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Ein Gorilla für die Stimme

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Das Pusten durch den Blubberschlauch ist wie eine »Massage für die Stimmbänder«, sagt die Stimmtherapeutin Karin Rottensteiner-Put. (Foto: Merker)

Berchtesgaden – In der Stimmwerkstatt von Karin Rottensteiner-Put in Berchtesgaden kann man bei Workshops alles rund um eine gesunde Stimme erfahren. Gerade für Menschen, die viel sprechen, sind die vielen Tipps von der Logopädin und Stimmtherapeutin hilfreich. Damit beugt man Heiserkeit, häufigem Räuspern und Reizhusten vor.


»Die Kehle zeigt die Seele«, sagt Karin Rottensteiner-Put kurz und bündig und zeigt mit dem Schlagwort gleich die Bedeutung der Stimme auf. »Innerhalb 30 Sekunden beurteilen wir einen Menschen, den wir zum ersten Mal sehen. Die Stimme spielt dabei eine wichtige Rolle, wie wir ihn einschätzen.« Sie sei gleichzeitig das wichtigste Instrument für die Kommunikation mit Mitmenschen. »Unsere Wirkung auf andere hängt zu fast 40 Prozent vom Klang unserer Stimme ab und nur zu sieben Prozent vom Inhalt.«

Im ersten theoretischen Teil des Workshops klärt die Stimmtherapeutin über die Funktionsweise der Stimme, dabei auftretende Probleme und wie man seine Stimme schont und pflegt, auf. »In der Mitte des Kehlkopfes befinden sich die beiden Stimmlippen. Geraten diese in Schwingung, entstehen Klänge, und damit Stimme.«

Räuspern ist schädlich für die Stimmlippen

Die Stimmlippen sind immer etwas geschmiert, was manchmal als störend empfunden wird, weiß Rottensteiner-Put: »Wir haben den sprichwörtlichen Frosch im Hals und müssen uns Räuspern. Aber beim Räuspern knallen wir die Stimmlippen aufeinander, das führt zu kleinen Beschädigungen an den Stimmlippen, was wiederum unserem Körper das Signal gibt, noch mehr Schmierstoff zu produzieren.« Ein Teufelskreis baut sich auf, der am besten dadurch unterbrochen wird, dass man das Räuspern unterdrückt. Das setzt voraus, dass man sich selber beim Sprechen bewusster wahrnimmt, auf seine Haltung achtet, Pausen beim Sprechen einlegt und die Atmung in den richtigen Fluss bringt. »Sätze mit mehr als vierzehn Wörtern werden von den Zuhörern inhaltlich nicht aufgenommen.«

Der Zuhörer schenkt Stimme, Körperhaltung und Auftreten unbewusst viel mehr Beachtung, als dem Inhalt dessen, was der Sprecher sagt. Aus diesem Grunde empfiehlt sich der Stimmworkshop für alle, die zum Beispiel beruflich viel reden müssen. Er hilft, sich die komplexen Zusammenhänge zwischen Sprechen, Stimme und Atem bewusst zu werden. Alles greift ineinander und beeinflusst sich gegenseitig. Im praktischen Teil mit einfachen, aber effektiven und verblüffenden Übungen wurden die Zusammenhänge erlebbar. Ausgangsposition ist der Gorillastand. Die Knie sind dabei leicht gebeugt, das Becken kippt nach vorne und unser Kreuz richtet sich dabei auf. »Das bekannte Bauch-rein-und-Brust-raus ist verkehrt«, erläutert Karin Rottensteiner-Put. Dabei verkrampfe der Körper, der Atem könne nicht in Fluss kommen. »Wir bestehen zu 70 Prozent aus Wasser. Das muss fließen, denn stehendes Wasser stinkt.« Ein frei fließender Atem sei dabei eine Grundvoraussetzung.

Im Gorillastand, der einem eine verblüffende Festigkeit gibt, spürt man zunächst seinem eigenen Atem nach und wärmt die Stimme mit flatternden Lippen auf. Das schaut zunächst einfach aus, es aber selber zu machen, ist gar nicht so einfach. Die Stimme und die Luft müssen fließen. Beim Einatmen sollte sich der Bauch ganz entspannt nach außen wölben und beim Ausatmen wie von selbst eingezogen werden. Ein Vorgang, der eigentlich von selbst abläuft. Nur fängt man an, darüber nachzudenken, man verwirrt sich selbst und dann klappt es mit der Koordination gar nicht mehr. Das zeigt, wie unbewusst das Atmen abläuft und man seine Eigenwahrnehmung schärfen muss. »Der Bauch ist der Motor für die Atmung und damit für die Stimme«, erklärt die Stimmtherapeutin. »Kinder haben noch eine ganz natürliche Atmung, die werden deswegen nicht so schnell heiser.« Für die nächste Übung teilt Rottensteiner-Put einen sogenannten Blubberschlauch aus Silikon aus. Er ist länger als ein Strohhalm und hat einen größeren Durchmesser.

Blubberschlauch-Übung: Massage für Stimmbänder

Das eine Ende wird zwischen die Vorderzähne genommen, das andere in ein Glas Wasser gesteckt. Nun wird beim Ausatmen durch den Mund geblubbert. Zunächst stimmlos, dann mit verschieden modulierten Tönen. Dabei werden die Wangen zum Flattern gebracht. »Das ist wie eine Massage für die Stimmbänder.« Tatsächlich spricht man danach viel offener, freier und lockerer. Ein spürbarer und für den Gegenüber hörbarer Unterschied.

Genauso verhält es sich, wenn man zunächst mit einem Korken im Mund einen Text liest und danach ohne ihn. Die Stimme tönt voller und weicher. Es macht richtig Lust, so zu sprechen. Man fühlt sich dabei entspannt und merkt, wie wohltönend die eigene Stimme sein kann. Eine Erfahrung, die überrascht und das Selbstvertrauen stärkt. Christoph Merker