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Weltbilder bersten in »Vögel« im Schauspielhaus Salzburg: (von links) Susanne Wende (Leah), Katharina von Harsdorf (Norah), Jakob Kücher (Eitan), Marcus Marotte (Rabbiner), Antony Connor (Etgar), Theo Helm (David), Kristina Kahlert (Wahida). (Foto: Jan Friese)

»Zwischen allen Etagen hören wir das Zusammenbrechen der Träume.« In Wajdi Mouawads Erfolgsstück »Vögel«, seit es aus dem Französischen übersetzt ist allgegenwärtig auf deutschsprachigen Bühnen, erlebt man, wie jeder Optimismus auf ein friedliches Neben- oder gar Miteinander zwischen Völkern zermalmt wird.


Es sind eben nicht nur 46 Chromosome, die den Menschen ausmachen, wie der junge Genetiker Eitan in der ersten Szene seiner Freundin selbstbewusst erklärt. Er, der in Berlin aufgewachsene Jude, und die arabischstämmige, in New York lebende Wahida sind aufgeklärte, moderne junge Menschen. Was zählen für sie noch die historischen Gewichte, die auf ihren Völkern und deren von Terrorismus und Krieg geprägter Nachbarschaft im Nahen Osten lasten? Vielleicht war es nicht die beste Idee, die Freundin ausgerechnet am Seder-Abend den Eltern vorstellen zu wollen. Aber nicht nur an diesem jüdischen religiösen Fest, auch zu jedem anderen Zeitpunkt hätten die Eltern (der radikal-fundamentalistische Vater vor allem) die jüdisch-arabische Mesalliance nicht akzeptiert.

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»Vögel« ist viel mehr als ein Romeo und Julia-Aufguss. Es geht in Wajdi Mouawads Stück um das fatale Zusammentreffen von Vorurteil und historischer Erfahrung, von über Generationen weitergereichtem, immer neu befeuerten Völkerhass und von der Unmöglichkeit, aus solchen Wirkkräften auszusteigen. Auch die Beziehung der beiden jungen Leute wird scheitern, nachdem Wahida »auf der Rückseite der Mauer« ihre Abstammung nicht bloß als abstraktes Dissertationsthema, sondern als Realität erfahren wird. Wenn es um die Herkunft geht, funktioniert die Reset-Taste nicht.

In Mouawads tollkühn konstruierter Geschichte wird also ein jeder und eine jede ihr Weltbild bersten sehen. Im Schauspielhaus Salzburg setzt Regisseurin Irmgard Lübke auf ein Kammerspiel. In einem so gut wie abstrakten Raum mit kaum sichtbaren Türen (Ausstattung Andrea Kuprian) prallen die psychologischen und realen (Vor-)Urteile unmittelbar aufeinander. Damit stößt Irmgard Lübke ihr Publikum zwar mit der Nase auf – sagen wir vorsichtig – das diskursive Element dieses tendenziell papierenen Theatertexts. Wie die Leute argumentieren und sich verheddern in den eigenen Denkfäden – das hat so gar nichts von Alltagssprache. Genau das aber hebt das Stück über die konkrete »völkische« Situation: »Vögel« wird gewiss auch irgendwo nahe einem afrikanischen Krisenherd oder sonst überall auf der Welt, wo es seit Generationen kracht, gut verstanden. Es ist allgemein gültig. Im Westen, der gerade zum Melting pot von Entwurzelten wird, ist das Stück Theater der Stunde.

Kristina Kahlert (Wahida) und Jakob Kücher (Eitan) finden da also vor einem Bibliotheksregal zueinander, der Lesetisch wird zum Catwalk der Verliebten, aber bald zur Brücke in die harte familiäre Realität: Dort steckt Vater David (Theo Helm) wortgewaltig das scheinbar ethisch und ideologisch reine Judentum ab. Die Mutter (Katharina von Harsdorf) hat relativ viel zu sagen aber wenig zu vermelden. In der Drei-Generationen-Familie scheint einzig der Großvater (Antony Connor), der das KZ er- und überlebt hat, zu Toleranz fähig. Der Fokus richtet sich bald auf die Großmutter Leah als Hüterin eines Familiengeheimnisses. Ihr gibt Susanne Wende nicht das scharfe Profil einer bösartigen alten Hexe, sondern einer leidgeprüften und deshalb seelisch fast verkrusteten Frau. Es braucht nicht viel, um diesen Seelen-Schutzschild zu knacken.

Sophia Fischbacher zeigt Charisma als israelische Soldatin, die auf ihre Weise versucht, etwas Menschlichkeit zu bewahren. In Nebenrollen Olaf Salzer (Arzt) und Marcus Marotte in einer Doppelrolle: Als Rabbiner wird er unfreiwillig Zeuge der elementaren familiären Zerrüttung, als Al-Hasan Al Wazzan (das ist die historische Figur aus dem 15. Jahrhundert, der Wahidas Dissertation gilt) darf er sich als Schattenriss zu Wort melden.

»Vögel« lebt von Zeitsprüngen, von beinah filmischen Schnitten. Das gelingt in der Salzburger Umsetzung durch Irmgard Lübke mit schlichtesten Mitteln. In diesem explosiven Gemengelage aus Erlebtem, Gefühltem und Erzähltem und den daraus sich ableitenden Folgen lenkt nichts von der Psychologie der Figuren, nichts vom gesprochenen Wort ab. Aufführungen finden bis 4. März statt, Karten gibt es unter www.schauspielhaus-salzburg.at.

Reinhard Kriechbaum