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Ein Revolutionär als dreidimensionales Puzzle

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Das Denkmal für Kurt Eisner vor dem Trostberger Stadtkino, das der Künstler Werner Pink (rechts) aus Eisenblech zusammengesetzt hat. Links steht der Betreiber des Stadtkinos, Christoph Loster. (Foto: Giesen)

Das Stadtkino Trostberg hat sich seit vielen Jahren zur »Kulturhochburg« entwickelt, wie bei der Einweihung der neuen Statue von Kurt Eisner (1867 bis 1919) mehrfach festgestellt wurde. Eisner war Anführer der Münchner Novemberrevo-lution 1918 und kurzzeitig erster Ministerpräsident des Freistaats Bayern, bevor er von dem Studenten und zu der Zeit beurlaubten Leutnant im Königlich-Bayerischen Regiment, Anton Graf von Arco, erschossen wurde.


Bei der kleinen Feierstunde zur Einweihung der Statue freute sich Stadträtin Marianne Penn im Beisein vieler Gäste bei der Begrüßung, dass die Initiative von Peter Kurz, der die Idee zu dem Kunstwerk hatte, von Erfolg gekrönt war. Der Trostberger Peter Kurz, der von 1982 bis 1986 Mitglied des Bayerischen Landtags für die SPD war und sich heute bei den Linken enga-giert, hat zum Jubiläum »100 Jahre Freistaat Bayern« im letzten Jahr bereits zwei Veranstaltungen in Trostberg initiiert.

Heuer, 100 Jahre nach der Ermordung Eisners, hatte er die Idee, ein Denkmal für Kurt Eisner aufstellen und möglichst einen Platz nach dem berühmten Revolutionsführer benennen zu lassen. Der Trostberger Künstler Werner Pink, weithin bekannt als Initiator der seit vielen Jahren sehr erfolgreichen »Kunstmeile« in Trost-berg, erklärte sich gerne bereit – erstmal auch ohne Honorar, nur gegen Erstattung des Materialwerts – eine solche Figur der historisch so interessanten Persönlichkeit zu schaffen.

Die Eisner-Figur ist lebensgroß, 1,67 Meter hoch, wiegt 250 Kilo und steht auf einem Metallsockel. Werner Pink beschäftigte sich monatelang mit Kurt Eisner, bevor er die Figur aus tausenden von kleinen Teilen unbehandelten, silbrig glänzenden Eisenblechs zusammenfügte. »Es war wie ein dreidimensionales Puzzle«, sagt Pink. An der feuchten Luft rostet das Material sehr schnell, sodass jetzt ein gleichsam völlig verrosteter Kurt Eisner mit Spitzbart die Kinobesucher aus seiner runden Brille betrachtet.

Nach der Einweihung vor dem Stadtkino in Trostberg, wurde der Dokumentarfilm »Es geht durch die Welt ein Geflüster« von Ulrike Bez über die Münchner Revolu-tion und Räterepublik 1918/19 gezeigt. Die Regisseurin war selbst anwesend und erklärte, wie der Film in den Jahren 1988/89 zum 70. Jahrestag der Münchner Revolution und Räterepublik entstanden war. Ulrike Bez interviewte mit ihrem Team damals mehrere, bereits hoch betagte Zeitzeugen, die Eisner und die Revolution in München noch selbst erlebt hatten. Es entstand ein tief beeindruckendes, sehr seltenes Zeitdokument aus Foto- und Filmcollagen, das den Zeitzeugen aus dem linken Spektrum dieser Zeit eine Stimme gibt.

Die Zeitzeugen, von denen viele Zeit ihres Lebens politisch aktiv waren, äußern sich – kurz vor ihrem Tod – vor der Kamera kraftvoll und lebendig. Im Angesicht ihres nahen Todes kommt keine Sekunde der Eindruck auf, sie könnten Falsches erzählen. Die unglaublichen Grausamkeiten zwischen Rot- und Weißgardisten erlebt der Zuschauer gleichsam hautnah, ohne dass einer der (manchmal gefolterten, im Rollstuhl sitzenden) Zeitzeugen über sein persönliches Schicksal geklagt hätte.

Viel erfährt der Zuschauer auch über Kurt Eisner, der offensichtlich mit seinen fortschrittlichen Ideen von Menschlichkeit und Frieden seiner Zeit weit voraus war. Sein Wahlspruch war »Jedes Menschenleben soll heilig sein«. Eisner war auch einer der ersten Feministen, der das Frauenwahlrecht schon auf der Agenda hatte und das Zölibat für Lehrerinnen abschaffte. Dass er dennoch am Tage, als er abdanken wollte, hinterrücks erschossen wurde, ist eine schicksalhafte Tragik.

Obwohl Eisner Zeit seines Lebens keine populäre Persönlichkeit war, folgten dem Trauerzug dennoch 100 000 Menschen von der Theresienwiese bis zum Münchner Ostbahnhof. Der Film liefert originale, ergreifende Aufnahmen davon.

Berichtet wurde bei der Einweihung auch über eine Münchner Initiative, die den Marienhof neben dem Rathaus in München zum Kurt-Eisner-Platz umbenennen möchte. Am Tatort des Eis-ner-Attentats in der umbenannten, heutigen Kardinal-Faulhaber-Straße, damals Promenadenstraße, erinnert bisher lediglich eine in den Boden eingelassene Reliefplatte der Künstlerin Eva-Maria Lankes an Kurt Eisner. In München bemüht sich derzeit der aktive Verein »Das andere Bayern«, den Marienhof in »Kurt-Eisner-Platz« umzubenennen. Regisseurin Ulrike Bez meinte dazu, »vielleicht gelingt ein »Kurt-Eisner-Platz« zuerst in Trostberg. Christiane Giesen