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Forscher Andreas Wolf: »1 Million Kubikmeter Eis sind in den letzten 60 Jahren weggeschmolzen«

Eiskapelle wird zum Eiskapellchen

Berchtesgaden – Es ist wohl eine heiße, auf jeden Fall aber eine dauerhafte Liebe, die Andreas Wolf und die Eiskapelle verbindet. Schon seit Anfang der 80er-Jahre vermisst der stellvertretende Vorsitzende des Verbandes der deutschen Höhlen- und Karstforscher alljährlich das Kleinod am Fuße der Watzmann-Ostwand. Ob dieses immer mehr dahin schmilzt oder Aussicht auf Bestehen hat, darüber referierte der Münchner Höhlenforscher anlässlich der Jahrestagung des Verbandes am »Tag der Höhlen« im »Haus der Berge«.

Nationalpark-Leiter Michael Vogel bedankte sich bei Andreas Wolf, stellvertretender Vorsitzende des Verbandes der deutschen Höhlen- und Karstforscher, für dessen Vortrag über die Eiskapelle am Fuße des Watzmann. (Foto: Berwanger)

Mit im Gepäck hatte Andreas Wolf sehenswerte Aufnahmen der Eiskapelle, aber auch sein Publikum nachdenklich stimmende Zahlen rund um das Eisfeld. Der Vermessungsingenieur hat nicht nur seine Diplomarbeit im Jahr 1994 zur Eiskapelle verfasst, sondern unterdessen auch andere angehende Jungakademiker bei ihren Abschlussarbeiten zum Thema Eiskapelle begleitet. So habe eine Studentin die Eiskapelle im letzten Jahr außen und innen gescannt. »Dort hat das Tropfwasser etwas gestört, deswegen mussten wir einen Spritzschutz am Scanner anbringen«, erklärte der Eiskapellen-Liebhaber lakonisch. Im Rahmen seiner jährlichen Mess-Kampagnen von 1982 bis 2014 hat er jahreszeitlich bedingte Veränderungen in der Erscheinungsform des großen Eisfeldes am Fuße des Watzmanns und der darunter liegenden Eiskapelle durch Schmelzwasser, Luft und Wind feststellen können. Heiße Sommer oder schneearme Winter, alles präge das Kleinod innen wie außen auf seine Weise.

Fest stehe aber auch, dass die Flächen zusammenschmelzen. Von 50 000 Quadratmetern im Jahre 1953 wären nur mehr 12 000 übrig. »Es sind 1 Million Kubikmeter Eis weggeschmolzen, das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen, das ist eine Menge Holz«, brachte Andreas Wolf die Zuhörer seines Vortrages zum Nachdenken – und zum Schmunzeln ob dieses etwas ungewöhnlichen Bildes. Alles andere als ein Spaß ist für den Forscher der Leichtsinn derer, welche die Eiskapelle als touristisches Highlight im Programm haben. »Viele laufen übers Eisfeld, Sandalen sind Standard in der Ausrüstung oder Familienväter positionieren Frau und Kinder fürs Foto im Eingangsbereich, das muss man mal erlebt haben«, berichtete der Höhlenforscher. Dabei berge die Situation des dauernd im Wandel befindlichen Eisfeldes eine Unmenge an Gefahren in sich, nicht umsonst wäre der Zutritt zur Eiskapelle strengstens verboten. Die Zeit Mitte der 60er-Jahre, als der Watzmann-Ostwand-Torlauf für die Berchtesgadener ein wichtiges gesellschaftliches Ereignis gewesen sei, liege lange zurück.

»Wo geht die Reise hin, wird die Eiskapelle schmelzen oder nicht?«, fragte Andreas Wolf zum Schluss seines Vortrages ins Publikum. Dieses konnte er zugleich sofort trösten. Dank seiner Lage an der Watzmann-Ostwand würde das Kleinod »mit der eher ungewöhnlichen Höhe« zwischen 800 und 1 000 Metern weiterhin ausreichend durch Lawinen genährt werden. Das dürfte auch die Berchtesgadener freuen. »Die Eiskapelle gehört zur Region«, erklärte Nationalpark-Leiter Michael Vogel nach Wolfs Ausführungen. »Wenn man mit den Leuten spricht, hört man immer wieder, der Eiskapelle geht es gut oder der Eiskapelle geht es schlecht.« Der aktuelle Zustand des Kleinods liege den Berchtesgadenern sehr am Herzen. Ina Berwanger