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Die letzte Ruhe unter Weinreben finden

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Friedweinberg
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Seit der Einsegnung des Friedweinbergs hoch oben auf dem Bergfriedhof Ahrweiler vor eineinhalb Jahren seien hier 62 Verstorbene bestattet worden, darunter 14 ortsfremde Bürger. Foto: Thomas Frey/dpa Foto: dpa

Ein kleiner Ort in der Pfalz plant eine außergewöhnliche Ruhestätte: Ein neuer Friedhofsbereich soll die Stimmung eines Weinbergs vermitteln. Die Grabpflege übernimmt weitgehend die Natur. Im Ahrtal gibt es schon einen Friedweinberg.


Bad Neuenahr-Ahrweiler (dpa/lrs) - Wein spendet Trost, dieses Sprichwort soll im Kurort St. Martin künftig auch nach dem Tod gelten. Als erster Ort in der Pfalz will die Gemeinde im kommenden Jahr einen Friedweinberg eröffnen.

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Urnenbestattungen sind dann auf einem parkähnlichen Areal mit Rebstöcken direkt neben dem jetzigen Friedhof möglich. »Die Nachfrage nach alternativen Bestattungsformen hat zugenommen - nicht nur in der Stadt, sondern auch auf dem Land«, sagt Ortsbürgermeister Timo Glaser. Zwei Drittel der Trauerfeiern seien Urnenbeisetzungen. »Da wollen wir etwas anbieten, das zu St. Martin passt«, erzählt der CDU-Politiker vor dem Volkstrauertag am 17. November, »und was könnte das Besseres sein als ein Weinberg?«

Noch gleicht das Gelände eher einer ungemähten Wiese. Aber Glaser hat eine klare Vorstellung, wie das Areal aussehen soll. »Gestalterisch gehen wir in Richtung einer Parkanlage«, schildert der 35-Jährige. »Außer Rebstöcken möchten wir Bäume und Findlinge, das passt alles zum Ort.« Geplant seien auch Sitzbänke. »Ein Friedhof ist heute ja nicht mehr nur ein Ort der Bestattung, sondern gerade für die ältere Generation oft auch ein Treffpunkt zum Erzählen«, meint Glaser. Bis zu 125 000 Euro wolle die Gemeinde in die Hand nehmen. Die Umsetzung ist mit einer Landschaftsarchitektin aus Baden-Württemberg geplant. »Wir lassen uns da nicht lumpen. Es soll ja etwas darstellen.«

Das Areal in St. Martin wäre erst der zweite Friedweinberg in Rheinland-Pfalz. Die einst bundesweit erste Anlage dieser Art in Bad Neuenahr-Ahrweiler südlich von Bonn findet nach Auskunft der Kurstadt guten Anklang. Seit der Einsegnung im Juni 2017 seien bis Ende Oktober 2019 insgesamt 84 Urnen unter Reben der Sorte »Blauer Muskateller« beigesetzt worden, sagt Stadtsprecher Karl Walkenbach. Das Ahrtal wird oft als Rotweinparadies bezeichnet. Ende 2018 wurde im nordbayerischen Nordheim am Main ein Friedweinberg eingeweiht. Weitere ähnliche Anlagen in Deutschland sind nicht bekannt.

Initiative mit Gemeinde und Kirche abgestimmt

Und nun also St. Martin mit rund 1700 Einwohnern im Kreis Südliche Weinstraße. Was sagen die Leute zu dem Projekt? »Aus der Bevölkerung kommt überwiegend positive Resonanz«, berichtet Glaser. Und auch mit der katholischen Kirche sei die Initiative abgestimmt. Für Pfarrer Andreas Jacob ist unter anderem wichtig, dass an der Begräbnisstelle der Name des Gestorbenen angebracht wird. Bestattungsformen würden sich ändern - etwa durch Beisetzungen in einem Wald. Da habe der geplante Friedweinberg im Zentrum des Ortes den Vorteil, näher zu sein.

Ähnlich sieht es der 1. Beigeordnete von St. Martin, Michael Rössler. »Die Frage der Grabpflege ist heute eine andere als noch vor ein paar Jahren«, sagt der SPD-Politiker. »Die Kinder wohnen oft auswärts und besuchen das Grab der Eltern oder Großeltern nicht mehr so häufig wie frühere Generationen.« Auch der Beigeordnete Frank Moll (CDU) steht voll hinter der Idee eines Friedweinbergs. »Für ältere Menschen ist der Gedanke, nach dem Tod verbrannt und in einer Urne beigesetzt zu werden, oft noch fremd. Aber die Zahl solcher Bestattungen nimmt zu.«

Glaser hat die Anlagen in Bad Neuenahr-Ahrweiler und Nordheim am Main genau auf Fotos und Plänen studiert. Nun soll es auch in St. Martin losgehen. »Wir wollen alles so anpflanzen, dass noch 2020 die ersten Bestattungen stattfinden können.« Wie viele Menschen dann auf dem Gelände bestattet werden können, ist noch nicht ganz klar. Auf dem benachbarten Friedhof hat die Gemeinde Wände mauern lassen, in denen die Urnen Aufnahme finden. Eine Tafel nennt Namen und Daten des Toten. »Das ist eine pietätvolle Art, aber wir können und wollen nicht noch viel mehr dieser Mauern aufstellen«, sagt Rössler.

Mit rund 50 Rebstöcken rechnet der Wein- und Luftkurort auf dem Friedweinberg, unter jedem Rebstock könnten bis zu acht Urnen bestattet werden. Ein solches Grab könnte deutlich günstiger angeboten werden als die bisherigen Bestattungsmöglichkeiten. Ein genauer Preis wurde bisher nicht festgelegt. Gelesen und verarbeitet werden sollen die Trauben des Rebstocks aber nicht. »Das wäre unpassend«, meint Ortsbürgermeister Glaser. »Und es wäre mehr als fraglich, ob jemand diesen Wein wirklich gerne trinken würde.«

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