weather-image

Ein außergewöhnlicher Konzertabend in Traunstein

0.0
0.0
Bildtext einblenden
Unser Bild zeigt in der Mitte von links den Dirigenten Hansjörg Albrecht, den Komponisten Enjott Schneider und den Sologeiger Ingolf Turban. (Foto: Barbara Heigl)

Was für ein Konzertabend! In der Berufsschulaula zu Traunstein brach am Ende ein Tumult des Entzückens aus als Reaktion auf ein Konzert, das man guten Gewissens als Sternstunde der Musik bezeichnen darf. Dabei hatte das Konzert erst mit einer Enttäuschung begonnen, denn der ursprünglich vorgesehene Konzertmeister Christoph Adt musste aus gesundheitlichen Gründen sein Dirigat der Bad Reichenhaller Philharmonie einem Anderen überlassen.


Dieser Andere war aber weit mehr als ein Ersatz, denn mit Hansjörg Albrecht konnte ein viriler, vor Energie und Freude strotzender, renommierter Dirigent gewonnen werden, der keine Wünsche offen ließ. Gemeinsam mit dem Orchester schöpfte er aus einer musikalischen Fülle, die er verschwenderisch, ja enthusiastisch in das begeistert zuhörende Publikum verteilte.

Der musikalische Hauptteil und Höhepunkt des Konzertabends, eine Komposition des anwesenden Komponisten Enjott Schneider (geb. 1950), war eingebettet in die Musik der Wiener Klassik. Die beiden Ouvertüren aus den Mozartopern »Don Giovanni« und »Zauberflöte« und die Sinfonie Nr. 1 in C-Dur, op. 21, von Ludwig van Beethoven, bot das bestens präparierte Orchester mit elegantem Schwung dar.

Dass das Orchester in der etwas kleineren Besetzung gekommen war, korrespondierte mit der Größe des Saales geradezu perfekt. Wenige Tage vor den Aufführungen – einen Tag zuvor spielte man das gleiche Konzert in Bad Reichenhall – entschieden sich die Musiker für die alten Pauken und für die Naturtrompeten. Daher rührte wohl auch der etwas harsche Klang der Pauken, der die Zuhörer mit ordentlichem »Gebrüll« aufschreckte und so in die richtige Konzentrationsstufe paukte.

Enjott Schneiders Komposition »Augen der Erde« für Violine und Orchester mit dem tollen Ingolf Turban an der Sologeige war einen Tag zuvor als Uraufführung in Bad Reichenhall schon begeistert aufgenommen worden. Der Komponist des Werks, der sich auch einen Namen als Deutschlands berühmtester Filmkomponist gemacht hat, ist auch Autor der Sinfonie »Dunkelwelt Untersberg«, für die er, laut dem informativem Programmheft, vom Publikum gefeiert wurde.

Seine teils fragmentarisch komponierte, aber auch sinfonische Musik sprengte die Hörgewohnheiten der Zuhörer nicht allzu sehr, erforderte aber doch ein anderes Hinhören. Mit dem Kompositionstitel »Augen der Erde« bezieht sich der Komponist auf den amerikanischen Philosophen Henry David Thoreau, der mit dieser Beschreibung die Seen als schönsten und ausdruckvollsten Zug einer Landschaft benannte. Die Komposition für Geige und Orchester war, wie im Programmheft angekündigt, den individuellen Kräften und Energien von Königssee, Mondsee und dem Gardasee gewidmet.

Zu hören war ein impressionistisches, farbenreiches Klangbild, das von der Schönheit und den tiefgründigen Geheimnissen der Seen und ihrer umgebenden Landschaften kündete. Komponist und Interpret waren am Vormittag sogar noch extra gemeinsam an den Königssee aufgebrochen, den Ingolf Turban zuvor noch nicht besucht hatte, um auch dem Echo von St. Bartholomä zu lauschen. Die frische Seeluft, die erhabenen Berge, der mythische Sagenschatz, der glatte, in der Frühlingssonne flimmernde Spiegel des Königssees, der große Atem der Natur: Ingolf Turban breitete all dies mit virtuoser Frische einfühlsam und freudig vor dem andächtig-gespannt lauschenden Publikum aus.

Die lieblichen wie respektheischenden musikalischen Formulierungen erinnerten an einen Ausspruch des großen polnischen Reisejournalisten Ryszard Kapuscinski, gleichzeitig der Titel seines Buches: »Die Erde ist ein gewalttätiges Paradies«. Der bescheiden wirkende, sympathische Geigenvirtuose verströmte das Charisma eines Musikers, der sein Glück in der Musik gefunden und es auch im großen Konzertbetrieb – in dem sein Name mit Respekt gehandelt wird – nicht verloren hat.

Besonders spannend gestaltete Ingolf Turban den zweiten Satz »Mondsee«, der sich auf die Mondnacht und ihre reflektorische Stimmung auf dem See bezieht. Hier meinte man die Szenerie aus Dvoraks Oper »Rusalka« vor sich zu sehen, wo die Nacht-und-Schattenwesen ihr Spiel treiben. Auch wagnerianische Einflüsse blitzten durch die hochspannende, aber auch sehr poetisch gehaltene Komposition. Der lebhafte, tänzerische Schlusssatz »Lago di Garda« sprühte vor Lebenslust und Diesseitsfreude.

Der als Rondo angelegte Satz, dessen Ende, so der Komponist, für die Energie der Seele steht, spiegelte vor allem die Unterwelt des Sees. Er erzählte von den fernen Zeiten seiner geheimnisvollen Entstehung, führte in die Tiefe, in die Seele der Erde. Mit musikalischer Raffinesse und delikaten Details waren diese Sätze ausgestattet, die das Orchester mit hellwachem Ausdruck und mit großem Spannungsbogen in Szene setzte. Die Musiker folgten ihrem mit lebhafter Körpersprache agierenden Dirigenten Hansjörg Albrecht, der auch schon mit Peter Schreier und Vesselina Kasarova zusammen gearbeitet hat, mit großem Vergnügen. Wie auf einem Touch-Screen-Bildschirm schrumpfte er die Musik ganz klein, um sie im nächsten Moment wieder geschmeidig ganz groß zu machen. Dass er dabei auch des öfteren in die Kniebeuge ging und sich ganz klein machte, gab dem Abstraktismus des musikalischen Geschehens im wahrsten Sinne des Wortes die Körperlichkeit, die Musik fast schon greifbar macht.

Es gibt wenig moderne Musik, die man sich auch zu Hause anhören möchte, bei dieser kann man es sich durchaus vorstellen. Der Komponist, der noch dieses Jahr eine CD seiner Komposition herausbringen wird, ist gut einzureihen in die CD-Sammlung, wo sie vielleicht neben Mahlers »Lied der Erde« einen Platz bekäme.

»Hoffentlich wissen Sie, was sie für ein hervorragendes Orchester hier haben«, sagte Hansjörg Albrecht, und dass die Zeit seines Einspringens spannend war – so spannend wie seine Aufführung, in der die Musik Mozarts so wunderbar impulsiv den Saal eroberte, und in der die Symphonie Beethovens dynamisch und herausfordernd ehrlich die Herzen der Zuhörer gewann. Barbara Heigl