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Die unverbrüchliche Kraft des »Isarindianers«

Dass er mit inzwischen 62 Jahren deutlich mehr Energie und Feuer hat wie so mancher »Junger«, zeigte Willy Michl bei seinem Konzert im voll besetzten Saal des Wirtshauses Lauter. Der »Isarindianer« sang sich mit röhrender Gitarre und archaisch-kraftvoller Bluesstimme bis Mitternacht getreu seinem selbst gewählten Indianernamen »Sound of Thunder« schier die Kehle aus dem Leib für »Liebe, Freude, Ehre und Respekt, die Grundbedingungen für Harmonie und Freiheit«.

Bajuwarischer Humor, tiefer Ernst, Improvisationskunst und familiäres Flair kennzeichnen Michls Konzerte. Dazu gehört, dass er seine kleine Tour-Familie in Dankbarkeit für ihre Treue vorstellt: seine Frauen Eva (bis 1992) und Cora Michl, seinen »Soundmaker« Stefan Karpati und dessen Frau Christl mit dem Spitznamen »Sternchen« aus Grabenstätt. Er verrät sogar, warum letztere bei einem seiner Konzert in Marktschellenberg zusammen-kamen: Weil »Sternchen« auf seinen indianischen Rat hin Tabak ins Feuer streute und sich was wünschte.

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Michl sieht sein Publikum und alle Menschen, »egal woher sie kommen und wohin sie gehen«, ja alle Lebewesen und die gesamte beseelte Natur als seine »Brüder und Schwestern«. Zugleich versteht der virtuose Entertainer die Kunst der Selbstironisierung.

All dies zeigt sich bereits bei der lustvoll zelebrierten Eröffnung des Konzerts, eine Zeitreise in die wilden 70er Jahre. Nach dem gemeinsamen Einzug mit dem Wirt von Lauter, Sepp Weismann, wiederholt er mit diesem das vor 40 Jahren im legendären »Platzl« in München vor jedem Auftritt zelebrierte Ritual: Eine Zigarette wanderte zwischen dem Schuhplattler Weismann und dem Bluesbarden Michl hin und her.

»Do host du genau so ausg'schaut wia jetzt, nur da Bart war schwarz«, scherzt der Isarindianer – und gesteht lachend, dass auch er seine schwarze Indianerhaarpracht nur dank seines Inzeller Freundes Leo alias Lichterfalke, Schlagzeuger bei den seit 50 Jahren aktiven Hurricanes, noch hat. Der ist neben Alexander Huber, auch ein Freund Willys, einer der illustren Gäste. Dem Traunsteiner Extremkletterer widmet der Sänger nach dem Bobfahrerlied, bei dem sofort alle die synchronen Bewegungen wie im Viererbob mitmachen, ein »boarisches Indianerliad«. Zwischen den gesungenen Teilen legt er eine wahnwitzige Gitarren-Improvisation hin, indem er seine linke Hand statt von unten von oben auf dem Gitarren-Griffbrett hin- und her schleifen lässt. Expressiv-mystisch pfeifend leitet er über zu den Versen »Reiß di los, fliag Vogel fliag, fürcht' di net vorm Wind« – Zeilen, die man auch als sein Lebensmotto sehen könnte.

Ebenso nahtlos ist der Switch zum »Rainbowrider« (Regenbogenreiter) und zum Bär Bruno mit einer Variation des Jennerwein-Liedes: »Es war ein Bär in seinen schönsten Jahren«. Auf der Gitarre imitiert der Barde Brunos Todeskampf auf dem harten Stein und stellt anarchisch grinsend fest, dass die Regierenden nicht wussten, was passiert, wenn ein Bärenherz verbrannt wird… . Genau so macht er sich für andere Sonderlinge, Gejagte und Verrückte stark und outet sich in einer Blues-Bayernhymne als Ludwig-II-Verehrer und Monarchist. »Alle Weisheit kommt aus den Träumen« ist die Botschaft seiner traumhaften Balladen wie »Das Land Nepal«. Wenn er seine Verstärker selbst manchmal etwas weniger aufdrehen würde, würde sich freilich nicht nur bei den fetzigen Rock-Klängen, sondern auch bei den leiseren Blues-Tönen das Motto »Weniger ist mehr« bewahrheiten.

Im zweiten Teil gibt es unter anderem das Kultlied »Isarflimmern«, wie fast alle Songs eingebettet in eine halbstündige musikalisch-szenische Improvisation, und als Zugabe zu Otis Reddings Kultsong »Dock of the bay« zahllose Anekdoten aus Willys Schulzeit, die er hauptsächlich an der Isar verbrachte. Am 8. November spielt Willy Michl im Gasthaus Unterstein in Schönau am Königssee. Veronika Mergenthal