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Die Männer in weißen Schutzanzügen tauchen wieder auf

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Um beim Abbruch des Bunkerfundaments das Nachbargebäude vor Erschütterungen zu schützen, wurden im Vorfeld von den Männern in weißen Schutzanzügen entsprechende Bohrungen durchgeführt. (Foto: Rasch)

Traunreut – Eigentlich sollte das Thema Altlastensanierung in Privatgrundstücken in Traunreut vom Tisch sein. Viele Traunreuter können sich an die bundesweit einzigartige Großbaustelle von 2009 bis 2011 schon gar nicht mehr erinnern. Offensichtlich hat sich nicht nur der damalige Bayerische Umweltminister, Dr. Marcel Huber, bei der Abschlussveranstaltung im Mai 2012 zu früh gefreut, dass »endlich ein physischer Schlussstrich unter die Rüstungsaltlasten in Traunreut gezogen werden kann«. Denn jetzt sind sie wieder aufgetaucht, die Männer in weißen Schutzanzügen und Messgeräten. Am südlichen Stadtrand wird sieben Jahre nach Abschluss der Sanierungsmaßnahmen ein belastetes Grundstück saniert. Viele Zaungäste an der Baustelle fragen sich, wie es kommt, dass jetzt doch wieder gebuddelt wird.


Den betroffenen Grundstücksbesitzern wurde seinerzeit nahegelegt, sollten sie einer Sanierung im Rahmen des vom Freistaat Bayern finanzierten Sanierungsprojekts nicht zustimmen, zu einem späteren Zeitpunkt keinerlei Anspruch auf eine Kostenerstattung hätten. Sprich: Wer jetzt nicht mitmacht, muss die Sanierung selber bezahlen.

Das Traunsteiner Tagblatt konfrontierte damit das Landratsamt Traunstein, über das die Sanierung damals und heute abgewickelt wird. Nach Angaben von Pressesprecher Michael Reithmeier habe der Eigentümer des Grundstücks am Keplerweg der Durchführung der Sanierung zum beabsichtigten Zeitpunkt im Rahmen des laufenden Sanierungsprojekts nicht zugestimmt. Vielmehr sollte die Sanierung erst zum Zeitpunkt des Auszugs beziehungsweise des Ablebens der damaligen Bewohnerin des Grundstücks geduldet werden. Eine Sanierung auf der betreffenden Fläche sei aufgrund der fehlenden Zustimmung der Grundstückseigentümer nicht durchgeführt worden. Nach Auffassung des damaligen Verantwortungsträgers sei es angesichts der besonderen Verdienste der Grundstückseigentümerin gerechtfertigt gewesen, eine separate Sanierung zu einem unbestimmten, späteren Zeitpunkt und unter den gleichen Voraussetzungen der zwischen 2009 und 2011 durchgeführten Maßnahmen zu ermöglichen.

Dieser damaligen Auffassung entsprechend habe der Kreisausschuss im September 2010 den einstimmigen Beschluss gefasst, dass »der Landkreis Traunstein unter der Voraussetzung, dass der Freistaat Bayern Mittel in Höhe der zum damaligen Zeitpunkt auf 79 000 Euro geschätzten Kosten übernimmt, die Sanierung durchführt, mit den Grundstückseigentümern eine entsprechende Durchführungsvereinbarung abschließt und die darüber hinaus anfallenden Kosten der Sanierung übernimmt«. Die gegenwärtige Kostenschätzung für »die darüber hinaus anfallenden Kosten« liegt nach Auskunft der Landkreisbehörde bei zirka 200 000 Euro.

Weiter teilt die Behörde mit, dass die damals vom Kreisausschuss beschlossene Vorgehensweise vom Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Gesundheit mitgetragen worden sei. Der Landkreis sei deshalb an die gefassten Beschlüsse und die daraus resultierenden Verträge gebunden und müsse diese auch einhalten. Die Behörde räumt aber gleichzeitig ein, dass unter der heutigen Führung von Landkreis und Landratsamt nicht mehr so gehandelt werden würde.

Die damalige Bewohnerin des Grundstücks ist im Spätsommer 2017 verstorben. Vor rund drei Wochen wurde mit der Sanierung des Grundstücks begonnen. Die Aushubarbeiten sind nach Angaben der Behörde mittlerweile weitgehend beendet, die Wand- und Sohlbeprobungen laufen derzeit. Das Landratsamt geht gegenwärtig davon aus, dass die Maßnahme planmäßig bis zum kommenden Freitag abgeschlossen wird und das bodenschutzrechtlich sanierte Grundstück anschließend wieder an die Eigentümer zurückgegeben werden kann.

Der derzeitige Bodenaustausch verläuft ähnlich wie vor neun Jahren. Mit schwerem Gerät wird der Boden abgetragen und auf einer Deponie in Tacherting zwischengelagert, wo er nochmals auf mögliche gesundheitsgefährdende Rückstände untersucht wird, bevor er entsorgt werden kann. Bei den Erdarbeiten ist man auch auf Bunkerfundamente gestoßen, die ebenfalls entfernt wurden. Unmittelbar neben der Baustelle werden in einem Labor die entnommenen Bodenproben voruntersucht. Nach Angaben der Behörde hätten die Untersuchungen bislang aber keine Hinweise auf neue, auffällige Schadstoffe ergeben.

Bodenaustausch auf 32 Grundstücken

Bei den Untersuchungen der Verdachtsflächen 2005/2006 waren zwar keine Kampfstoffe, aber jede Menge Abbauprodukte und Verbrennungsrückstände festgestellt worden. Einige Verdachtsflächen konnten damals im Zuge der weiteren Untersuchungen ausgeräumt werden. Diejenigen Flächen, bei denen der Verdacht nicht ausgeräumt werden konnte, wurden detailliert untersucht. Dabei wurden arsenhaltige Abbauprodukte und sogenannte PAK-Anteile – Teerreste von Bunkern der ehemaligen Heeresmunitionsanstalt Sankt Georgen (Muna) – nachgewiesen. Diese Bodenproben wurden dann weiter untersucht und ausgewertet.

Auf 32 Privat- und zwei Firmengrundstücken wurde dann zwischen 2009 und 2011 ein Bodenaustausch vorgenommen. Bäume mussten zum Teil gefällt und Sträucher, Zäune, Hecken und Terrasseneinfassungen entfernt werden. Im Frühjahr 2012 sprießte in den Gärten dann schon wieder der Rasen. ga