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Die ungezähmten Katzen vom Königssee

Schönau am Königssee – Dickie späht vorsichtig durch das Gebüsch, heute ist es wieder so weit: Essenszeit. Jeden zweiten Tag wird ihr Katzenhunger gestillt. Ihr Versorger Helmut Kurz, genannt »Chippy«, verteilt in Schälchen gut 12 Liter Nassfutter vermischt mit Reis. Zusätzlich gibt es immer noch ein bisschen Trockenfutter. Kaum hat Chippy das Futter in die Plastikschüsselchen gefüllt, wagen sich Dickie und ihre 14 Katzenfreunde aus ihrem sicheren Waldversteck und machen sich über das Mahl her.

Was will diese Fotografin von uns? Wir wollen in Ruhe fressen.

Für Chippy und seine Frau Monika ist das Füttern der Königssee-Katzen eine Berufung. Seit 17 Jahren kümmern sich die beiden ehrenamtlich um die Tiere. Alle 14 Tage holt Chippy, der hauptberuflich bei der Schifffahrt Königssee arbeitet, sechs Paletten Katzenfutter bei Stephen Mockler, dem Vorsitzenden des Tierschutzvereins Berchtesgaden, ab. Dann bringt er sie nach Hause, wo sich Ehefrau Monika um die Zubereitung des Futters kümmert. »Ich koche jeden zweiten Tag drei bis vier Pfund Reis, die dann mit dem Nassfutter vermischt werden«, erzählt Monika. Dabei hat das Vorbereiten des Fressens absolute Priorität. »Zuerst kommen die Katzen, dann die Arbeit«, schmunzelt Monika. Und sei es, wenn die Haus- und Heimarbeit erst am Abend erledigt werden kann. Das fertige Menü bringt Chippy anschließend zum Futterplatz, welcher sich seit gut einem Jahr versteckt im Wald unterhalb der Seealm verbirgt.

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Noch vor wenigen Jahren gab es mehrere Futterplätze rund um das Asylantenheim am Königssee, doch Streit mit den Anwohnern war ebenso gegeben. Dank des Forstbetriebs Berchtesgaden hat der heimische Tierschutzverein nun seit gut einem Jahr unmittelbar in Nähe des Asylantenheims diesen neuen Futterplatz bekommen.

Vom Asylantenheim stammen auch die Katzen. »Die Asylanten haben sich damals die Tiere angeschafft«, erzählt Mockler. Diese wurden jedoch weder kastriert noch sterilisiert, eine Katzenschwemme am Königssee war vorprogrammiert. »Zeitweise hatten wir bis zu 45 Katzen, irgendwann waren dann die Asylanten weg, aber die Tiere blieben«, erinnert sich der Tierschutzvereinsvorsitzende.

Mittlerweile leben noch rund 15 wilde Katzen am Königssee. In den letzten acht Jahren wurden die Tiere nach und nach mit Lebendfallen eingefangen, kastriert und anschließend wieder freigelassen. Eine verwilderte Katze zu domestizieren ist unmöglich, die Tiere sind über Generationen verwildert, weiß Mockler. Und noch etwas: »Streicheln geht gar nicht, eine Katze ist dabei, die streift mir zwar um die Beine, wenn ich das Essen herrichte«, erzählt Chippy, »sobald ich aber zu ihr runter greife, ist sie weg«.

Dass die Katzen nicht schmusen möchten, ist Chippy und seiner Monika vollkommen klar. Trotzdem legen sie volles Herzblut in die Sache. Im letzten Jahr hat der Schifffahrtler die Schlafhütte seines verstorbenen Schäferhundes umfunktioniert: »Ich habe zwei Etagen eingezogen und von außen zugenagelt, damit nicht jeder das Katzenhaus aufmachen kann«, so der Königsseer. In die Holzwände hat er mehrere Löcher gesägt, diverse Fluchtwege sind garantiert. Für eine mollige Wärme sorgen Stroh und Styroporplatten im Inneren, vor allem jetzt im Winter.

Sollte doch mal ein Wurf einer Wildkatze gefunden werden, bekommt das Ehepaar Kurz und Stephen Mockler tatkräftige Unterstützung von Sybille Schön. Die Tierschützerin fängt die Kätzchen ein, päppelt sie, wenn nötig, auf, bringt sie zum Kastrieren und vermittelt ihnen ein liebevolles Zuhause.

»Im Talkessel gibt es eine Katzenschwemme«, so Mockler, »das Problem ist einfach, dass die wenigsten Leute ihre Tiere kastrieren lassen«. Dabei ist die Geldinvestition im Vergleich zu den Kosten durch die unkontrollierte Katzenvermehrung ein Klacks. Circa 10 000 bis 12 000 Euro investiert der Tierschutzverein Berchtesgaden jährlich in Futter- und Tierarztkosten von herrenlosen Tieren und Fundtieren. »Dabei bräuchten wir jedes Jahr gut 2 000 Euro mehr«, so Mockler, der seit acht Jahren den Tierschutzverein leitet. Sein Geld zieht der Tierschutzverein aus Mitgliederbeiträgen, Spenden sowie der Unterstützung der drei großen Gemeinden Schönau am Königssee, Berchtesgaden und Bischofswiesen.

Neben der Kastration appelliert Mockler auch an alle Katzenhalter, ihre Tiere chippen zu lassen. »Ein Chip kostet zwanzig Euro. Wird bei uns eine Fundkatze abgegeben, könnten wir durch den Chip sofort den Besitzer ermitteln«, so der Tierfreund. »Hat die Katze aber keinen Chip, müssen wir sie ins Tierheim bringen, und das kostet den Tierschutzverein wieder täglich 8,50 Euro.« Caroline Irlinger