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Ein ganz Großer der deutschen Kunstszene lebt nicht mehr

Der Maler Walter Ludwig Brendel ist kurz vor seinem 90. Geburtstag in seinem Haus in Übersee, wo er in den letzten beiden Jahren lebte, verstorben. Jahrzehntelang war Walter Brendel – im Sommer meist mit Strohhut – häufiger und gern gesehener Gast am Chiemsee, besonders im Chiemgau-Hof, wo er es liebte, im Kreis von Künstlerfreunden und -freudinnnen, die Abendsonne zu beobachten und das Leben zu genießen.

Collage aus Öl, Papier, Pappe und Nägel auf Holz, betitelt »Tulama«, Bild II aus den Jahren 1978 vis 1988. (Repros: Giesen)

Noch bis zwei Jahre vor seinem Tod war Walter Brendel voller Vitalität schöpferisch tätig. Lange Zeit hatte er zwei Wohnsitze, sodass er einerseits die wunderschöne ländliche Idylle des Chiemgaus genießen konnte, aber auch das reiche Kunstleben in der Stadt Salzburg: Er pendelte beinahe 40 Jahre lang zwischen seiner Wohnung in Übersee am Chiemsee und seiner schönen Atelierwohnung im Salzburger Künstlerhaus hin und her, die ein idealer Platz zum Arbeiten für ihn war. Jahrzehntelang war der Name Walter Brendel ein Begriff in der internationalen Kunstszene, besonders in Deutschland und Österreich.

Walter Brendel wurde 1923 in Ludwigshafen am Rhein geboren und lernte zunächst den Beruf des Malers im Malereibetrieb seiner Familie. Schon bald aber begann sich seine zutiefst künstlerische Veranlagung zu regen: Ab 1940 besuchte er aus eigenem Antrieb zahlreiche Akt- und Porträtkurse, bis er 1941 von der Wehrmacht zum Militärdienst eingezogen wurde. Wegen einer schweren Kopfverletzung an der Kriegsfront in Russland wurde Brendel ein fünfmonatiger Erholungsurlaub genehmigt, den er erstmals am Chiemsee verbrachte und zum Malen nutzte. 1943 sah er die Ausstellung »Entartete Kunst« in München, bei der ihn unter anderem die Werke Emil Noldes und Ernst Ludwig Kirchners stark beeindruckten und Einfluss auf seine spätere künstlerische Arbeit nahmen.

Nach der Entlassung von der Wehrmacht im Jahr 1944 übersiedelte Brendel nach Übersee und studierte in den Jahren zwischen 1946 und 1948 bei Professor Karl Casper an der Münchner Akademie der Künste. 1948 heiratete Walter Brendel die Keramikerin Clara Oberhauser, mit der er zwei Kinder bekam. 1950 wurde Sohn Peter geboren, acht Jahre später Tochter Michaela, die ihn mit ihrem Mann in Übersee bis zuletzt liebevoll betreute.

Bis in seine späten Jahre entwickelte Walter Brendel seinen Malstil fort, experimentierte und blieb niemals über einen längeren Zeitraum einzig einem einmal für gut befundenen Malstil treu. Ab 1948 war sein Werk von der Abstraktion bestimmt, und im Rahmen des europäischen Informel begann er, seine eigene unverwechselbare Bildsprache zu entwickeln. 1960 hielt er sich zu Studienzwecken mehrere Monate in Paris auf, wo die Begegnung mit dem großen Kunstsammler Wilhelm Hack von großer Bedeutung für ihn war. Einen harten persönlichen Schlag bedeutete der plötzliche Tod seiner Frau Clara 1974.

Brendel war Mitglied der Salzburger Künstlergruppe »Gruppe 73«, die bis Ende der 1970er Jahre auch international ausstellte. Viele große Einzelausstellungen des Künstlers gab es unter anderem in München, Köln, Paderborn, Kopenhagen oder Reims, natürlich in der Alten Rathausgalerie in Prien, wo er auch in vielen Jahresausstellungen des Kunstvereins vertreten war. Die Galerie der Stadt Salzburg zeigte viel beachtete Einzelausstellungen seiner Werke, so 1988 und zwanzig Jahre später, 2008/2009. Im Jahr 2003 erhielt Walter Brendel das Goldene Verdienstzeichen des Landes Salzburg.

Ein Zitat Brendels aus einem Brief an seine Frau vom 20. März 1951 soll diesen Nachruf beenden und ein wenig von Brendels tiefer Nachdenklichkeit wiedergeben: »Würde ich auf Papier oder Leinwand das bringen, was das Leben beinhaltet und aussagt – es wäre schrecklich – darum suche ich lieber eine Welt, die befreit und beglückt. Liegt aber nicht gerade da eine Veredelung dessen woran wir wirklich Freude haben?! Sich stetig zu befreien für eine neue Wertung und Bewertung – dies kann das Leben, den Tag – sowie das Bild füllen.« Christiane Giesen