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Ein Jahrhundert-Manager ist tot

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Ferdinand Piech
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Ferdinand Piech im Mai 2014 in Hannover. Foto: Julian Stratenschulte Foto: dpa

Ferdinand Piëch stand lange Zeit unangefochten an der Spitze des VW-Imperiums. Sein Ruf war legendär, sein autoritärer Führungsstil gefürchtet.


Wolfsburg (dpa) - Er war der VW-Patriarch. Und er gilt als Jahrhundert-Manager. Ferdinand Piëch schrieb Wirtschaftsgeschichte und war eine der schillerndsten Figuren der deutschen Industrie.

Lange wachte er fast unangefochten über das VW-Reich. Nun starb Piëch im Alter von 82 Jahren, wie der Deutschen Presse-Agentur am Montag aus gut informierten Kreisen bestätigt wurde. Zuerst hatte die »Bild«-Zeitung darüber berichtet.

Volkswagen und Ferdinand Piëch - lange galt dieses Gespann als eine Einheit. Sein erstes Erlebnis als Autofahrer aber brachte ihm Ärger: Mit neun Jahren blieb er bei seiner Jungfernfahrt mit der Stoßstange an der Garagentür hängen. Jahrzehnte später sollte der kleine Junge von damals als einer der mächtigsten Industriemanager der Welt ein Autoimperium lenken.

Piëch formte aus Volkswagen einen Weltkonzern. Doch dann entfremdete er sich von seinem Lebenswerk. 2015 sorgte er mit der Äußerung für Aufsehen, er sei »auf Distanz« zum damaligen Konzernchef Martin Winterkorn - er verlor den Machtkampf und warf im Zorn hin.

Lange Zeit war Volkswagen ohne Piëch schwer vorstellbar, Jahrzehntelang war er eine dominante Figur in der Autobranche. Sein autoritärer Führungsstil war gefürchtet. »Mein Harmoniebedürfnis ist begrenzt«, schrieb er in seiner Autobiografie von 2003. Kaum dürfte er damit gerechnet haben, den Machtkampf 2015 mit seinem langjährigen engen Vertrauten Winterkorn zu verlieren. Doch mit Hilfe einer Allianz aus dem Land Niedersachsen und dem mächtigen Betriebsrat setzte sich der Jüngere durch.

Piëch, am 17. April 1937 geborener Enkel des legendären Käfer-Konstrukteurs Ferdinand Porsche, trat als Aufsichtsratschef zurück, danach tauchte er nur noch selten in der Öffentlichkeit auf. Der gebürtige Österreicher zog sich zurück auf seine Residenz in Salzburg. Was ihm zunächst blieb, war das Aufsichtsratsmandat beim Volkswagen-Haupteigner Porsche SE - die Familien Porsche und Piëch halten 100 Prozent der Stimmrechte an der Firma. 14,7 Prozent davon gehörten zu dem Zeitpunkt Piëch. 2017 bot er seinen Verwandten den Großteil des Aktienpakets an, die griffen zu. Man könne sich Familie nicht aussuchen, kommentierte sein Cousin Wolfgang Porsche damals.

Zuvor stand Ferdinand Karl Piëch, so sein voller Name, für viele Jahre mitten im Machtzentrum des VW-Konzerns. Der frühere Audi-Chef war von 1993 bis 2002 Vorstandsvorsitzender von Volkswagen und führte danach lange Zeit den Aufsichtsrat - als maßgeblicher Protagonist der Familien Porsche und Piëch, der VW-Großaktionäre. Seine Macht schien unbegrenzt, 2012 hievte er sogar seine Frau Ursula - genannt Uschi - in den VW-Aufsichtsrat. Er galt als Strippenzieher und Königsmacher hinter den Kulissen. Als der frühere Vorstandschef Bernd Pischetsrieder 2006 gehen musste, soll Piëch seinen Einfluss ausgeübt haben.

Der detailverliebte Autonarr Piëch lenkte das immer größer werdende VW-Imperium schließlich zusammen mit Winterkorn mit strenger Hand, hierarchisch und zentralistisch - der »Spiegel« beschrieb die Atmosphäre bei Volkswagen unter dem Duo einmal als »Nordkorea minus Arbeitslager«.

Nach der Ära der Alpha-Manager Piëch und Winterkorn - und vor allem nach dem einschneidenden Abgasskandal - blieb bei Volkswagen kaum ein Stein auf dem anderen. Ein »Kulturwandel« wurde von Winterkorns Nachfolger Matthias Müller ausgerufen: Weniger Zentralismus, mehr Verantwortung für die einzelnen Manager, mehr interne Kritik waren die Ziele. Die Mitarbeiter sollten nicht mehr zittern vor einem Patriarchen wie Piëch, der in Wolfsburg auch »der Alte« genannt wurde - oder von einem Kleinaktionär einmal »Göttervater«.

Dabei war er in einer schweren Krise nach Wolfsburg gekommen, Massenentlassungen drohten. Das verhinderte der von Piëch eingestellte Personalvorstand Peter Hartz zusammen mit Betriebsrat und Gewerkschaft - dank der Einführung der Vier-Tage-Woche, die erst Ende 2006 gekippt wurde. Der gebürtige Österreicher Piëch war aber nicht nur Manager - der technikversessene Maschinenbauer konnte auch einen Motor zusammenschrauben. Privat segelte er gerne, beschäftigte sich mit fernöstlicher Kultur und japanischer Ethik.

Schon zu Lebzeiten gab es viele Superlative für den VW-Patriarchen. »Ferdinand Piëch hat die Automobilbranche geprägt wie kein Zweiter«, sagte beispielsweise Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD) einmal. Der entgegnete, Autobauen sei nur sein Hobby.

Was blieb vom autoverliebten »Alten«? Sein Nach-Nachfolger als VW-Aufsichtsratschef, Hans Dieter Pötsch, drückte es einmal diplomatisch aus: Er betonte seinen großen Respekt vor Piëch - »trotz der ein oder anderen atmosphärischen Eintrübung zuletzt«. Und weiter: »Ich persönlich denke, dass Herr Ferdinand Piëch unvergessene Meilensteine gesetzt hat im Automobilbau und dass er an der Existenz des Volkswagen-Konzerns, wie er sich heute präsentiert, maßgeblichen Anteil hat.« Piëchs Leistungen würden unabhängig von anderen Themen »absolut unvergessen bleiben«.

2017 dann die Zäsur: Piëch verkaufte ein milliardenschweres Aktienpakets, der frühere VW-Konzernlenker trennte sich von einem Großteil seiner Anteile an der VW-Dachgesellschaft Porsche SE - diese gingen an Verwandte. Die Dynastie Porsche-Piëch hat auch nach dem Tod des Ex-Patriarchen weiter das Sagen.