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Ein Kabarettist auf der Höhe seiner Kunst

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Aus seinem ersten Roman »Der Komparse« las der Kabarettist Sigi Zimmerschied in Traunstein. (Foto: Heel)

Eine äußerst kurzweilige, ungemein lebendige Lesung bot der Kabarettist Sigi Zimmerschied bei seinem Auftritt in der vollbesetzten Traunsteiner Kulturfabrik NUTS, wo er mit »Der Komparse« seinen ersten Roman vorstellte.


Das begann schon damit, dass er zunächst im Gang zwischen den Stuhlreihen hin- und herging und dort, mitten im Publikum, die Umstände schilderte, unter denen Stephan Fadinger, die Hauptfigur seines Romans, das Licht der Welt erblickt hat. Im Fasching 1970 aufgrund »eines kurzzeitigen Kontrollverlustes seiner Mutter« gezeugt, wird er am 1. November als Sohn einer Sanitätshausbesitzerin und eines Lageristen geboren. »Ein Faschingskind. Zwischen Pappnase und Totenlicht. Das waren seine Koordinaten.« Stephan wächst im Sanitätshaus seiner Mutter auf, »eine Kindheit zwischen Stützstrümpfen und Diabetikersocken.« Zu den Höhepunkten seines Lebens gehören ein erfolgreiches Versteckspiel im Kindergarten, sein Berufsbeginn im Katasteramt und ein Betriebsausflug in die Wachau. Als er nach dem Tod der Mutter den Halt zu verlieren droht, vermittelt ihm eine Bekannte seiner Mutter seine erste Komparsenrolle beim Film, wo er, stets vom Zufall begünstigt, unerwarteten Erfolg hat. Doch die neugewonnene Identität und die Scheinwelt des Films verwirren ihn zusehends, und so stolpert er bald schon von einer Niederlage zur nächsten. Bis er, am Ende seiner Kräfte, einen letzten Entschluss fasst.

Eine sprachgewaltige, fantasievoll konstruierte und mit viel bösem Witz erzählte Geschichte, die Sigi Zimmerschied da vorgelegt hat. Anhand geschickt ausgewählter Passagen brachte er die Zuhörer im NUTS dabei immer wieder zum Lachen, speziell bei besagtem, alkoholgeschwängertem Betriebsausflug oder bei der Szene, in der Stephan als Mitglied der »Kioskgruppe« in einer TV-Serie zu Ehren und Anerkennung kommt (»sechs Mal alles richtig gemacht!«). Nicht minder amüsant waren seine Beschreibungen einzelner Charaktere aus Stephans Umfeld, vom »hantigen Gustl« bis zum »grintigen Fredl.«

Nimmt man das Buch zur Hand, fällt einem sofort die grafische Gestaltung auf. Gedruckt ist nicht im Blocksatz. Oft stehen einzelne Sätze oder auch nur zwei, drei Worte in einer Zeile. Eine ungewöhnliche Form für einen Roman mit einem auktorialen Erzähler, die dem Leser den Einstieg zwar erschweren mag, aber ist man erst mal »drin«, will man unbedingt erfahren, wie es mit Stephan weitergeht.

Zu komisch und absurd, aber auch bitterböse und entlarvend sind die Abläufe, in die der Passauer Kabarettist, Autor, Filmemacher und Schauspieler seine präzise gezeichneten Figuren verwickelt, zu sehr berührt die Geschichte des Verlierers Stephan, dessen Leben sich in einer einzigen Abwärtsspirale befindet. Zumal die Geschichte gespickt ist mit Anspielungen und Querverweisen auf die Zeitgeschichte, die Populärkultur und (Passauer)Lokalpolitik, Kurzum, ein großartiger Roman, der Sigi Zimmerschied auf der Höhe seiner Kunst zeigt.

Nach der Lesung darauf angesprochen, weswegen er den Roman im Eigenverlag herausgebracht habe, verwies er auf die bei Verlagen üblichen langwierigen Entscheidungsprozesse und Vorgaben, denen er sich nicht unterwerfen wollte. Wolfgang Schweiger