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»Eilt, das holde Kind zu sehn«

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Klar, umsichtig und mit viel Empathie führte der Dirigent Stephan Höllwerth durch die drei Kantaten des Weihnachtsoratoriums. (Foto: Janoschka)

Jeder hört es immer wieder gerne, das Weihnachtsoratorium BWV 248 von Johann Sebastian Bach. Die Aufführung dieser erhabenen Musik in der Pfarrkirche Heilig Kreuz in Traunstein und wenige Tage später in Bad Reichenhall unter dem klaren und umsichtigen Dirigat von Stephan Höllwerth stellte sicherlich einen Höhepunkt im diesjährigen weihnachtlichen Jahreskreis dar.


85 Sängerinnen und Sänger aus zwei Chören – dem VokalExpress Teisendorf (Einstudierung Stephan Hadulla, der bei der Aufführung das Continuo auf der Truhenorgel spielte) und dem Chor der Musikfreunde Laufen (Einstudierung Stephan Höllwerth) – boten mit der Bad Reichenhaller Philharmonie und den vier Solisten Rosemarie Kassis, Sopran, Monika Waeckerle, Alt, Alfons Brandl, Tenor und Andreas Lebeda, Bass die Kantanten I (»Jauchzet, frohlocket«), II (»Und es waren Hirten in derselben Gegend«) und III (»Herrscher des Himmels, erhöre das Lallen«) dar, sowie aus der Kantate VI die Choräle Nr. 59 und Nr. 64 »Ich steh an deiner Krippen hier« und »Nun seid ihr wohl gerochen«.

Letzterer verwendet dieselbe Melodie wie der erste Choral »Wie soll ich dich empfangen« in der ersten Kantate und rundete daher diese großartige Aufführung musikalisch und thematisch passend ab. Denn auch inhaltlich enthielt dieser Schlusschoral aus der VI. Kantate eine entscheidende Botschaft, trifft er doch die ultimative Aussage zur Erlösung der Menschen durch Christus. Er »hat zerbrochen, was euch zuwider war. Tod, Teufel, Sünd’ und Hölle sind ganz und gar geschwächt; bei Gott hat seine Stelle das menschliche Geschlecht.« Vor dem monumentalen Kruzifix im Altarraum des Rundbaus erhielt diese Botschaft von Text und Musik ein zusätzliches Gewicht.

Bach ist bekannt dafür, dass er seine Kompositionen mit Symbolgehalt erfüllte: Die Gattung – ob Rezitativ, Choral, Turbogesang oder Arie –, die Wahl der Tonarten, die Harmonien – ob Dur oder Moll, ob Tritonus oder Septakkord – ebenso wie die Tonfolge – ob Aufwärts- oder Abwärtsbewegung für das Herabkommen des göttlichen Kindes vom Himmel: Alles hat seine tiefe Bedeutung und eine entsprechende Wirkung beim Zuhörer, selbst wenn diese meist nur intuitiv wahrgenommen wird. Die Symbolik der bildhaften Verwendung der Instrumente hingegen – Pauken und Trompeten für die göttliche Sphäre, Violinen und Flöten für die Sphäre der Engel und die Oboen zur Charakterisierung der Hirten als Stellvertreter für alle Menschen – ruft unmittelbares Empfinden und Verstehen hervor.

Mit überwältigender Überzeugungskraft kam die Botschaft dieser musikalischen Predigt mit Bachs Bibel-Interpretation durch die ausführenden Musikerinnen und Musiker, Sängerinnen und Sänger bei den Zuhörern an. Unter den hervorragenden Gesangssolisten stach besonders der hohe Tenor Alfons Brandl hervor, der in seinen traumhaft gestalteten Rezitativen und Arien den Melismen und Koloraturen in jeder Höhe geschmeidige Leichtigkeit verlieh.

Das Wichtigste an dieser Aufführung war die Freude über die Geburt Christi, die mit Pauken und Trompeten gleich beim Anfangschoral zum Ausdruck kam. Es waren aber auch zarte Töne in den Arien zu hören, die nur von der Continuo-Gruppe begleitet wurden. Die verschiedenen Aspekte des Göttlichen und des Irdischen, die Sicht des Erzählers in den Rezitativen (Evangelist mit traumhafter Höhe: Tenor Alfons Brandl), die Perspektive der Hirten und Engel, wenn sie als Gruppe auftraten (Turba-Chor) oder nur eines Engels (Rosemarie Kassis, Sopran) stellte Bach durch diese Einteilung der »handelnden Personen« deutlich heraus und übertrug dem Chor auch die Aufgabe, den Zuhörer in den kontemplativen Chorälen mit ihren Heilsaussagen zum Nachdenken anzuregen. Aber auch einzelne Arien erklärten die Bedeutung der frohen Botschaft.

Auf hohem Niveau bewegten sich die Interpretationen der beiden verschmelzenden Chöre, die von ihren Chorleitern hervorragend auf ihre große Aufgabe vorbereitet worden waren. Ob Aussprache, Phrasierung, Intonation – alles war perfekt, auch in den oft kontrapunktisch angelegten Teilen. Was jedoch alles übertraf, war der überspringende Funke, mit dem die Überzeugung im Gesang die Herzen der erwartungsvollen Zuhörer berührte. Die vielen Mitwirkenden verschmolzen synergetisch zu einem großen Ganzen, und besonders auch die Solisten aus der Philharmonie sorgten durchweg für musikalische Höhepunkte. Die Freude in der Musik übertrug sich auf die Zuhörer, die ihrer Begeisterung mit Jubelrufen und lautem Beifall Ausdruck verliehen. Brigitte Janoschka