergenthal