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Doping-Skandal: Ostaptschuk muss Gold zurückgeben

London (dpa) - Nicht einmal zwölf Stunden nach dem Erlöschen der Flamme in London hatten die Sommerspiele doch noch einen Doping-Skandal um eine Olympiasiegerin. Kugelstoßerin Nadeschda Ostaptschuk muss ihre Goldmedaille zurückgeben.

Positiv
Kugelstoß-Olympiasiegerin Nadeschda Ostaptschuk aus Weißrussland ist nach IOC-Angaben gedopt. Foto: Diego Azubel Foto: dpa

Die Weißrussin wurde nach Angaben des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) disqualifiziert, die zweitplatzierte Neuseeländerin Valerie Adams zur Gewinnerin erklärt. Ostaptschuk ist die erste Sportlerin der Londoner Spiele, die Edelmetall zurückgeben muss - aber aus Sicht von Doping-Experte Werner Franke keine Überraschung. Sie selbst will ihre Medaille sogar behalten.

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Die 31-Jährige hat nach IOC-Angaben am 5. August - einen Tag vor ihrem Wettkampf - und am 6. August kurz nach ihrem Triumph eine Urinprobe abgegeben. Darin sei das anabole Steroid Methenolon gefunden worden. Das verbotene Mittel war früher vor allem in Bodybuilderkreisen verbreitet und kann hat bei Frauen Nebenwirkungen wie Akne, Bartwuchs und Stimmvertiefung haben.

Die IOC-Disziplinarkommission unter dem Vorsitz von DOSB-Präsident Thomas Bach entschied, dass Ostaptschuk aus den Ergebnislisten gestrichen wird. Das Nationale Olympische Komitee Weißrusslands wurde aufgefordert, Medaille, Urkunde und Gold-Anstecker der Sportlerin schnellstmöglichst an das IOC zurückzugeben.

Allerdings will Ostaptschuk ihre Goldmedaille nicht so einfach hergeben. «Natürlich werden wir kämpfen. Die Frage ist nur, wofür und gegen wen», sagte die Athletin dem Sender Radio Free Europe/Radio Liberty. «Man hat mich vor Fakten gestellt, ohne mir Einzelheiten mitzuteilen. Diese Nachricht hat uns natürlich schockiert, ich benötige derzeit Beruhigungsmittel.»

Von offizieller Seite gab es in der autoritär regierten Ex-Sowjetrepublik zunächst keine Reaktion. Das Sportministerium habe noch keine Beweise erhalten, sagte ein Behördensprecher in Minsk der unabhängigen Agentur Belapan zufolge. Eine für den Nachmittag geplante Pressekonferenz Ostaptschuks in Minsk wurde aber ohne Angabe von Gründen kurzfristig abgesagt. Der als letzter Diktator Europas kritisierte Präsident Alexander Lukaschenko hatte Ostaptschuk nach ihrem Erfolg für «große Professionalität, herausragende sportliche Leistung und den Sieg» einen Orden verliehen.

Auszeichnungen hat sie sich aus Sicht des Doping-Experten Werner Franke aber eher für Dummheit verdient: «Die Überraschung ist nur groß, dass jemand so doof sein kann, sich damit noch beim Wettkampf erwischen zu lassen», sagte der Molekularbiologe der dpa. «Ihre ganze Wettkampfplanung im Jahr diente ja wohl nur dazu, zu vermeiden, dass sie kompetent getestet werden kann. Das hat ihr der Kenner schon seit Jahren an der Nase angesehen.»

Die 31-Jährige war in Peking 2008 Olympia-Dritte, 2005 Weltmeisterin in Helsinki, 2011 in Daegu/Südkorea Vize-Weltmeisterin sowie 2010 Europameisterin. Die weißrussischen Werfer waren auch in deutschen Leichtathletik-Kreisen in die Kritik geraten, weil sie sich häufiger nur zum Saisonhöhepunkt zeigen. So hatte Ostaptschuk im Juni bei der EM im Helsinki gefehlt. Erst kurz vor den Olympischen Spielen hatte Weißrussland Hammerwerfer Iwan Tichon auf Druck des Internationalen Leichtathletik-Verbandes aus dem Aufgebot gestrichen. Der 36-Jährige war wegen eines positiven Nachtests der Doping-Proben von den Spiele 2004 in Athen unter Verdacht geraten.

Während sich die dreifache Weltmeisterin Valerie Adams am Tag nach der Schlussfeier doch noch über ihren zweiten Olympiasieg nach 2008 freuen konnte, geht Silber nun an die Russin Jewgenia Kolodko, Bronze an die Chinesin Lijiao Gong. Die deutschen Teilnehmerinnen Christina Schwanitz (bisher 11.), Nadine Kleinert (14.) und Josephine Terlecki (19.) rücken alle einen Platz nach oben. Europameisterin Kleinert war bei ihren vierten und letzten Sommerspielen in der Qualifikation gescheitert und hatte den Medaillenkampf verpasst.

Das IOC führte in London nach eigenen Angaben die Rekordzahl von etwa 5000 Dopingtests durch - 3800 Urin- und 1200 Bluttests. Ostaptschuk ist die neunte Sportlerin, die erwischt wurde. Victor Conte, Gründer des einstigen BALCO-Labors und zentrale Figur des größten Doping-Skandals in den USA, hatte vermutet, dass die Dunkelziffer viel, viel höher ist - 60 Prozent der Athleten könnten gedopt sein. «Er weiß es vielleicht besser als andere», sagte Richard Pound, ehemaliger Präsident der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA. «Ich hoffe, es sind nicht 60 Prozent gewesen, aber es sind sicherlich mehr, als wir fangen.»

25 Millionen Euro kostete das IOC das Testprogramm und das Analyselabor. 117 Athleten waren schon zwischen April und dem Olympia-Start positiv getestet und aus dem Verkehr gezogen. «Das ist ein Zeichen, dass das System funktioniert», meinte IOC-Präsident Jacques Rogge am Sonntag.

Der italienische Geher-Olympiasieger von 2008, Alex Schwazer, war drei Tage vor Beginn der Spiele bei einer Zielkontrolle erwischt wurde. «Wir sehen den Erfolg der gezielten Tests», hatte Bach betont. «Sie haben, verbunden mit den acht Jahre eingefrorenen Proben, einen hohen abschreckenden Wert.» Offensichtlich aber nicht für Kugelstoßerin Ostaptschuk.

Text bei Radio Liberty, Weißrussisch