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Doppelbotschaften mit Tiefgang im Orientteppich

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»Ich wasche meine Hände in Unschuld« heißt dieses Werk, bei dem Rose Stach die in die Haut eintätowierten Nummern von KZ-Häftlingen stilisiert für eine Ausstellung im Augsburger Textilmuseum in Handtücher einweben ließ. (Foto: Effner)

Pfffft: Ein leises Zischen ist nur zu hören und kurze Klopfgeräusche. Wie mit einem Taktstock, der sachte auf Holz pocht. Während das Ohr nur eine Art leise geflüsterten Kommentar vernimmt, werden die Augen des Beobachters Zeugen heftiger und brutaler Szenen: Martialisch und gepanzert auftretende Soldaten, die rebellierende und wild gestikulierende Demonstranten mit Schlagstock und Pfefferspray im Zaum zu halten versuchen. Mit Spannung wurden die Besucher der 29. Kunstsprechstunde im HANDarbeitWERKraum in Traunstein Zeugen einer facettenreichen Kunstästhetik.


Die Münchner Künstlerin Rose Stach ist für ihre Videoinstallation »Resistance« vor Kurzem mit dem Buronale-Videokunstpreis ausgezeichnet worden. Sie dokumentiert Szenen von Protesten gegen den Kastortransport in Gorleben, Demonstrationen zu Stuttgart 21 aus dem Jahr 2010 und Ausschreitungen im Gezi-Park in Istanbul 2013. Was diesen filmischen Zeugnissen des zivilen Ungehorsams eine besondere künstlerische Qualität verleiht, ist die Tatsache, dass sie auf einen Orientteppich projeziert werden. Die hypnotisch anmutende Wechselwirkung zwischen Ornament und Filmszenen lässt den Teppich lebendig werden. Gleichzeitig erreicht Stach durch die akustische Reduktion eine besondere ästhetische Tiefenwirkung, die den Betrachter fasziniert und zugleich mit Schrecken erfüllt.

Im Gespräch mit dem Publikum sowie mit den beiden Veranstaltern der Kunstsprechstunde, den Künstlern Helmut Mühlbacher und Cosima Strähhuber, machte Rose Stach ihr Anliegen deutlich. Bereits früh entdeckte die Bildhauerin und ausgebildete Silberschmiedin Teppiche als eine Art Kulturträger und besonderes Medium für ihre Botschaften. Fasziniert von den Deutungen Erich van Dänikens über die Nasca-Linien in der Atacama-Wüste Perus und Möbelabdrücken auf dem heimischen Teppich, begann sie, mit der Nagelschere bleibende Spuren in den Bodenbelag zu prägen. »Das könnten jetzt auch Luftbilder von Ausgrabungen sein«, erläuterte sie zu ihren per Beamer an die Wand projezierten Bildwerken.

Detailreich und erzählerisch gewandt zeigte Stach, wie sie ihre Art der poetischen Archäologie des Alltagsraums immer weiter verfeinert hat. Mit der Nagelschere schnitt sie Reifenspuren in einen zum Teil hochkant aufgestellten Veloursteppich, der neben der ästhetischen Komponente auch Chiffren eines Verkehrsunfalls in sich trägt. Wie ein Kippbild mit doppelter Botschaft schraubt sich auf der Fotoarbeit »Wallfahrtsorte I« spiralförmig ein babylonischer Turm in den Himmel – der sich bei genauerem Hinsehen jedoch als banale Teppichrolle entpuppt.

Die Münchnerin deckt mit ihren Prozessen den Zauber verborgener Fantasiewelten in der Banalität des Alltags auf oder macht die trügerische Sicherheit eingefahrener Sehgewohnheiten deutlich. So schneidet sie in minutiöser Feinarbeit aus einem PVC-Belag mit Parkettmusterung die Silhouette eines Teppichs mit Borten heraus und fordert mit diesem Vexierspiel unsere Wahrnehmungssinne heraus.

Echte Meisterschaft im Sichtbarmachen verborgener Doppelbotschaften und dem Einweben historischer Fragmente entwickelt Stach in ihrer Werkreihe der »War Carpets«. Sie sind inspiriert von den Kriegsteppichen afghanischer und pakistanischer War Lords aus den 80er-Jahren. Die Münchnerin übermalt dabei Orientteppiche, die sie auf dem Flohmarkt, bei Haushaltsauflösungen oder Auktionen erstanden hat, mit schwarzer oder silberner Farbe. Auf dem floralen Muster bleiben nur die Silhouetten von Maschinenpistolen, Granaten, Kriegsjets beim Bombenabwurf, Panzer oder auch einem Steinewerfer sichtbar. Der Orientteppich als gewebter Ausdruck himmlischer Paradieswelten und kostbares Prestigeobjekt wird damit zum Verweis auf Krisenherde des Nahen Ostens und persönliche Konfliktzonen im trauten Heim.

Voller Spannung verfolgten die Besucher der Kunstsprechstunde, wie Stach in immer neuen Bereichen des Alltags poetische Momente aufdeckt. Rauchwolken aus Kriegsbildern verfremdet sie durch Übermalungen und technische Bearbeitung zu Fotos von romantischen Landschaften und Brandungsimpressionen auf Büttenpapier. Ein Schauer jagt den Zuhörern der Kunstsprechstunde über den Rücken als sie erfahren, woher die Nummern auf drei Handtüchern stammen, die Rose Stach zeigt: eintätowierte Nummern von KZ-Häftlingen. Das Werk »Ich wasche meine Hände in Unschuld« war 2014 im Textilmuseum Augsburg zu sehen.

In der Happening-Aktion »Schnorrer« wiederum animierte sie 2013 in der Münchner Maximilianstraße Passantinnen, in den Edelboutiquen kostbare Einkaufstaschen zu schnorren, die sie dann mit afrikanischen Haarflechtereien als Trageriemchen künstlerisch aufwertete. Kunst darf bei Stach also bei allem Tiefgang auch Spaß machen und Witz mit einem Schuss Ironie versprühen. Axel Effner