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»Die Zeit ist aus den Fugen«

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Viel geliebt und doch am Wahn zerbrochen: Hamlet (Gregor Schulz) und Laertes (Hanno Waldner) sind in tiefster Verzweiflung über Ophelias (Genia Maria Karasek) Tod. (Foto: Landestheater)

Sein oder Nichtsein? Auf dem Spielplan des Salzburger Landestheaters steht derzeit das meist gespielte Drama der Weltliteratur, Shakespeares Paradestück »Hamlet«.


Ein zeitloser Klassiker, Herausforderung wie Chance für gute Regie und Schauspieler, der enormen Spielraum für Interpretationen lässt. Shakespeare hält mit seinem Werk Menschen generationsübergreifend mit Fragen über Werte wie Freiheit, Loyalität, Liebe, aber auch Schuld, Verrat und Rache, den Spiegel vor und verblüfft mit der nüchternen Erkenntnis, dass Hamlet – damals wie heute – in jedem steckt und wirkt: »Die Zeit ist aus den Fugen«.

Wie sehr es sich lohnen kann, sich am Theater dieser Hamlet-Herausforderung zu stellen, zeigt sich in der Inszenierung von Alexandra Liedtke. Für »ihren« Hamlet reduziert Liedtke Shakespeares Trauerspiel aufs Wesentliche, verdichtet die Figuren auf nur sechs Rollen und gewinnt auch in Sachen Bühnenbild und Requisite nach dem Weniger-ist-mehr-Prinzip. So geht es gleich in der ersten Szene in die Vollen: Ein Schrei geht dem Publikum durch Mark und Bein: Ausdruck unermesslichen (Verlust-) Schmerzes. Am Grab des verstorbenen Königs von Dänemark leidet Prinz Hamlet (Gregor Schulz) entsetzliche Qualen.

Zwischen ihm und dem Publikum ragt der Grabhügel des toten Vaters empor. Kann man Unrecht beerdigen? Hinter Hamlet geht die Beerdigungszeremonie nahtlos in eine Hochzeitsfeier über. König Hamlet ist tot, es lebe König Claudius (Christoph Luser) – und wie er lebt, denn statt sich angemessener Trauer hinzugeben, ist der Königsbruder allzu schnell bereit, die Königin Gertrude (Britta Bayer) zu ehelichen. Die hilft ihm damit, ganz nebenbei, auf den Thron. Im hinteren Bühnenbereich bewegt sich, kaum merklich, die Rückwand. Schein oder Sein? Hamlets Gefühlswelt wankt. Dann erscheint ihm der Geist des Vaters (Robert Zalmann), erzählt von einem Giftmord und nennt den Täter: Claudius. »Denke an mich. Räche mich«, fordert er. Großes Unrecht, Brudermord, ein »Geist«, der von Mord spricht, fordert Sühne und erteilt einen »Auftragsmord«.

Hamlet zögert aber mit der Umsetzung, hat keinen Plan und »spielt verrückt«, mimt, um sich zu schützen, den Narren und scheint so selbst dem Wahnsinn, aber auch der Wahrheit immer näher zu kommen. Doch letztlich kommt ihm seine Maskerade teuer zu stehen: Es rollen die Köpfe Unschuldiger. Statt Claudius ersticht er, ohne es zu wollen, den Oberkämmerer Polonius (Walter Sachers), den Vater seiner großen Liebe Ophelia (Genia Maria Karasek) und des besten Freunds Laertes (Hanno Waldner). Ophelia treibt er mit seinem widersprüchlichen Verhalten in den Selbstmord: Sie trinkt zwanghaft aus unzähligen Wasserflaschen, mag am Kummer »ersticken«, ertränkt sich schließlich wie im Wahn – eine Szene, die weh tut, die das Publikum an seine Grenzen bringt.

Die Schlinge der Gewalt, der Lügen, des rücksichtslosen Machtstrebens zieht sich erbarmungslos zu – vernichtend nimmt sie sich, was hergeht. Der Versuch, Claudius durch das Auftreten eines Puppenspielers (Simon Buchegger) zu einem Geständnis zu bewegen, scheitert ebenso wie die Aussprache mit dem Freund Laertes – Intrigen, Lügen, Hass. Am Ende sind alle tot.

Ein echtes Trauerspiel, ergreifend, überzeugend dargestellt und in vielen Momenten verstörend klar. Dem Salzburger Landestheater gelang eine große Inszenierung eines Monumentalwerks. Entstaubt, aufgefrischt, bereichert und schlüssig durchdacht. Es lässt dem Stück die Seele und wirft die exakt richtigen Fragen auf in ideenreich und überaus geschmackvoller Umsetzung mit Schauspielern, die in ihren Rollen genau das tun, was sie tun sollen: Das Publikum überraschen, mitreißen, mitfühlen und leiden lassen, es sich selbst vergessen lassen – für einen Moment »sein«. Oder nicht sein?

Allein das brillante Spiel des Puppenspielers, der mit weißen, großen Handpuppenköpfen vor dunkler Bühnenrückwand agiert, lässt für einen Moment die Sinnfrage ausblenden, das Gestern und Heute einen: Es ist. Es wirkt – jetzt. Gregor Schulz hat, wie zu spüren war, Hamlets Zerrissenheit und tiefe Not mit allen Fasern seines Innersten nachempfunden und transportiert. Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt gelang mit der Gestaltung der Bühnenlandschaft, etwa variablen, sich ständig in Tiefe und Flächen verändernden, Wandelementen im hinteren Bühnenbereich, eine Fokussierung und Umrahmung spannender Momente.

Die Schauspieler bewegten sich mit traumwandlerischer Sicherheit in den immer neu gestalteten, begehbaren Räumen, Türen und Nischen, die den Zuschauer zuweilen an Irrgärten oder gar Geisterbahnen denken ließen und so, der Szene entsprechend, wie von Zauberhand bewegt, immer wechselnde Perspektiven boten. Riesenapplaus für einen exquisiten Theatergenuss, der noch bis zum 24. Februar zu erleben ist. Kirsten Benekam