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»Die Liebe und der Tod«

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Unser Bild zeigt die Pianistin Lydia Maria Bader nach ihrem Konzert im k1 in Traunreut.

Vor Kurzem noch in China, heute in Traunreut: Lydia Maria Bader hat mit ihrem Klavierspiel längst regionale Grenzen überschritten und konzertiert erfolgreich auf Bühnen des In- und Auslands. In einem klug aufgebauten Programm präsentierte die aus Trostberg stammende Pianistin im k1 in Traunreut eindrucksvoll Werke von Franz Schubert, Enrique Granados und Franz Liszt. Ein großes Thema, die Liebe und der Tod, zog sich wie ein roter Faden durch das Konzert, das die Künstlerin selbst moderierte.


»El amor y la muerte« – zu deutsch »Die Liebe und der Tod«: So lautet das thematische Motto für das Konzertprogramm, das Lydia Maria Bader derzeit deutschlandweit präsentiert. Und zugleich betitelt es das Kernstück der Konzerte, ein Werk des spanischen Komponisten und Ausnahmepianisten Enrique Granados (1867-1916). Es stammt aus einer Sammlung von sechs Klavierwerken, bei deren Komposition sich Granados konkret von Gemälden seines spanischen Landsmannes Francisco de Goya inspirieren ließ – und die Stücke deswegen als »Goyescas« veröffentlichte. »El amor y la muerte« erweist sich als Konzertstück mit hohem virtuosem Anspruch, das einen musikalischen Gestus »aus Bitterkeit und Anmut« zur Geltung bringt, wie der Komponist selbst es ausdrückte.

Eine gelungene Wahl der Pianistin: Denn zum einen wird diese wertvolle Musik hierzulande eher wenig gespielt, zum anderen ist sie auf ihre künstlerischen Stärken genau zugeschnitten. Lydia Maria Bader entlockt ihrem Instrument enorme Klangvielfalt und einen Farbenreichtum, der viel Vorstellungskraft und Fantasie verrät, dabei arbeitet sie die unterschiedlichen Klangschichten und -ebenen klar heraus. Das hoch Dramatische der spätromantischen Musik gibt sie mit viel Leidenschaft wieder, ohne jemals Gefahr zu laufen, in Kitsch oder Pathos abzugleiten.

Hier wie auch in den beiden von spanischer Folklore geprägten »Danzas Españolas« Nr. 2 und 5 offenbart sie ihre Begabung zur musikalischen Erzählerin, die es buchstäblich versteht, stets den richtigen Ton anzuschlagen und den dramatischen Aufbau ihrer Geschichte perfekt zu inszenieren. Die atmosphärische Dichte, die sie durch ihr Spiel erweckt, ebenso wie das Gespür für feine Klangschattierungen lassen die Beschäftigung mit dem französischen Impressionismus erahnen: Tatsächlich war es kein Geringerer als Michel Beroff, ein Meister der Debussy-Interpretation, von dem sie in ihrem Studienjahr am Conservatoire National Supérieur de Musique de Paris unterrichtet wurde.

Die klanglichen und gestalterischen Vorzüge kamen auch zu Beginn des Konzerts in Franz Schuberts (1797-1828) »Drei Klavierstücken« D 946 gut zur Geltung. Diese sehr persönlichen und bekenntnishaften Werke aus Schuberts letztem Lebensjahr, in denen er herkömmliche Formmodelle hinter sich ließ, finden sich in einer Linie mit den bekannteren »Moments musicaux« und den »Impromptus« wieder. Sie sind so komplex in ihrem musikalischen Gedankengut, so kontrastreich in ihren Stimmungen, dass sie dem Interpreten alles abverlangen.

Hervorragend verstand es die Künstlerin, die langen Spannungsbögen zu gestalten und aufrechtzuerhalten; ein Aspekt, den viele Pianisten der melodischen Schönheit zuliebe gerne vernachlässigen und damit den Zerfall der Musik in ihre Einzelteile riskieren. Weniger glaubhaft als die formale Gestaltung geriet allerdings die Interpretation von Schuberts einzigartiger Musiksprache: Die charakteristischen Wechsel zwischen den Tempi sowie zwischen Dur und Moll, durch welche die Stimmung ebenso abrupt wie ergreifend von »zu Tode betrübt« nach »himmelhoch jauchzend« umschlägt, wirkten interpretatorisch nicht voll ausgeschöpft. Das einzigartig Kontrastreiche und Polarisierende, welches das musikalische Geschehen der späten Schubert-Werke prägt, erschien hier an vielen Stellen zu glatt und harmlos.

Der dritte Komponist des Abends war Franz Liszt (1811-1868), der sich ganz wie Enrique Granados als Erneuerer der gegenwärtigen Musikszene sah. Die ausgewählten Stücke, das »Sonetto 104 del Petrarca« und die »Dante-Fantasie«, stammen beide aus dem zweiten Band von Liszts »Années de Pelerinage« – zu deutsch »Jahre der Wanderschaft«. Dabei handelt es sich um eine Art komponiertes Reisetagebuch, das er über Jahre hinweg während seiner ausgedehnten Star-Tourneen durch Europa angelegt hatte. Von Tod und Liebe handelt auch das darin enthaltene Sonett von Petrarca, in dem das lyrische Ich, einer unglücklichen Liebe geschuldet, sich in einem schwebenden Zustand zwischen Leben und Tod befindet – ein von Liszt kontemplativ und melancholisch vertontes Stück.

Nicht so die »Sonata quasi Fantasia«, in der Liszt den Zuhörer bis an die Pforten der Hölle entführt: Eine grandiose einsätzige Sonate voller technischer Raffinessen und Show-Effekte, in der sich Liszt vom wilden Ritt der Seele zur Hölle, dem »Inferno« in Dantes Göttlicher Komödie inspirieren ließ. Zwar ist es grundsätzlich überflüssig, bei Musikern wie Lydia Maria Bader, die sich auf solch hohem Niveau bewegen, von technischer Meisterschaft zu sprechen. Aber angesichts der enormen pianistischen Fähigkeiten und virtuosen Brillanz, die sie hier an den Tag legte, musste der Zuhörer doch in bewunderndes Staunen verfallen. Dieser Verbindung von Musikalität und technischer Bravour hätte selbst Franz Liszt, unangefochtener Klavier-Star seiner Zeit, seine Anerkennung gezollt.

Auch wenn sich der Bezug von »Liebe und Tod« zu Schuberts »Drei Klavierstücken« und noch mehr zu Granados’ »Danzas« nicht unmittelbar erschloss, präsentierte die Pianistin hier ein äußerst ansprechendes Programm, das sie durch fachkundige und spannende Kommentare dem Publikum nahezubringen wusste. Zwei sensibel interpretierte Stücke von Edvard Grieg sorgten als Zugaben für die Abrundung des Abends. Johanna Steiner