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Drogenabhängig und als Kind missbraucht: 25-Jähriger muss in Entzugsanstalt

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Foto: dpa/David Ebener/Illustration

Laufen – Mit zehn Jahren war der junge Mann aus dem Landkreis Traunstein von einem Pfarrer ein halbes Jahr lang sexuell missbraucht worden. Doch damals glaubte ihm niemand. Für seinen Verteidiger eine maßgebliche Ursache für den späteren Drogenkonsum seines Mandanten.


Über eine befreundete Zahnarzthelferin hatte sich der Angeklagte in mindestens acht Fällen Rezepte für Fentanylpflaster besorgt. Auf einer Rundreise zu Praxen in Süddeutschland und Österreich hatte er sich dazu selbst etwa 600 Pflaster mit dem opioidhaltigem Wirkstoff besorgt. In der Toilette einer Freilassinger Pizzeria war er am Abend des 23. Oktober 2018 annähernd bewusstlos aufgefunden worden. Nun stand der Mann vor dem Laufener Schöffengericht.

Der Verteidiger, Rechtsanwalt Magister Peter Weizdörfer, lieferte sich zu Beginn über zwei Stunden einen Disput mit dem Vorsitzenden Richter Martin Forster, der Staatsanwältin Andrea Litzlbauer und der Schwester des Angeklagten. Seine Bitte, doch ein »Rechtsgespräch« zu führen, lehnte der Richter mit der Begründung ab, er bevorzuge, die Dinge in öffentlicher Hauptverhandlung zu klären. Als der Verteidiger von einer Geldstrafe sprach, machte ihm Forster klar, dass eine solche in diesem Falle gar nicht möglich sei. Und auch Staatsanwältin Andrea Litzlbauer schloss angesichts der zwölf Vorstrafen und der offenen Bewährung eine solche aus.

Nachdem der Verteidiger immer wieder lautstark intervenierte, mischte sich die Schwester des Angeklagten weinend ein. Sie schrie den Verteidiger an, er solle dieses »Kasperltheater« lassen und »einfach heimgehen«. Als die junge Frau versuchte, mit ihrem Bruder zu sprechen, unterband das Verteidiger Peter Weizdörfer, wie zuvor und danach, Versuche des Angeklagten, sich zu äußern. Als sich die Staatsanwältin direkt an den 25-Jährigen wandte, intervenierte der Anwalt vehement: »Sie wollen uns spalten und entfremden. Tun sie nicht so, als wollten sie sein Bestes. Ich will sein Bestes«.

Die 30-jährige Lebensgefährtin des Angeklagten hatte ihm die Rezepte besorgt. »Weil es ihm schlecht ging«, begründete die Zahnarzthelferin im Gerichtssaal. Die junge Frau war deswegen zu einer Freiheitsstrafe von zehn Monaten, ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung, verurteilt worden. Aufgeflogen war die Geschichte, als ein Apotheker in der Praxis telefonisch nachgefragt hatte.

Der Angeklagte hat mit Schmerzen zu kämpfen, seit er sich bei einem Treppensturz den Ellenbogen und bei einem Absturz vom Balkon des zweiten Stocks das Sprunggelenk gebrochen hatte. »Doch seine Suchtproblematik hat weit früher begonnen«, berichtete Dr. Rainer Gerth vom Inn-Salzach-Klinikum. Cannabis, Ecstasy, Amphetamine, LSD, Kokain, Heroin, alles hatte der Angeklagte in der Vergangenheit konsumiert. Mindestens elf Mal war er zur Entgiftung in eine Klinik eingewiesen worden. Der Sachverständige sprach von Mehrfachabhängigkeit und einer Fixierung auf Sucht und Beschaffung.

Auf die Frage, ob denn der sexuelle Missbrauch in der Kindheit Auslöser einer solchen Sucht sein könne, antwortete der Facharzt: »Als alleinige Ursache wäre das zu kurz gegriffen«. Das Milieu, das Elternhaus, all das spiele dabei eine Rolle. Gerth erkannte hier eine »typische Suchtmittelkarriere«. Vor allem aber hätte man das Fentanyl unter diesen Umständen gar nicht verschreiben dürfen.

Der Verteidiger sah deshalb auch eine Schuld bei den Ärzten. »Für meinen Mandanten war es ein erlaubter Besitz, weil verschrieben«. Mit Blick auf das Leben des Angeklagten fragte Weizdörfer: »Kann man so einem Menschen überhaupt einen Schuldvorwurf machen?« Gerade die Staatsanwältin müsse »als Frau« Empathie für ein Missbrauchsopfer aufbringen. Mehr als 30 Minuten dauerte allein das Plädoyer des Anwalts. Sein Antrag lautete: »Eine Freiheitsstrafe von nicht mehr als zwei Jahren und die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt«.

»Eine Vielzahl an Behandlungen ist bereits gescheitert«, bilanzierte Andrea Litzlbauer und verwies auf die zwölf Voreinträge des Mannes. Die Staatsanwältin beantragte eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und neun Monaten wegen Urkundenfälschung in acht Fällen, Erschleichens von Betäubungsmitteln in 53 Fällen, Besitzes von Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge, davon in 51 Fällen mit Betrug und unerlaubte Einfuhr in nicht geringer Menge.

Das Schöffengericht entschied auf drei Jahre, und – entgegen der Empfehlung des Gutachters – auf die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt. Aufgrund der Gesamtumstände mochten die drei Richter hier von einem »minderschweren Fall« ausgehen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Peter Weizdörfer hatte bereits in der ausufernden Anfangsdiskussion der Anklage »Schwächen« attestiert und angekündigt, man werde gegebenenfalls sein »Glück« in einer nächsten Instanz an einem anderen Gericht suchen. Der sexuelle Missbrauch des jungen Mannes ist inzwischen anerkannt. Er bekommt dafür Geld nach dem Opferentschädigungsgesetz. Die Tat selbst ist verjährt. höf