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Ein Tausendsassa aus Wien

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Koloman Moser als Grafiker: Profilbildnis eines Mädchens mit dem Emblem der Secession aus dem Jahr 1897. (Foto: Gärtner)

Wie ist das, wenn ein Künstler alles kann – Theaterbühnen ausstatten und Stoffmuster entwerfen, Bilder malen und Kalender gestalten, Innenräume gestalten und Grafik designen, die Kleidermode verfeinern und Ornamente kreieren, Heilige in Kirchenkuppeln setzen, Alltagsgläsern den der Natur abgeschauten Schliff geben? Wie ist das – wenn ein Mann sich auf so vieles, auf fast alles manuell Künstlerische versteht, aber eines nicht kann: mit dem Rauchen aufhören? So einer muss frühzeitig für immer abtreten. Dem Wiener Koloman Moser waren nur fünf Jahrzehnte auf Erden vergönnt. Seine Lebensdaten sind sehr gut zu merken: 1868 bis 1918.


Die Ausstellung im Museum Villa Stuck feiert noch bis Mitte September bombastisch den 101-jährigen Universalkünstler Koloman Moser, mit nicht weniger als 600 Exponaten aus dem Schaffensbereich einer der »großen Visionäre der Wiener Moderne«. Zwei Wiener Kunstinstitutionen leisteten die – enorme – Vorarbeit: das MAK (Museum für Angewandte Kunst) und das Theatermuseum. Wer will, kann mit dem Thema »Bühnenausstattung« den in 6 Abteilungen gegliederten Rundgang beginnen. Da muss er bis unters Dach in das Kabinett steigen, für dessen Eingeweide Daniela Franke und Kurt Ifkovits zuständig waren. Sie haben sich Verdienste erworben, indem sie erstmals das Ganze Mosersche »Theaterzeug« zusammenstellten. Vom Brettl bis zur Oper. Moser liebte in den späten Jahren das Musiktheater besonders und schuf zahlreiche Deko-Entwürfe – wovon gar nicht alle realisiert werden konnten.

Am besten ist es, mit der Besichtigung ganz von vorne anzufangen – und dann aber, im großen Raum des Erdgeschoßes, sich die »Hinführungen« mit bombastischen Interieurs aus der Makart-Zeit zu sparen und gleich die Rückwand anzupeilen. Dort winken von ferne die Jahreszahlen, unter die, als Chronik des Universalkünstlers Kolo (wie ihn die Freunde nannten) Moser, viel Text und Bild gesetzt wurde, so dass man damit schon mal mindestens ein Stündchen verbringen könnte. Auf kariertes Papier wurden die kleinsten und größten Bedeutsamkeiten aus einem bewegten und bewegenden Promi-Künstlerleben des Fin de Siècle mit all seinen Krisen und Dekadenzen aufgezeichnet.

Welche Freude, Einblicke in Mosers Autobiografie zu erhalten. Aus »Mein Werdegang« von 1916 wird zitiert. Schon als Kind band Kolo sich seine Bücher selbst ein und baute sich Hasenställe. Nähen lernte er vom Schneider, Schnitzen vom Drechsler, das Blumensträuße-Binden vom Gärtner. Nur so habe der Bub Kolo sich »in die kunstgewerblichen Fragen leicht hineingefunden«. Die ging er mit kunstgewerblichem Talent und organisatorischer Akkuratesse an. Freund Hermann Bahr, den Kolo Moser 1914 auf ein postkartengroßes Stück Pappe beim Lesen auf dem Bauch liegend am Lido von Venedig zeichnete, taufte ihn Tausendkünstler. Der mit dem Malen begann und endete.

Dazwischen liegen tolle, fruchtbare Jahre, die sowohl in die Geschichte der von Moser 1897 mitbegründeten Wiener Secession als auch in die der Wiener Werkstätten (1903) hineinspielen. Mit Gustav Klimt und Josef Hoffmann bildet Koloman Moser das legendäre Wiener Jugendstil-Triumvirat. Mosers Grafik war auf Briefmarken ebenso zu finden wie auf Volksschulfibeln, Konzertplakaten oder Firmenbriefbögen. Ein Foto zeigt ihn mit einem Heiligenschein – im Zusammenhang mit seinen Entwürfen für Otto Wagners Steinamhof-Kirche.

Die Ausstellung ist bis 15. September täglich außer Montag von 11 bis 18 Uhr zu besichtigen. Hans Gärtner