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»Du kannst nicht in den Kopf der Kuh schauen«

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Auf der Mordau-Alm im Sommer 2018. Selbst wenn eine Kuh ruhig steht, sollte man ihr nicht zu nahe kommen. Christa Brandner, Landwirtin aus Schönau am Königssee, erzählte dem »Anzeiger« unter anderem von einer gefährlichen Situation mit einem ihrer Kälber, das sie auf die Hörner genommen hat. (Symbolbild: Voss)

Berchtesgaden – Das Urteil war ein Paukenschlag für die Almbauern im Nachbarland: Ein Bauer aus Tirol soll 490 000 Euro an Schadensersatz zahlen, nachdem eine Wanderin auf einer Almweide von seinen Kühen zu Tode getrampelt wurde. Die 45-jährige Frau, die mit ihrem Hund unterwegs war, starb an ihren Verletzungen. Der Unfall geschah im Jahr 2014 im Pinnistal mit einer Mutterkuhherde. Das Urteil fiel Anfang dieses Jahres. Nun haben nicht nur die österreichischen Almbauern Angst um ihre Existenz, auch im Berchtesgadener Land sorgen sich die Landwirte.


Seit dem Schadensersatz-Urteil im Februar überschlagen sich die Meldungen im Blätterwald. Bauern fürchten um ihre Existenz, das sei das Ende der Almwirtschaft, heißt es etwa. Oder, man werde nun gezwungen, alle Freiweideflächen einzuzäunen, was als unmöglich gilt. Denn überall, wo Wanderer über das Land der Bauern gehen dürfen, kann es theoretisch zu einem Unfall mit dem Vieh kommen.

Christa Brandner, Landwirtin aus Schönau am Königssee, sagt: »Ich finde, das Urteil ist nicht gerechtfertigt.« Denn selbst, wenn ein Hinweisschild an einer Weide steht, dass auf den Umgang mit den Kühen verweist, so könne man nie sagen, wie sich das Tier verhält. Sie erinnert daran, dass Freiweideflächen nicht nur oben auf den Almen vorhanden sind, sondern zum Beispiel auch an der Alten Reichenhaller Straße, am Taubensee, oder auch im Loipl. Auch auf dem Weg zwischen Gerstreit und Söldenköpfl kommen den Wanderern Kühe unter. Zäune aufzustellen, ist für sie und auch andere keine Option. Sie nennt als Beispiel das Krautkaserfeld. »Der Wanderer beharrt auf sein Recht, den Weg dort zu nutzen. Du kannst da niemanden aussperren.«

Ein großes Problem sei einfach der Hund, so die Bäuerin. Die Leute würden sich keine Gedanken machen und auch mit ihrem Vierbeiner auf Freiweideflächen gehen, ohne sich der Gefahr bewusst zu sein. Bezug nehmend auf das Urteil in Tirol fügt Brandner noch an: »Also wenn bei uns auch so geurteilt wird, dann gute Nacht.« Man sei nie vor einem Unfall gefeit, betont sie und gibt ein konkretes Beispiel: »Ich war damals schwanger, und bin bei uns am Hof zu den Kälbern auf die Weide gegangen. In diesem Sommer war es sehr heiß und die Bremsen waren so lästig, dass ein Kalb auf einmal mit dem Kopf ausgeschlagen und mich auf die Hörner genommen hat«, erzählt sie. Es sei ein sonst sehr ruhiges und friedliches Tier gewesen. Dennoch hat es die Bäuerin nach hinten geworfen. »Mir ist zum Glück nichts passiert.« Aber man sei bei den Tieren vor nichts gefeit. »Du kannst nicht in den Kopf der Kuh schauen. Genauso wenig, wie du in den Kopf der Menschen schauen kannst«, vergleicht Brandner.

Man müsse dem Vieh immer mit Respekt begegnen. Hier sagt die Schönauerin mit Nachdruck: »Es sind einfach keine Streicheltiere.« Der Alm-Besucher müsse zwar keine Angst haben, aber dennoch sollte man, wenn möglich, einen Bogen um die Tiere machen, also Abstand halten. Sie selbst habe immer einen Stecken dabei, wenn sie auf die Weide geht, als Schutz. Zum Glück sei in der hiesigen Region noch nie etwas schlimmeres auf der Alm passiert, und was im Pinnistal geschehen ist, sei tragisch. »Ein Menschenleben kann man einfach nicht ersetzen«, bedauert Brandner.

Eine gewisse Eigenverantwortung des Wanderers, der sich auf Freiweideflächen bewegt, wird nun auch im Nachbarland gefordert. In Österreich hat das Allgemeine Bürgerliche Gesetzbuch den Tierhalter bisher stark in die Verantwortung genommen. »Für eine ausgewogene Interessenabwägung ist jedoch eine stärkere Eigenverantwortung der Freizeitnutzer erforderlich«, verkündete das österreichische Landwirtschaftsministerium nun kürzlich in einer Aussendung. Dem Haftungsrecht wurde in der Vorlage ein Absatz eingefügt, demnach Gäste die Verantwortung haben, Verhaltensregeln einzuhalten. Wenn Landwirte dort bundesweite Standards einhalten, haften sie nicht, Besucher tragen Schäden selbst, heißt es weiter. Annabelle Voss