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Ein Leben für die Musik hat sich vollendet

Im hohen Alter von 88 Jahren ist am Freitag in Traunstein Dorothee Ehrensberger, die Begründerin der Traunsteiner Sommerkonzerte, verstorben. Der Abschied von Dorothee Ehrensberger lässt viele Erinnerungen an sie wach werden, er führt zu Reflexionen über ihre Persönlichkeit, über ihr Engagement und ihre konsequente Hingabe an die »Sache Musik«.

Musik war ihr Leben: Dorothee Ehrensberger hat der Stadt Traunstein mit den Sommerkonzerten ein ganz besonderes Geschenk gemacht.

Über drei Jahrzehnte war Dorothee Ehrensberger in der Musikabteilung des Senders RIAS Berlin tätig, und noch einmal für die gleiche lange Zeitspanne hat sie nach ihrem Umzug 1979 von Berlin nach Traunstein ihre ganze Kraft wieder ganz der Musik gewidmet.

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Aus einem beschaulichen Ruhestandsleben im üblichen Sinne wurde nichts, denn eine neue Idee und die damit verbundenen neuen Aktivitäten entwickelten sich zu etwas, was man als ihr Lebenswerk bezeichnen darf: die Traunsteiner Sommerkonzerte. 1980 ins Leben gerufen, fanden die Konzerte schnell große Anerkennung, weit über die Grenzen des Chiemgaus hinaus, sowohl bei Musikfreunden, der Presse als auch bei den Medienpartnern Bayerischer Rundfunk und Deutschlandradio Kultur Berlin. Aus dem großen Erfahrungsschatz als Aufnahmeleiterin, Programmassistentin, Musikredakteurin beim RIAS konnte sie reichlich schöpfen. Sie nutzte ihre persönlichen Kontakte und Freundschaften zu Künstlern und Musikwissenschaftlern aus ihrer Berliner Zeit, um ein Kammermusikfestival auf höchstem Niveau und mit einzigartigem Profil zu entwickeln. Persönlichkeiten wie die Schauspielerin Marianne Hoppe, das Ehepaar Inge und Walter Jens, Brigitte Fassbaender oder der Komponist Aribert Reimann waren mehrfach in Traunstein engagiert. Besonders freundschaftlich verbunden war Dorothee Ehrensberger nicht nur mit Reimann (er war so etwas wie »componist in residence«), sondern auch mit den »Berlinern« David Levine und Christine Schäfer, die viele Konzerte zu absoluten Höhepunkten werden ließen.

Für Gesprächskonzerte und Beiträge im Programmheft suchte Dorothee Ehrensberger stets renommierte Publizisten aus. Unter den Autoren finden sich Namen wie Hans Küng, Joachim Kaiser, Peter Wapnewski oder Heinz Friedrich, um nur einige der großen »Kulturarbeiter« hierzulande zu nennen. Und so bildet die Reihe der silberfarbenen Programmhefte mit vielen jeweils programmbezogenen Aufsätzen ein wahres Kompendium an musikgeschichtlichen Aspekten und wissenschaftlichen Forschungsergebnissen.

Die Programmidee oder das besondere Markenzeichen der Traunsteiner Sommerkonzerte war von Anfang an, einen Komponisten besonders zu beleuchten bzw. bekannt zu machen. Dabei hat Dorothee Ehrensberger Nischen gesucht und entdeckt und Komponisten ins Zentrum gestellt, mit deren Werken viele Hörer Neuland betreten mussten oder durften. Beispiele sind Manfred Trojahn, Karol Szymanowski, Berthold Goldschmidt, Aribert Reimann, George Crumb.

Als Mitglied im Verein »musica reanimata« hat Dorothee Ehrensberger dessen Ziel, NS-verfolgte Komponisten in das öffentliche Konzertleben zu integrieren, auch zu ihrer persönlichen Sache gemacht. Wo hörte man je so geballt Werke von Viktor Ullmann, Erwin Schulhoff, Pavel Haas, Boris Blacher, Hanns Eisler, die sie in Traunstein aufführen ließ?

Und es war ihr ernst damit, das Ungehörte, Fremde, Neue in die Programme aufzunehmen, evtl. auch leere Stuhlreihen in Kauf nehmen zu müssen. Das Mutige ihres Konzepts und der unermüdliche Einsatz für die Musik wurden allerdings auch gewürdigt und belohnt. Ehrungen waren 1993 der ARTS-Kulturpreis, 1996 die Medaille Pro Meritis, 2000 die Ehrenmedaille der Stadt Traunstein, 2001 der Bayerische Verdienstorden durch den Ministerpräsidenten.

In ihrer uneitlen, bescheidenen Art hat Dorothee Ehrensberger das Rampenlicht nie gesucht, doch die Auszeichnungen erfüllten sie mit Stolz und Freude. Und auch die Anzahl der Konzertbesucher war für sie jeweils ein schöner Beweis dafür, dass das Kammermusikfest mit seinen gleichsam »handverlesenen« Mitwirkenden und Komponisten über all die Jahre hinweg immer hoch geschätzt wurde. Die Musikfreunde sind Dorothee Ehrensberger für ihre Traunsteiner Sommerkonzerte sehr dankbar. Imke von Keisenberg