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Die immer gleiche Gier nach Gold

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Zum Schreiben ist Kurt Rittig in seine Heimat Berchtesgaden zurückgekommen. (Foto: Merker)

Berchtesgaden – »Skarabäus oder Das Gold im Meer« heißt der neue Roman von Prof. Kurt Rittig aus Berchtesgaden. Der Mord an einem Agenten des Bundesnachrichtendienstes verbindet sich mit dem Leben des jungen Wissenschaftlers Georg Knittel während der Nazizeit in Deutschland. Spannend erzählt Rittig den auf einer wahren Begebenheit beruhenden Thriller und schafft es mit sprachlicher Genauigkeit, anhand eines Einzelschicksals deutsche Geschichte greifbar zu machen.


Der Tote im Grab von Prinz Heinrich, dem Bruder Friedrichs des Großen, im Park von Schloss Rheinsberg ist nicht der dort begrabene Heinrich. Sondern ein Agent des Bundesnachrichtendienstes, der in dem aufgebrochenen Grab mit abgetrenntem Kopf liegt. Der Chef des Opfers, Lazarus Brogsitter, von allen nur »Das Rechteck« genannt, stellt Nachforschungen an und stößt dabei auf Verwicklungen, die weit in die deutsche Vergangenheit zurückreichen. Es ist die Geschichte des jungen Wissenschaftlers Georg Knittel, eines Chemikers, der zusammen mit seinem Professor Jakob Rotmann versucht, das im Meerwasser vorhandene Gold mithilfe chemischer Vorgänge herauszufiltern.

»Skarabäus« nennen sie das Projekt, nach dem Glückskäfer der Ägypter, für die dessen goldene Kugel die verehrte Morgensonne symbolisiert. Die im Meerwasser vorhandenen Goldteile sind sehr klein, daher gestaltet sich das Vorhaben als schwierig. Doch Rottman sieht darin eine Möglichkeit, die unglaublichen Reparationsforderungen nach dem Ersten Weltkrieg begleichen zu können. Als er die Lösung gefunden hat, beendet 1933 die Machtergreifung der Nazis seine Forschungen, denn als Jude ist er für die neuen Machthaber nicht länger tragbar. Bei einem ominösen Unfall in der Schweiz kommt er ums Leben. Allerdings hat er zuvor, ahnend, welches Schicksal ihm drohte, seinen Mitarbeiter Knittel zum Mitwisser gemacht. Der trägt schwer an der Bürde, die sein Leben für immer bestimmen wird.

Die Gier nach den unermesslichen Goldvorräten im Meerwasser überdauert die Jahrzehnte und führt schließlich zum Mord an dem Agenten des BND. Brogsitter ist auf die Hilfe anderer Nachrichtendienste angewiesen, denn er hat einen Verräter in den eigenen Reihen. Am Ende klärt sich der Fall, aber es bleibt die Erkenntnis, dass sich Geschichte immer wiederholt.

Der Roman »Skarabäus« hat alle Zutaten für einen klassischen Thriller. Aber Rittig schafft es, anhand der Schicksale seiner handelnden Personen wie nebenbei deutsche Geschichte darzustellen. In seiner Fähigkeit, mit wenigen Sätzen in am äußersten Rande der eigentlichen Historie handelnden Personen das gesamte Geschehen zu kondensieren, darin liegt die eigentliche Stärke des Romans. Dabei ist er spannend zu lesen und viele Sätze entfalten in ihrer lakonischen Klarheit eine unglaubliche Wirkung.

Rittig ist ein begnadeter Geschichtenerzähler, dem man seine filmische Vergangenheit anmerkt. Plastisch entwirft er seine Figuren, mit einem scharfen Blick für Details, die, pars pro toto, mit Bedeutung aufgeladen sind. Der in Bischofswiesen aufgewachsene Prof. Kurt Rittig war lange Jahre Fernsehdirektor des Senders Freies Berlin und des Südwestfunks und hat mit seiner Produktionsfirma »Rosspoint-Film« zahlreiche Filme gedreht. Für seinen lebenslangen Einsatz gegen Rassismus und Radikalismus erhielt Kurt Rittig 2003 das Bundesverdienstkreuz am Bande. Heute lebt er wieder in Berchtesgaden.

Nach seinem Roman »Der Spendensammler«, der schon spannende Elemente besaß, hat er seinen »Skarabäus« als Thriller angelegt. Ausgangspunkt dafür war sein Dokumentarfilm über das Leben von Fritz Haber. Der jüdische Chemiker und Nobelpreisträger, Erfinder des Giftgases, forschte in den 20er-Jahren tatsächlich nach Möglichkeiten zur Gewinnung von Gold aus Meerwasser, um die deutschen Reparationszahlungen zu finanzieren. Allerdings hat er, anders als Rottmann in dem Buch, keine brauchbare Lösung gefunden. Vor dem Hintergrund dieser Geschichte, ein deutscher Jude, der sich für sein Vaterland mit zweifelhaften Mitteln als Wissenschaftler einsetzt, spinnt Rittig das Geschehen weiter. Die Gier nach Gold wird dabei einigen zum Verhängnis. Mit Lazarus Brogsitter hat er einen sympathischen, leicht melancholischen Geheimdienstler geschaffen, der abseits aller Klischees das Zeug hat, noch in weiteren Fällen zu ermitteln.

»Skarabäus oder Das Gold im Meer« von Kurt Rittig hat 265 Seiten, kostet 19,80 Euro und ist im Schibri-Verlag erschienen. Christoph Merker