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Ein Feuerwerk der Kammermusik

Klassische Konzerte in historischem Ambiente, dieses Konzept verbindet »Perlen der Klassik« des Vereins »Musik in Brandenburgischen Schlössern e.V.« mit dem Musiksommer zwischen Inn und Salzach, dessen 29. Konzert in diesem Jahr im Bibliothekssaal des Augustiner-Chorherrenstifts auf Herrenchiemsee mit dem Mozartquartett Berlin und der japanischen Meisterpianistin Naoko Fukumoto stattfand. Eingebunden war dieses besondere Kammerkonzert mit den Klavierquintetten von Johannes Brahms (1833-1897) und Robert Schumann (1810-1856) außerdem in die Klassiktage München 2012.

Im Mozartquartett Berlin musizieren MinJung Kang (erste Violine), Annegret Pieske (zweite Violine), Peter Bock (Viola) und Uwe Hirth-Schmidt (Violoncello). Das Besondere an diesem Quartett ist, dass es nicht über Hochschule und Meisterkurse gefördert wurde, sondern sich auf dem »freien Markt« durch herausragende Leistungen an herausragenden Spielstätten in den deutschen Musikzentren durchsetzen konnte und auch Einladungen nach Wien und Lugano folgen durfte. Zusammen mit der Pianistin Naoko Fukumoto, die schon bei verschiedenen internationalen Musikwettbewerben erfolgreich war und als Dozentin an der Leo-Borchard-Musikschule Berlin arbeitet, erweckten die vier Stimmführer des Mozartensembles Berlin-Brandenburg Schumanns und Brahms' romantische Welt zum Leben und hauchten ihr einen lebendigen Geist ein, der nachhaltig beeindruckte. Auch wenn mit dem typisch stumpfen Klang eines Blüthner-Flügels und der barocken Architektur des Bibliothekssaals wegen der geringen Deckenhöhe nicht die optimalen akustischen Voraussetzungen vorlagen, optisch war dieser Raum ein Genuss, der dem Klang der Musik ein wunderschönes Gewand anlegte.

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Brahms, zwar Nachfolger Beethovens genannt und im Musikstreit des 19. Jahrhunderts im Gegensatz zu Wagner und Liszt Vertreter der traditionellen Musikauffassung, wird in einem Essay von Arnold Schönberg als progressiv bezeichnet, was seine Kompositionsweise und sein Umgehen mit Motiven und deren Verarbeitung betrifft. So basiert z. B. der erste Satz seines Klavierquintetts f-Moll, op. 34, zwar noch auf der klassischen Sonatenhauptsatzform, doch unterscheidet sich die Anzahl der Motive in der Exposition sowie deren Auswahl bei der Durchführung und der Wiederaufnahme in der Reprise so stark von der ursprünglichen Form des klassischen Vorbilds, dass die sich steigernde Dynamik und die daraus folgende Dramatik eine besondere Wirkung beim Zuhörer erzielt.

Alle Musiker, in besonderem Maße jedoch der Cellist und die erste Geigerin, legten denn auch alles an Temperament und Energie in ihre Interpretation und unterstützten mit ihrer Körpersprache ihre musikalische Aussage. Auch im lyrischen, liedhaften zweiten Satz – Andante, un poco Adagio – entwickelt sich die Themenverarbeitung aus einer schlichten Melodieführung hin zu einer dichten Motivverflechtung. Ob zärtliche Zwiesprache zwischen zwei oder mehr Instrumenten oder Fuge wie im Scherzo-Satz, die musikalische Gestaltung entwickelt sich in diesem Quintett durch seine pulsierende Rhythmik immer wieder zu einer leidenschaftlichen Apotheose, in die die Natur passend zu der dramatischen Steigerung des Finales mit einem Gewitter über dem Chiemsee mit einstimmte. Auf der Grundlage des, in der Musikwissenschaft als »entwickelnde Variation« bezeichneten Prinzips, das sich durch alle vier Sätze zieht, entsteht bei Musikern und Zuhörern Spannung.

Und so erfüllte die beinahe symphonische Klangfülle aus Brahms' Füllhorn, das er laut Clara Schumann über ein ganzes Orchester hätte ausströmen lassen können, den Bibliothekssaal mit der ganzen Macht eines Kammermusikensembles, dessen musikalische Kompetenz mit Worten kaum zu erfassen ist. Und was Joseph Joachim über Brahms sagte, nämlich dass »in seinem Spiele ganz das intensive Feuer ist, jene, ich möchte sagen, fatalistische Energie und Präzision des Rhythmus, welche den Künstler prophezeien...«, gilt uneingeschränkt für die Interpreten, sowohl bei Brahms' als auch bei Schumanns Klavierquintett.

Robert Schumann, dessen biographische Verbindung mit Brahms zur Tragik seines Lebens wurde, widmete sein Klavierquintett Es-Dur, op 44, seiner Frau Clara, die bei der Uraufführung den Klavierpart übernahm. Bei der Aufführung auf Herrenchiemsee steigerte sich das Gänsehautfeeling bei Schumann noch einmal und war im zweiten Satz »In modo d'una marcia« auf einem Höhepunkt angelangt. Das Marcia-Thema taucht viermal auf und wird jeweils durch drei Trios und ein Intermezzo abgeschlossen. So ist in diesem Satz bereits durch die Komposition eine Steigerung angelegt, die die Musiker mit Verve und Begeisterung herausarbeiteten.

Die Pianistin schwelgte in ihrem Klavierpart, doch da sie auf Hilfe beim Umblättern verzichtete, entstand beim rasanten Seitenwechsel ein unvermeidliches, aber dennoch störendes Geräusch. Im folgenden Scherzo mit der Tempobezeichnung »Molto vivace« kam noch einmal die ganze Freude am Musizieren zum Tragen, und die Fuge im Finale bestätigte en weiteres Mal, wie sehr die Ensemblemitglieder aufeinander hören, miteinander präzise bis ins kleinste Detail gestalten und musikalisch kommunizieren. Nach dem Konzert sagte eine Stimme aus dem Publikum treffend: »Diese Musik ist ganz einfach ein Stück Himmel, könnte man sagen. Ich vermute sogar, sie ist viel, viel mehr – sie ist uns nicht nur deshalb geschenkt, weil sie uns innerlich erhebt und wir dadurch Freude verspüren. Sie berührt verdrängte, ins Unterbewusste verschobene Gefühle, lässt sie wieder fühlbar werden und bewirkt Heilung in den Momenten, wo sich die Akkorde nach dramatischen Motiventwicklungen wieder zu wohlklingenden Harmonien vereinen.« Wer nicht nur staunen oder sich über ein außergewöhnliches Musikerlebnis freuen wollte, durfte sich genau damit vom Mozartquartett Berlin und der Pianistin Naoko Fukumoto beschenken lassen. Brigitte Janoschka