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Die Ungewollten - Die Irrfahrt der St. Louis

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Die Ungewollten - Die Irrfahrt der St. Louis
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Ulrich Noethen verkörpert Kapitän Gustav Schröder in «Die Ungewollten - Die Irrfahrt der St. Louis». Foto: David Dollmann/NDR/ARD Degeto/dpa Foto: dpa

Ein Kapitän widersetzt sich im Jahre 1939 einem klaren Befehl der Nazis und rettet damit mehr als 900 Flüchtlinge auf seinem Schiff. 80 Jahre später steht er im Mittelpunkt eines Dokudramas im Ersten.


Berlin (dpa) - Helden gibt es viele. Manch einer unter ihnen möchte jedoch nicht als solcher bezeichnet werden, weil es zuviel des Aufhebens bedeuten würde. Um einen solchen Mann geht es in dem Drama »Die Ungewollten - Die Irrfahrt der St. Louis«, der am Montag um 20.15 Uhr im Ersten läuft.

Vor 80 Jahren, am 13. Mai 1939: Der Dampfer »St. Louis« macht am Schuppen 76 im Hamburger Hafen die Leinen los. An Bord des Schiffes sind 937 jüdische Männer, Frauen und Kinder auf der Flucht vor den Nazis. Der Hamburger Kapitän Gustav Schröder (Ulrich Noethen) soll sie nach Kuba bringen, von dort ist für die meisten Passagiere eine Weiterreise in die USA vorgesehen. In Havanna darf jedoch keiner der Flüchtlinge an Land, das Schiff liegt außerhalb des Hafengebietes.

Auch in den USA oder in Kanada will sie niemand aufnehmen. Nach zähen Verhandlungen findet Schröder in Europa einen sicheren Hafen; vom belgischen Antwerpen aus werden die Flüchtlinge auf England, Belgien, Frankreich und die Niederlande verteilt. Wirklich in Sicherheit waren sie jedoch nur in England, was sich allerdings erst Jahre später herausstellen sollte.

Für die Menschen an Bord, zum Beispiel das Ehepaar Stern (gespielt von Britta Hammelstein und Golo Euler), war die Reise mit der »St. Louis« die letzte Möglichkeit, der Verfolgung und der Ermordung durch die Nationalsozialisten zu entkommen. Es kam zwar anders als geplant, doch dank des mutigen Kapitäns gelangten sie nach langer Irrfahrt schließlich in Sicherheit.

Regisseur Ben von Grafenstein (44, »Helmut Schmidt - Lebensfragen«) hat auf einem ausgemusterten alten Passagierschiff im Hafen von Lissabon gedreht und hält sich weitgehend an die Fakten, samt Meutereiversuchen an Bord, einer Erpressung des Kapitäns wegen seines behinderten Sohnes und Verzweiflungstaten der Passagiere.

Jürgen Glaevecke ist ein Großneffe von Gustav Schröder (1885-1959). Im Interview der Nachrichtenagentur dpa verwendet er das Wort »Held« nicht: »Zumindest ist es eine bemerkenswerte Tat gewesen. Dass ein Kapitän eine solche Entscheidung trifft, entgegen der bestehenden Order, das ist schon außergewöhnlich. Er ist sicherlich auch deswegen ohne Konsequenzen davongekommen, weil er dieses Schiff unbeschadet nach Hamburg zurückgebracht hat. Die Reederei Hapag war darüber sicher nicht unglücklich und hat ihn danach freigestellt, weil er dort nicht mehr arbeiten und lieber zur Seewarte gehen wollte.«

Der Film basiert auf Schröders Aufzeichnungen (»Heimatlos auf hoher See«) und zeigt neben den Spielszenen auch Dokumentarisches und Interviews von Zeitzeugen, was durch die geschickte Montage (Schnitt: Alex Murygin) spannend zusammengefügt wird. Ulrich Noethen (59, »Neben der Spur«, »Charité«) gibt Kapitän Schröder ein entschlossenes und vor allem menschliches Gesicht.

Der gelungene Film wirkt geradezu beklemmend in einer Zeit, in der wieder Flüchtlinge über das Meer kommen und auf verschiedene Länder verteilt werden. Glaevecke sagt dazu: »Vor diesem Hintergrund ist es ein wichtiger Film, um Geschichte wachzuhalten, aber auch, weil Bezüge zur aktuellen Flüchtlingssituation auf dem Mittelmeer herzustellen sind. Wir sind alle viel dichter dran, als wir glauben.«

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