weather-image

Ein Sommernachtstraum auf dem Chiemsee

5.0
5.0

Ein überaus heißer Tag war noch nicht zu Ende, als bei herrlichstem Wetter das größte Schiff der Chiemsee-Schifffahrt vom Hafen Prien-Stock ablegte. Bereits zum 8. Mal fand das »Boogie On The Sea Festival« auf dem »Bayerischen Meer«, das auch dieses Mal wieder restlos ausverkauft war, statt. Die vielen Boogie-Freunde aus Nah und Fern – die meisten sicherlich Stammgäste von der Staudacher Musikbühne – bekamen einen ganzen Abend lang Live-Musik mit internationalen Künstlern, verteilt auf allen Decks der MS Edeltraud, präsentiert.


»Wir sind die kleinste Big-Band der Welt« – mit dieser selbstbewussten Ansage stellte der Mundharmonika-Spieler Bertram Becher die Gruppe »Boogielicious« vor, ein Trio aus Bielefeld um den holländischen Pianisten Eeco Rijken Rapp. Dritter im Bunde war Schlagzeuger David Herzel, der für sein Solo zwischen dem Publikum nach Objekten suchte, die er mit seinen Drum-Sticks bearbeiten konnte. Tischplatten, Flaschen, Wände, alles, worauf er trommeln konnte, wurde benutzt, ehe er wieder an sein Schlagzeug zurückkehrte. Gut, zur Big-Band fehlten doch noch einige Instrumente, aber der Sound von Piano, Drums und Harp war schon ganz ordentlich. Eeco Rapp hat klassische Klaviermusik studiert, orientierte sich aber nach und nach an traditionellem Boogie-Woogie und beherrscht die leisen Klavierpassagen beim Blues genauso wie den fetzigen Boogie. Auch an Bord gab es reichlich Applaus für ihre Interpretationen von Blues, Boogie und Ragtime.

Auf dem Hauptdeck bot der Innsbrucker Lebenskünstler und Pianist Robert Roth mit seinem Boogie-Quartett auf engstem Raum eine Bühnenshow und führte vor, wie der Boogie-Woogie in der Alpenrepublik zelebriert wird. Als Gaststars stellte er den US- amerikanischen Boogie-Pianisten Chase Garrett vor, der auf einem zweiten E-Piano seine Professionalität bewies, sowie seine Schwester Helene mitsamt Freundin Elisabeth Mair, die bei ihrem kurzen Auftritt als Sängerinnen für Abwechslung in der Stimmlage sorgten. Rainer Steinlechner mit dem Kontrabass, Saxophonist David Huber und Jerzy Nodryn-Plotnicki am Schlagzeug sorgten für den richtigen Background. Ob leidenschaftlich an seinem elektronischen Klavier, als Entertainer oder zusammen mit Chase Garrett vierhändig dem Piano rhythmische Akkorde entlockend, Robert Roth übertrug seine Fröhlichkeit stets auf die Zuhörer. Einem ganz besonderen Gast des Abends gebührte zweifellos der stürmischste Applaus: Michael Sedlatschek von der Chiemgauer Rock'n'Roll-Blues-Rockabilly-Band »Tscheky & The Blues Kings«, der mit seiner Fender Stratocaster E-Gitarre das »Robert Roth Boogie Quartett« kräftig unterstützte. Kaum zu glauben, dass dieses Talent erst 15 Jahre alt ist und sich ohne groß zu proben bei der Band harmonisch integrierte. Als er dann den Rock ´n´Roll- Klassiker »Whole Lotta Shakin´ Goin´ On« anstimmte, während über dem Chiemsee stimmungsvoll die Sonne unterging, war das Publikum nicht mehr zu halten.

Ein weiterer Inbegriff der österreichischen Boogie-Szene und mit an Bord war das »Daniel Ecklbauer Trio« aus Linz mit Alexander Meik am Upright-Bass, dem Schlagzeuger Christian Lettner und Daniel Ecklbauer am Piano. Albert Koch aus Kaiserslautern verstärkte das Trio mit seiner umfangreichen Auswahl an Mundharmonikas und einem unter die Haut gehenden Bluesharp-Spiel. Insbesondere bei dem mitreißenden Chuck-Berry-Hit »Roll Over Beethoven« oder dem »Stormy Monday Blues« holte er das Letzte aus sich und seinen Harps heraus.

Viele Gäste ließen sich vom Fahrtwind auf den Außendecks abkühlen, bevor sie, vom Applaus angelockt, ihre »Favoriten« aussuchten. Zu keiner Zeit waren die Platzverhältnisse beengt, die Zuhörer verteilten sich gleichmäßig auf allen Decks. Als jedoch nach einer Pause der junge Tscheky zum »Daniel Ecklbauer Trio« wechselte und auch noch Bertram Becher von den »Boogielicious« mit der Harp hinzu kam, war der Andrang groß. Die heißesten Nummern des Abends waren gewiss der Top-Hit »Route 66«, bei dem Tscheky aus seiner Fender alles herausholte, oder das Bluesharp-Duell von Bertram Becher und Albert Koch bei »Talk to me baby«, die das Publikum zum Toben brachten.

Zu kurz schien die Zeit an Bord der MS Edeltraud, als nach vier Stunden der Chiemsee-Kreuzer wieder im Heimathafen Prien anlegte und alle Bands mit ihren letzten Songs das »Boogie On The Sea Festival 2014« ausklingen ließen. Die Überraschung des Abends und der erklärte Publikumsliebling Michael Sedlatschek, der so mühelos bei den Bands mitspielte, hat bestimmt allen die Schau gestohlen. Von Ihm werden wir sicher noch viel hören, die Vorbilder und das Zeug dazu hat er ja schon. Reiner Strasser