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Ein Feuerwerk des Ziergesangs

Sie sitzt, vielleicht unter einem ihrer Bäume am Obinger Bauernhof. Dickrandige Sonnenbrille. Kastanienrot gefärbtes Haar. Dekorative Stola über der linken Schulter. Sitzt und erzählt. Ein Fernsehjournalist nahm die kleine »Einführung« auf, im Foyer des Cuvilliéstheaters wird sie abgespielt. Das Publikum, das zu »Don Pasquale« erscheint, ist an so etwas nicht gewöhnt. Es geht an der Gratis-Gabe der Dramaturgie (David Treffinger) glatt vorbei. Schade.

Um Don Pasquale (Franz Hawlata): Mathias Hausmann (Malatesta), Bogdan Mihai (Ernesto) und Anja-Nina Bahrmann (Norina). (Foto: Hans Gärtner)

Wer er ist, dieser »Don Pasquale« (ein alter, weibsversessener Geizhals, mit Dummheit geschlagen) – Gaetano Donizettis Titelfigur zu einer der populärsten Opern des Belcanto. Wie sie ihn in Szene setzt (mit viel Intrigenspiel-Komik). Was sie dazu bewegte, in München Regie zu führen (nach 13 Jahren Intendanz am Tiroler Landestheater Innsbruck): Kammersängerin Brigitte Fassbaender redet in dem Fernsehfilm ruhig und verständlich. Fit und klug erlebt sie der Zuschauer und voller Tatendrang.

Das Münchner Gärtnerplatztheater kann sich glücklich schätzen, die, auch an diesem Haus, gefeierte brillante Mezzosopranistin als Regisseurin für seine erste Opern-Neuproduktion dieser Spielzeit gewonnen zu haben. Ein einziger Gewinn ist diese Spielleitung: blitzgescheit, komisch ohne billige Turbulenzen, jeder Note von Donizettis sprühenden Klängen folgend. Ein feurig-pfiffiger »Don Pasquale« ist zu genießen, am Brennen gehalten von prächtig geölten jungen Kehlen des artifiziell ausgewiesenen Ziergesangs. Ein Abend der guten Laune, ein Hör-, Fühl- und Schauvergnügen. Das Publikum ist schon während des Abbrennens des von Jung-Spund Marco Comin am Pult des rege, nur gelegentlich etwas zu banal-direkt aufspielenden Staatstheaterorchesters entzündeten Feuerwerks, erst recht aber nach dem Schluss-Knall, aus dem Häuschen.

Die Geschichte ist gar nicht simpel, die Verwicklungen sind durchschaubar gehalten: Alter Geizkragen missgönnt jungem Neffen hübsches Ehe-Weibchen, will es für sich, kriegt es auch, aber nur mit der Absicht der listenreichen Eingeweihten, den Alten zu prellen und dem Liebespaar zum Lebensglück zu verhelfen. Die Titelpartie spielt und singt Franz Hawlata mit süffigem Bass – durchaus an manchen Stellen schludernd – in seiner angeboren komödiantischen Art vortrefflich. Sein sadistischer Ratgeber Malatesta ist bei Mathias Hausmann und seinem kernigen Kavaliersbariton in guten Händen. Brigitte Fassbaenders Idee, ihn zum Zahnarzt zu machen: glänzend. Dadurch bebildert sie, unter stummer Mitwirkung eines von der Wartezimmerdecke hängenden Engels, possierlich die Ouvertüre.

Umwerfend das knackige Liebespaar. Anja-Nina Bahrmann lieh der verschlagenen Norina ihren beherzten, auch in extremen Lagen und bei waghalsigen Koloraturen bombensicheren Sopran – ausbaufähig zur »Traviata« der Sonderklasse. Das Zusammenspiel mit ihrem, ach, so unnütz ins Leid des Liebesverlustes gestürzten Ernesto in Gestalt des wegen einer kaum spürbaren Erkältung entschuldigten Burschen namens Bogdan Mihai war reine Wonne. Der gebürtige Rumäne konnte sich auf seine ausgeklügelte Belcanto-Technik verlassen. Im teils nervig eckigen, eher faden als von der Heiterkeit aus Musik und Kunstgesang angeregten 1950er-Jahre-Bühnenbild und in überkandidelten Kostümen (Ausstattung: Bettina Munzer) agierte der kleine, aber feine Gärtnerplatztheaterchor. Ihm entstammt die von der überlangen Zahnarzthelferin zum Notar mutierte Ute Walther. So lange wie Donizetti vor 170 Jahren zur Niederschrift des »Don Pasquale« benötigte, hätte man die Neuinszenierung in München halten müssen. Statt elf sind es nur acht Tage – und die Nachfrage ist so rege, dass nur noch Restkarten an der Abendkasse des 2., 4., 6., 9. und 10. November in Aussicht stehen. Erst in der Spielzeit 2013/14 soll der überaus geglückte »Pasquale«, den man, wohlgemerkt, im »Exil« des Cuvilliéstheaters spielt, wiederaufgenommen werden. Hans Gärtner