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Ein außergewöhnliches Klangerlebnis

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Kent Nagano koordinierte Orchester, drei Chöre, einen Knabenchor und die Solisten zu einem großen Ganzen. (Foto: Salzburger Festspiele/Marco Borrelli)

Die Salzburger Festspiele sind eröffnet: Während die ganze Stadt zur Bühne wurde und die Brauchtumsschützen von der Festung Hohensalzburg, vom Mönchsberg und dem Kapuzinerberg ihren Salut schossen und die Salzburger Bürgergarde, die Salzburger Stadtmusik und die Samson-Gruppe aus St. Andrä und Unternberg im Lungau ihren Umzug mit den beiden 90 Kilogramm schweren Riesen und den beiden Zwergen vorbereiteten, begannen die musikalischen Festspiele im Rahmen der »Ouverture spirituelle« in der Felsenreitschule mit der Passionsmusik nach Lukas für Soli, Sprecher, drei gemischte Chöre, Knabenchor und Orchester von Krzysztof Penderecki.


Kent Nagano dirigierte das »Orchestre symphonique de Montréal«, dessen Musikdirektor er ist. Nagano ist außerdem Generalmusikdirektor der Staatsoper Hamburg und Chefdirigent des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg und arbeitet weltweit auf allen bedeutenden Bühnen. Die Aufgabe der gemischten Chöre übernahm der philharmonische Chor Krakau (Einstudierung Teresa Majka-Pacanek), die Knabenstimmen kamen vom Warschauer Knabenchor.

Gemeinsam mit den Solisten – Sarah Wegener (Sopran), Lucas Meachem (Bariton), Matthew Rose (Bass), und Slawomir Holland (Sprecher) – entstand ein Werk mit einer unglaublich tiefen Wirkung. Die Begeisterung nach dem Konzert äußerte sich beinahe intensiver als nach einem bekannten Werk – vielleicht, weil diese Passion nicht auf Trauer, sondern auf Hoffnung und Erlösung ausgerichtet ist, was sich im erhaben aufleuchtenden Schluss in E-Dur zeigt. Das Werk besteht aus zwei Teilen aus Texten des Lukasevangeliums und aus Psalmversen, Hymnen und Klagegesängen sowie aus der Sequenz des Stabat Mater.

Der in der Musik und im Inhalt angelegten Dramaturgie in der Szene am Ölberg, bei der Gefangennahme und der Verleugnung durch Petrus, während der Verspottung vor dem Hohepriester und der Szene vor Pilatus stehen im zweiten Teil die eher kontemplativen Geschehnisse unter dem Kreuz gegenüber: die Verhöhnung durch das Volk, der Dialog mit den Übeltätern und der Tod Christi.

Zugleich geht die Komposition über das biblische Geschehen hinaus. Penderecki sieht seine, mit »Passio et mors Domini nostri Jesu Christi secundum Lucam« überschriebene Komposition in einem generellen ethischen Kontext: Sie steht nicht nur für das Leiden und den Tod Christi, sondern auch für das Leiden und den Tod in Auschwitz oder die Opfer von Hiroshima, wie der Komponist im Programmheft zitiert ist.

Musikalisch wird er diesem Anspruch mit Zwölftonmusik gerecht, die aber auch das B-A-C-H-Motiv einschließt, wodurch Penderecki musikgeschichtliche Bezüge mit der Gegenwart verbindet. Durch die besonderen Klangkonstellationen will der Komponist das biblische Geschehen vergegenwärtigen und erfahrbar machen.

Sich auftürmende Clusterbildungen, scharfkantige Akklamationen, Klangreibungen durch die vielfach auftretenden Intervalle der Sekunde, die das Grundmotiv des ganzen Werkes darstellt – das sind die anspruchsvollen Herausforderungen, die die Chorsänger mit Bravour meisterten. Der Chor flüsterte, schrie entsetzt auf, lachte und spottete, drückte musikalisch Häme aus. Die so in Musik verpackten Gefühlsregungen sprechen jeden Menschen an.

Der Knabenchor wurde von seinem Chorleiter Krzysztof Kusiel-Moroz unaufdringlich von der Seite aus dirigiert. Die Buben – und das ist schier unglaublich – sangen die schwierigen Harmonien mit einer engelsklaren Intonation auswendig.

Erhöht über Orchester und Chor in einer Maueröffnung der Bühnenrückwand stand der Sprecher Slawomir Holland aus Warschau, der als Evangelist die erzählenden Elemente deklamierte. Er las den lateinischen Text eindringlich und mit bedeutungsvoller Intonation, betonte jedoch die Tempusformen der Verben nicht immer regelkonform.

Erst im Schlusspsalm 31 mit dem tröstenden Vers »Du hast mich erlöst, Herr, du Gott der Wahrheit« sangen alle drei Solisten gemeinsam im Terzett und schlossen den Kreis vom Kreuz als Hoffnung im ersten Hymnus zur Erlösung durch die Wahrheit im letzten Satz. Brigitte Janoschka