weather-image
24°

Ein Sommer (fast) ohne Kultur

3.0
3.0
Bildtext einblenden
Ein Foto aus besseren Tagen: Im Januar feierte die Grassauer Bauernbühne noch mit »Chaos im Bestattungshaus« Premiere. Das aktuelle Stück »Residenz Schloss und Riegel« fiel Corona zum Opfer. (Foto: Archiv Eder)

Eines ist schon jetzt klar: 2020 wird ein Sommer (fast) ohne Kultur. Freilufttheater, Open-Air-Konzerte, Festivals – wegen Corona müssen wir in diesem Jahr auf vieles verzichten, vermutlich bis in den Winter hinein. Laienbühnen wie Kultureinrichtungen stehen vor dem selben Problem: Kommen die Zuschauer zurück?


»Unser Vereinsleben liegt seit Anfang März auf Eis«, sagt Mona Pavlak, die Vorsitzende der Grassauer Bauernbühne. Seit kurzem steht fest, dass sie ihr Stück »Residenz Schloss und Riegel«, dass eigentlich am 12. April Premiere gehabt hätte, in diesem Jahr gar nicht mehr aufführen werden. »Wir hatten gehofft, dass es im Sommer klappt und ganz optimistisch die Premiere auf Mitte Juli verschoben.« Doch daraus wird nichts. Die Laienbühnen dürfen – ähnlich wie Chöre – nicht proben. Strukturell sind die Laienbühnen zudem nicht für Ein- oder Zwei-Personen-Stücke angelegt, schließlich sollen möglichst vielen Mitglieder die Möglichkeit haben, auf der Bühne zu stehen.

Anzeige

Wie viele Amateurtheater hat die coronabedingte Zwangspause auch die Grassauer Laiendarsteller in der »heißen Phase« kurz vor der Premiere erwischt, das Frühjahr ist Hauptspielsaison. Da ist bereits viel Geld geflossen. »Werbung, Bühnenbau, Requisiten, wir gehen dabei in Vorleistung und sind daher auf die Einnahmen angewiesen«, sagt Pavlak. Rund 10 000 Euro an Einnahmen gehen der Bauernbühne nun durch den Ausfall dieser Produktion verloren.

Einnahmeverluste bis zu 10 000 Euro normal

Zahlen in einer Größenordnung, die durchaus üblich sind, wie Horst Rankl, der Präsident des Bayerischen Amateurtheaterverbands bestätigt. Der Verband hat bayernweit seine Mitgliedsvereine befragt, wie sehr sie unter dem Spielverbot leiden, auch finanziell. »Hochgerechnet fallen 4740 Vorstellungen aus, zu denen rund 800 000 Besucher gekommen wären.« Das kann Rankl aus der Umfrage herauslesen, an der sich rund 60 Prozent der bayerischen Mitgliedsbühnen beteiligt haben. Der Mehrheit gehen dabei Einnahmen zwischen 5000 und 10 000 Euro verloren. »Große Freilichtaufführungen wie das Rosenheimer Stadtspiel haben sogar Einnahmeverluste bis 100 000 Euro«, sagt Rankl. Das Ergebnis der Umfrage wurde nun an den zuständigen Kulturminister Bernd Sibler weitergeleitet, um den Druck zu erhöhen.

Die Inzeller Bauernbühne, die im Sommer immer ein Freiluftstück im Steinbruch in der Max-Aicher-Arena aufführt, ist mit einem blauen Auge davongekommen. »Wir hatten die Schauspieler ausgesucht und erste Leseproben abgehalten«, sagt die Vorsitzende Ulrike Rieder. Kosten seien zum Glück noch nicht wirklich angefahren. Das Stück wird nun erst im Sommer 2021 aufgeführt. Dennoch ein herber Dämpfer für die Bauernbühne. Die Schneekatastrophe im Januar 2019 hatte große Schäden an den Kulissen hinterlassen, »mit der diesjährigen Saison wollten wir wieder auf die Beine kommen«, sagt Rieder.

Kalt erwischt wurde auch der Theaterverein Otting; für den Verein hatte die Spielsaison gerade begonnen. Nach dreimonatiger Vorbereitung auf die Theaterproduktion »Das Dschungelbuch« konnten die Ottinger wenigsten sechs ausverkaufte Vorstellungen geben. Aber ab Freitag, 13. März, war coronabedingt Schluss. »1000 verkaufte Karten mussten wir wieder zurücknehmen«, sagt Vorsitzender Sepp Thaler. Die Unterstützung durch die Theaterbesucher sei aber großartig gewesen, da sie teilweise auf eine Rückerstattung verzichteten.

Finanziell konnte der Verein durch die sechs gespielten Aufführungen den größten Teil der Unkosten auffangen, »trotzdem blieben wir auf Kosten von rund 2000 Euro sitzen«. Theaterproduktionen mit der Ausstattung wie sie in Otting betrieben werden, an der 40 Theaterspieler und Musikanten beteiligt sind, mit aufwändiger Technik und Kulisse seien nicht hauptsächlich auf Gewinn ausgerichtet. »Da geht's einfach um die Theaterleidenschaft«, betont Thaler. Glücklicherweise sei der Ottinger Theaterverein durch ein angespartes Notfall-Guthaben für größere Theaterproduktionen mit unsicherem Ausgang finanziell abgesichert.

Eine Absicherung, auf die nicht jeder Verein zurückgreifen kann. Auf den Auslagen bleiben die Vereine jetzt in der Regel sitzen, denn an sie wurde laut Rankl in keinem der Soforthilfeprogramme wirklich gedacht. Zwar haben die Bezirke Ober- und Niederbayern angekündigt, zehn Prozent der getätigten Ausgaben zu ersetzen, aber das sei »nur ein Tropfen auf dem heißen Stein«. Positiv ist für den Verbandspräsidenten jedoch, dass es für keine Laienbühne wirklich existenzgefährdend ist.

Auch wenn es viele Vereine finanziell trifft, machen alle Beteiligten klar, dass ihnen in erster Linie der soziale Kontakt fehle. »Es schmerzt, dass wir uns nicht zum Proben sehen können«, sagt Sepp Thaler.

Wann werden die Zuschauer wieder die beliebten Produktionen sehen dürfen? Die Vereine hoffen, ab Herbst wieder anpacken zu dürfen. »Normalerweise müssen die Proben für das nächste Kinderstück im Dezember beginnen, aber lassen wir uns überraschen«, sagt Sepp Thaler. In Inzell würden die Proben im September beginnen. »Der Festsaal wäre als Aufführungsort groß genug«, zeigt sich Rieder optimistisch. In Grassau plant man, die Proben Anfang Oktober aufzunehmen, damit die Premiere am 4. Januar 2021 im Heftersaal über die Bühne geht.

Hoffen, dass die Zuschauer kommen

Allerdings stimmen die Hygieneauflagen, mit denen ab Montag die Profibühnen auch in Bayern wieder öffnen dürfen, nicht sehr euphorisch. Der zusätzliche Aufwand sei enorm. »Unter den Auflagen der Hygiene-Verordnung ist in Otting beim Wirt meiner Meinung nach eine Theateraufführung nicht möglich.« Zu eng seien die Laufwege, um den Mindestabstand immer einzuhalten. Ähnlich sieht es Mona Pavlak. »Normalerweise spielen wir im Heftersaal vor 250 Leuten, jetzt dürften nur noch 50 Zuschauer Platz nehmen, und ob die dann auch wirklich kommen, ist fraglich.« vew