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Die sagenhafte Ausdruckskraft des Originalklangs

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Cecilia Bartoli spielt und singt nicht die »Norma«, sie ist »Norma« bei den Salzburger Festspielen. Im Hintergrund sind Mitglieder des Coro della Radiotelevisione Svizzera zu sehen. (Foto: Festspiele)

»Casta Diva« – den Opern-Schlager hat jeder im Ohr. Aber was macht Cecilia Bartoli daraus! Da wird unmittelbar greifbar, wie die Priesterin mit ihrer »keuschen Göttin« hadert – denn eben die Keuschheit hat sie selbst ja eingebüßt, indem sie sich ausgerechnet mit dem Statthalter des Feindes, mit Pollione, eingelassen, ihm sogar sogar zwei Kinder geboren hat.


»Fraternisierung« hat man so etwas genannt. Im Frankreich zur Zeit der Résistance, wohin die Regisseure Moshe Leiser und Patrice Caurier die Opernhandlung verlegt haben, sind solchen jungen Damen die Haare abgeschnitten worden um sie zu brandmarken. Auch Norma wird auf diese Weise gedemütigt werden, bevor man sie sie und Pollione abfackelt.

Zur Erinnerung: Norma ist nicht Priesterin und Wahrsagerin, sondern Schuldirektorin, Adalgisa nicht Novizin, sondern Junglehrerin. Kein heiliger Hain, sondern ein Schulgebäude, das Freischärlern als konspirativer Treffpunkt und als Waffenlager dient.

Seit ihrer Premiere bei den Salzburger Pfingstfestspielen 2013 ist diese »Norma«, aufgeführt heuer wieder im Haus für Mozart in Salzburg, musikalisch wundersam gereift. Es ist ja viel Gewöhnungsbedürftiges in dieser von Musikologen nicht unwesentlich umgekrempelten »Norma«. Neue Gewichtungen entstehen vor allem durch die exzessive Tessitura der Titelrolle, Koloraturen sind nach Originalquellen »bereinigt«: Eine Fundgrube also für den Originalklang-Apostel Giovanni Antonini, der als »Norma«-Dirigent am Pult von »La Scintilla« (der Originalklang-Crew der Zürcher Oper) allen Furor aus »Il giardino armonico«-Zeiten abgelegt und zu einer geradezu Harnoncourt'schen Langsamkeit gefunden hat.

An den feinsten Schrauben wurde gedreht, um die Synchronisation zwischen den Protagonisten und zwischen Bühne und Graben so hinzukriegen. Das Ergebnis ist eine Ausdrucksintensität, die einem schier den Atem nimmt. Was spielt sich da ab zwischen den beiden Nebenbuhlerinnen um die Gunst Polliones, dieses amourösen Erzschurken? Wie da Cecilia Bartoli als Norma eingeht auf die stimmlich leichtgewichtigere Rebeca Olvera (Adalgisa), die wiederum am Widerpart Bartoli wächst und wächst! Leidenschaft, Einsicht, Resignation in allen verborgenen und jäh aufbrechenden Schattierungen. Da wird in den Duetten nicht Timbre vereinheitlicht, sondern auf spannendste Weise mit dem Chroma und dem Ausdruck der jeweiligen Stimmen gearbeitet.

John Osborn (Pollione): Dieser sagenhafte Tenor-Lyriker mit geradezu spielerisch ansprechenden Höhen wird im Wortsinn hin- und hergerissen zwischen den beiden Frauen, einfach zermalmt zwischen den Emotionen, die er selbst entfacht hat. Solche Gegenspielerinnen sind ein Glücksfall für einen Sänger, der sich nicht mutwillig mit seinen Hochtönen vordrängt, sondern genau so akkurat wie die beiden Damen aus den Koloraturenketten heraus die Affekte ableitet.

Die Bartoli: Natürlich ist sie das Zentrum der Aufführung, indem sie das umsetzt, was der Komponist in einem Brief als »enzyklopädischen Charakter« dieser Figur bezeichnet hat. Es ist einfach jede Seelenlage drin, und Belcanto-Skalen auf und ab kehrt Cecilia Bartoli das heraus, ohne je oberflächlichem Spiel mit der vokalen Virtuosität zu erliegen. Wie sie da sitzt, bereit und doch nicht fähig zum Mord an den eigenen Kindern, das Messer in der einen, die Schnapsflasche in der anderen Hand. Wie sie gleich drauf Adalgisa das Baby zärtlich in den Arm legen und sie zugleich bedrängen wird. Sie spielt und singt nicht, sie ist Norma.

Weitere Aufführungen finden am morgigen Donnerstag und am Samstag im Haus für Mozart statt. Reinhard Kriechbaum