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Ein reizvolles Wechselspiel von historischer und zeitgenössischer Kunst

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Das Kindertotenbild von 1775 eines unbekannten Malers in Öl auf Leinwand.

Die Frage nach der eigenen Identität, nach Zeit, Erinnerung und Tod sind Themen einer reizvollen kleinen Ausstellung, die im Erdgeschoß des Traunsteiner Stadtmuseums eröffnet worden ist.


Zusammengestellt und konzipiert von der Leiterin der Städtischen Galerie, Judith Bader, wird eine Auswahl an historischen Exponaten, darunter Porträts und Gegenstände aus der Volkskunst, moderner Kunst wie Bildern, Objekten, Videos und Skulpturen von zeitgenössischen Künstlern gegenübergestellt. Gerade durch diese Gegenüberstellung kann der Betrachter im Vergleich seinen eigenen Standpunkt, den Ursprung seiner Erinnerungen und sein eigenes Ich im Umfeld von Gesellschaft und Umwelt erkunden.

Geräusche, Gerüche und Gefühle abgespeichert

Nachgespürt wird in der Ausstellung zum Beispiel, durch welche Faktoren Erinnerungen entstehen, so Geräusche, Gerüche, Gefühle, die im Gedächtnis zum großen Teil als Bilder abgespeichert werden. Für ihre Bild-Text-Installation »Multitasking« befragte die Künstlerin Silvia Wienefoet (Jahrgang 1975) Autisten nach ihren Wahrnehmungen im Stadtverkehr. Das leise Kli-cken der Diaprojektoren ist bei der Installation das einzige wirkliche Geräusch, dennoch entsteht im Betrachter das Bild einer hektisch lärmenden Stadt allein als Reaktion auf die gelesenen Aussagen der Interviewten. Danebengesetzt ist das idyllische Gemälde einer Stadtansicht von Traunstein mit Viadukt aus dem 19. Jahrhundert, bei dem der Betrachter nun eine völlig andere, bestimmte Geräuschkulisse fantasiert.

Die Münchner Künstlerin Tatjana Utz (Jahrgang 1975) erinnert sich in ihren animierten Zeichnungen und Texten »Was am Ende bleibt« an ihre Oma und deren legendäre Torten und Kaffeekränzchen. Nicht nur eine gute, behütete Kindheit wird heraufbeschworen, sondern auch das historische Zeitgeschehen aus den 1970er Jahren in der Bundesrepublik. Einfache Alltagsgegenstände wie Kanne und Zuckerdose auf Tondi (runden Bildern) vergegenwärtigen auch Geräusche und Gerüche als Erinnerungen an Menschen und Erlebnisse.

Beim Fegefeuer-Gemälde aus dem 17. Jahrhundert werden die Strafen der Hölle für Laster und Todsünden drastisch dargestellt. Eine Teufelsgestalt empfängt die zu ihm herabstürzenden Menschen. Dem zugeordnet sind die im Raum schwebenden »bubbles« von Helmut Mühlbacher (Jahrgang 1968), durchsichtige Plastikblasen, in denen winzige Plastikfigürchen als typische Repräsentanten der heutigen Zeit völlig isoliert und einsam leben. Da gibt es eine Frau mit übervoll beladenem Einkaufswagen, einen Politiker, einen Trinker, eine ganz ins Private zurück-gezogene Rasenmäherin oder einen Zeitungsleser. Zu zweit in einer Blase findet sich nur das Paar aus Straftäter und Polizist. Gerade in Bezug auf das Fegefeuer-Bild wird die Fragilität der Mühlbacherschen »bubbles«, der jederzeit mögliche Absturz und das heute sprichwörtliche »Platzen der Blase« deutlich.

Auseinandersetzung mit dem Tod

Einen wichtigen Teil der Ausstellung bildet die Auseinandersetzung der Künstler mit dem Tod. Der Künstler Martin Rasp (Jahrgang 1940) interpretiert Leben und Tod als Reise. In seiner Kunstaktion »Passage« zieht er selbst einen schwer bepackten Schlitten hinter sich her und bewegt sich, von der Last gebeugt, auf einen schwarzen Horizont zu. Auch seine aus Fundstücken gefertigten Boote greifen die Metapher der Reise und der Überfahrt auf.

Dynamik und Bewegung kennzeichnen auch das poppige Video »Rave and Ramble« der in Mexiko geborenen Kristin Brunner (Jahrgang 1970). Der gemalte Animationsfilm zeigt ein kleines Skelett, das verspielt und munter durch eine farbenfrohe Fantasielandschaft hüpft, begleitet von den verschiedensten Fabelwesen. Das Leben im Jenseits wird zur fröhlichen Party. Verbunden werden hier Jenseitsvorstellungen der Azteken, populäre Mythen und globale Menschheitsepen. Die Münchner Bildhaue-rin Elke Härtel (Jahrgang 1978) kombiniert zwei aus Gips gefertigte filigrane Figuren: eine alte, abgemagerte Frau und ein kleines eierköpfiges, an die Bilderwelt von Hieronymus Bosch erinnerndes Fantasiewesen mit einem jugendlichen Körper und einem dünnen Stab in der Hand.

