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Ein Embryo mit Rechtsdrall

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»Der Vorname« im Vereinshaus Traunstein: Ein Missverständnis jagt das nächste, die Hüllen der Zurückhaltung fallen wie Laub nach dem ersten Winterfrost. Von links: Andreas Schwankl, Lilian Mazbouh, Christine Heimannsberg, Sebastian Knözinger (sitzend) und Sebastian Scheutle. (Foto: Benekam)

Kaum ist Frau schwanger, kommt die Frage: »Was wird es denn?«. Falls diesbezüglich Informationen vorliegen und preisgegeben werden, folgt: »Wie soll es denn heißen?«. Und da geht nicht selten der erste Ärger los. »Der Vorname« wird zum Flächenbrand guten Geschmacks. Dem einen gefällt dieser, dem nächsten jener, denn schließlich steht ja so ein Name für etwas (oder jemanden – den Namenspatron) und meistens hat man ihn sein Leben lang.


Der Priener Verein Bühnenkunstförderer hätte sich mit der französischen Erfolgskomödie »Der Vorname« von Alexandre De La Patellière und Matthieu Delaporte, die im letzten Jahr unter der Regie von Michael Feuchtmeir anlässlich des Theaterfestivals »Dramasuri« inszeniert worden ist, keinen größeren Gefallen tun können. Mit »Dramasuri« bereicherte der Verein zum zweiten Mal die Chiemgauer Theaterlandschaft, mit »Der Vorname« feiert das spielfreudige Ensemble derzeit eine kleine Erfolgs-Tournee, die sich über die verschiedensten Theaterbühnen des Chiemgaus erstreckt und somit auch das dem Verein zu Grunde liegende Anliegen weiterträgt.

Dem Vereinshaus Traunstein bescherte die gesellschaftskritische Konversationskomödie volles Haus, wenn auch nicht im großen Saal, so doch in der kleineren und intimeren Spielstätte des Vereinshauses: Ein »Raum« mit Wohnzimmeratmosphäre, in dem man sich eher als geladener Gast denn als Publikum fühlen durfte und man sich am liebsten gleich ins gemütliche Bühnenbild gesetzt hätte: Ein gedeckter Tisch, am Boden Legospielzeug, ein junges Paar bereitet sich auf einen gemütlichen Abend vor.

Die beiden Kinder Athena und Adonas (!) des Literaturprofessors Pierre Garaud (Sebastian Knözinger) und seiner Frau Elisabeth (Christine Heimannsberg) schlafen schon. Während »Sie« emsig kocht, aufräumt und vorbereitet, sucht »Er« den Kellerschlüssel, was ihn von jeglicher Pflicht entbindet. Eine nicht eben ungewöhnliche Szenerie mit »klarer Rollenverteilung«, die zugleich eine Steilvorlage für ein innerfamiliäres Konfliktpotenzial erahnen lässt. Als die Gäste Claude (Andreas Schwankl), Posaunist im Rundfunkorchester und Freund seit Kindertagen, und Elisabeths Bruder Vincent (Sebastian Scheutle) eintreffen, nimmt das »Drama« langsam Fahrt auf.

Viel zu harmonisch scheint es Schwager Vincent, werdender Vater, Immobilienmakler und Meister der Selbstdarstellung, im »ach so trauten, aber doch klugscheißerischen« Hause Garaud zu sein. Das lässt sich ändern; etwa indem man eine Zündschnur legt, an deren Ende eine Bombe hochgeht – vorausgesetzt, man zündet sie. Vincents Bombe ist das Ausplaudern des Vornamens seines ungeborenen Sohnes: Adolf. Den Anfang der Zündschnur macht Schwager Pierre sofort aus, die zu Grunde liegende Provokation wird zum Blindgänger, der sich aber doch prompt entzündet, als Pierre in die unausweichliche Grundsatzdiskussion einsteigt und alle Anwesenden mit hineinzieht.

»Ein schlechter Scherz. Aber ein Scherz«, hoffen Claude und Pierre. »Adolf ist nicht Hitler geworden, weil er »Adolf« hieß«, pariert Vincent. »Dieser Name ist kein Name, sondern ein Verbrechen gegen die Menschheit, ein faschistischer Angriff«, behauptet Pierre, dessen Entsetzen ins Unermessliche steigt – und noch weiter, als die inzwischen eingetroffene, werdende Mutter Anna (Lilian Mazbouh) keinen Hehl aus ihrer Meinung zur Namenswahl der Familie Garaud macht.

Wie ein Mobile geraten die Protagonisten zueinander in Bewegung: Die an Emotionsfäden hängenden »Figuren« richten sich neu zueinander aus, gehen auf Spannung, dann wieder auf Annäherung, drehen sich wirr umeinander und offenbaren gnadenlos Blickwinkel auf längst im Unterbewusstsein schwelende zwischenmenschliche Ressentiments. Ein messerscharfer Schlagabtausch offenbart wahre Sichtweisen und vorgetäuschten Respekt, ein Missverständnis jagt das nächste, die Hüllen der Zurückhaltung fallen wie Laub nach dem ersten Winterfrost, wobei der reichlich konsumierte Wein letzte Zurückhaltung zunichtemacht.

Am Ende wird klar, dass nichts war, wie es schien: Eheliche Versprechen ehelichen Verbrechen zum Opfer fallen können, nicht jeder, der klug scheißt, auch wirklich klug ist, dass man Entschuldigungen nicht erzwingen kann, dass man bei Embryonen keinen Rechtsdrall diagnostizieren kann und dass Ultraschalluntersuchungen in Sachen Geschlechtsbestimmung ebenso unsicher sind, wie die Annahme, dass man aus der Tatsache, dass Claude bunte Socken trägt, auf seine sexuelle Gesinnung schließen kann.

Eine echte Tour de Force für die Schauspieler, die das Publikum wie Blinde durch den Irrgarten falscher Fährten führen. Gut gelogen, noch besser in die Irre geführt, dort wieder abgeholt und in die nächste falsche Spur gesetzt. Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt. Und drittens und letztens kam dieses Publikum bei dermaßen niveauvollem Theatergenuss garantiert auf seine Kosten und kommt sicher wieder. Irrsinnig intelligent inszeniert und selten gut gespielt. Riesenapplaus!

Die Chance, diese Komödie noch einmal zu sehen besteht am 26. und 27. April, jeweils um 20 Uhr in der Grabenstätter Theaterstickerei. Nähere Informationen gibt’s unter www.buehnenkunstfoerderer.de. Kirsten Benekam