Demgegenüber zeichnen sich die historischen Exponate – ein Kindertotenbild von 1775 und ein kleines, aus (Elfen)bein kunstvoll geschnitztes Tödlein aus dem 16. Jahrhundert – durch Statik und Bewegungslosigkeit aus. Das Bild zeigt eine historisch überlieferte Aufbahrungssituation mit weißem Totenhemd, roten Rosen und Schleifen, Kruzifix und gefalteten Händchen. Es vermittelt dem Betrachter ein Bild des Friedens, wo das als unschuldig charakterisierte Kind, eingebettet in den Schutz der Kirche und des Glaubens, der Auferstehung von den Toten – ohne Fegefeuer – sicher sein kann.

Nicht weniger aussagekräftig sind auch die beiden Porträts aus dem 19. Jahrhundert, das Kinderporträt aus der Biedermeierzeit und 50 Jahre später das eines unbekannten Bauernmädchens von Max Fürst. Im Gegensatz dazu wirken die konturierten Figuren in der großen Farbzeichnung von Claudia Weber (Jahrgang 1976) umso schablonenhafter. Der genormte Innenraum ist als Guckkastenbühne entworfen und auch die außen angedeutete Naturlandschaft wirkt künstlich. Der Mensch ist in Claudia Webers Zeichnung ein austauschbarer Konsument ohne besondere Identität, seine Haltung eine Pose und sein Handeln maschinenartig genormt.

Malerei oder Fotografie?

Diese Stereotypisierung ist auch den Kindergesichtern des gemalten Triptychons »Die Kinder von der Märzstraße 124« von Helmut Morawetz (Jahrgang 1948) zu eigen. Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass es sich um Fotografien handelt. Der Künstler hinterfragt durch die Verwandlung einer Fotografie in Malerei kritisch die fundamentale Prägung unserer Vorstellung von Wirklichkeit durch die Medien.

Mit dem Phänomen der Zeit und ihrer Wahrnehmung befasst sich der Künstler John Schmitz (Jahrgang 1969) in seiner Federzeichnung, einer schier endlos scheinenden Aneinanderreihung einer winzigen liegenden Acht, dem Symbol für Unendlichkeit. Das Zeichnen gleicht hier einem meditativen Ritual, wie es auch für die Benutzung von Gebetsketten üblich ist. Gezeigt werden zwei wunderschöne Rosenkränze aus dem 18. Jahrhundert aus der Volkskunst-Abteilung des Heimatmuseums, außerdem eine wertvolle Taschenuhr aus der Werkstatt des Traunsteiner Uhrmachers Johann Frank.

Beachtenswert in der Ausstellung sind auch die Aufzeichnungen des jungen Traunsteiner Soldaten Peter Scheicher, der rückblickend über seine Erlebnisse in den napoleonischen Kriegen von 1808 bis 1816 berichtet. Danebengestellt sind die als Tagebuch des Jahres 2016 aufbereiteten Skizzenbücher von John Schmitz.

Anstelle von Texten zu den Exponaten an den Wänden erschien ein sehr empfehlenswertes kleines Büchlein mit den wichtigsten Angaben zu den ausstellenden Künstlern und Kunstwerken sowie Überlegungen zur Konzeption der Ausstellung von Judith Bader.

»Die Ausstellung ist als Bilder-Mosaik gestaltet, das assoziativ und spielerisch Kunstwerke aus der Vergangenheit und der Gegenwart zu den Themen Erinnerung, Zeit, Identität und Gesellschaft versammelt«, erklärte Judith Bader in ihrer Einführungsrede bei der Vernissage.

Fundamentale Fragen der Menschheit

Oberbürgermeister Christian Kegel würdigte die facettenreiche und künstlerische Auseinandersetzung zum Thema »Identität«. Er hoffte, dass sich viele Besucher diese »in gewisser Weise philosophische und psychologische Ausstellung« ansehen würden, denn es gehe um die fundamentalen Fragen der Menschheit: Wer bin ich? Wo komme ich her? Wo gehe ich hin?

Der Leiter des Stadt- und Spielzeugmuseums, Dr. Jürgen Eminger, erinnerte, dass seit 2008 mit der Ausstellung »Szenenwechsel« nun schon zum fünften Mal ein reizvolles Ausstellungsprojekt in Zusammenarbeit mit der Städtischen Galerie Traunstein entstanden ist. Diese Art der Ausstellungskonzeption eröffne auch neue Blickwinkel auf die im Museum bewahrten Artefakte, weil sie aus ihrem sonst üblichen musealen Beziehungsgeflecht herausgelöst und in einen völlig neuen Kontext gestellt werden.

Die Ausstellung »Lebenslinien. Autobiografisches Erinnern« dauert bis Sonntag, 30. April und ist zu den Öffnungszeiten des Spielzeug- und Stadtmuseums Traunstein zu sehen, dienstags bis samstags von 10 bis 15 Uhr, am Sonntag von 10 bis 16 Uhr. Auch außerhalb der Öffnungszeiten können Führungstermine unter der Telefonnummer 0861/16 43 19 vereinbart werden. Christiane Giesen